Kein Alltagsstress

Wochenend-Reisen ins Mittelalter

Stephanie Klose-Kiefert lebt wie im Mittelalter, wenn der Verein „Strack Duer“ sein Sommerlager aufschlägt. Getragen wird dann nur selbst hergestellte Kleidung aus Leinen. Für ihren Sohn näht sie ein Gewand mit eingesticktem Wappen.Fotos: Kutsch

Allendorf-Rennertehausen - Das Mittelalter hat in Rennertehausen Einzug gehalten: Gelb-schwarze Zelte, rustikale Holzbänke, Becher aus Ton und eine Feuerstelle bilden das Lager, in dem Mittelalterfreunde am Wochenende leben - wie Menschen in der Zeit um 1250.

Stephanie Klose-Kiefert hat in Rennertehausen einen Laden für Anglerbedarf. Mit ihrer Familie lebt sie in einem Haus mit großem Garten. Vor der Tür steht ein Auto. Am Wochenende lassen sie und ihr Sohn Norman die „moderne“ Welt jedoch hinter sich und schlüpfen sprichwörtlich in ein ganz anderes Gewand: Sie tauschen Jeans und Pulli gegen Gewänder aus Leinen und das Haus gegen ein Lager mit Zelten. Dann kocht Stephanie Klose-Kiefert nicht in der Küche auf dem Herd, sondern über der Feuerstelle unter einem großen Baldachin. Es ist so etwas wie der Gemeinschaftsraum der Gruppe vom Verein „Strack Duer“. Der Korbacher Verein hat etwa 15 Mitglieder, die das Mittelalter um 1250 erlebbar machen. Sie reisen auf Märkte und werden für Dorffeste gebucht - dort schlagen sie dann ihr Lager über das Wochenende auf und zeigen den Zaunguckern, wie die Menschen vor fast 800 Jahren lebten - und zwar authentisch: Die Gewänder sind selbst genäht, ins Essen kommen nur Lebensmittel, die es damals schon in Deutschland gab, das Geschirr ist aus Ton.

Weil der Verein in diesem Jahr nur auf den Märkten in Korbach und Fritzlar sein Lager aufschlagen wird, leben die Mittelalter-Freunde an diesem Wochenende im Garten der Familie Klose-Kiefert. Dort haben sie die Zelte aufgeschlagen, die Bänke mit Fellen ausgestattet und die Kochstelle aufgebaut. „Wir hatten Sehnsucht, deswegen schlagen wir das Lager hier auf“, erzählt der 17-jährige Norman.

Stephanie Klose-Kiefert ist die Köchin der Gruppe. Als sie vor drei Jahren mit ihrem Sohn die Liebe zum Mittelalter entdeckte, stieg sie als Bäuerin ein. Heute ist sie Köchin und bekommt noch eine Rolle als Herrin. Dafür näht sie gerade an einem blau-weißen Gewand und verziert es mit Stickereien. „Das Gewand ist auch aus Leinen, aber weicher und feiner, als das Leinen, dass ich für mein Bäuerinnen-Gewand verwendet habe“, erklärt die Rennertehäuserin.

Noch einfacher als das Nähen ist laut der 45-Jährigen das Kochen: „Die Temperatur ändere ich, in dem ich den Topf höher hänge“. Verwenden dürfe sie keine Kartoffel, Paprika oder Tomaten. Auch Gewürze muss sie sparsam einsetzen. Dafür verwendet Klose-Kiefert viele Kräuter. Linsenpürree, Sauerkraut mit Kasseler und Pfannenbrot stehen häufig auf dem Speiseplan. Was genau ins Essen darf sei leicht rausgefunden: „Im Internet findet man viele Informationen“.

Die 45-Jährige kam eigentlich nur durch ihren Sohn zum Mittelalter. Vor drei Jahren hatte Norman den Wunsch, sich mehr mit dieder Epoche zu beschäftigen. „Ich habe bei Computerspielen schon immer gerne mittelalterliche Rollenspiele gespielt“, erklärt Norman. „Da habe ich Interesse an dieser Richtung entwickelt und wollte gerne mal so etwas ausprobieren.“ Seine Mutter war sofort dabei und gemeinsam fanden die beiden den Korbacher Verein. „Wir hatten dann ein Jahr Probezeit, in der wir reinschnuppern konnten“, erklärt Stephanie Klose-Kiefert. In dieser Zeit bekomme man eine Rolle zugewiesen, über die man sich informieren müsse. Auch das Gewand muss innerhalb des ersten Jahres fertig werden.

Norman ist mittlerweile Knappe - und weil sein Name so gar nicht nach Mittelalter klingt, heißt er im Sommerlager Koloman. Er dient dem Herrn Lukas du Bois und muss als Knappe dafür Sorge tragen, dass das Schwert poliert ist und die Rüstung in Ordnung. Manchmal sitzt er im Lager faul rum und unterhält sich mit den anderen - aber nur, wenn er von seinem Herrn keine Aufgabe bekommen hat. Manchmal hilft er aber auch beim Kochen.

Norman liebt die Ruhe im Lager. „Im Alltag geht alles nur stressig hin und her und ist unter Zeitdruck. Das haben wir im Lager nicht. Hier geht alles viel ruhiger zu“, erklärt er, warum er nach dem Schnupperjahr dabei geblieben ist. Stephanie Klose-Kiefert liebt schon allein das Nachforschen. Aber das mittelalterliche Leben helfe auch ihrer Gesundheit: Sie ist Diabetikerin, „aber in der Zeit von Juni bis Oktober, wenn wir unsere Lager haben, geht der Langzeitzuckerwert nach unten. Auch wenn ich meine Medikamente vergesse.“

Ihr Lager schlagen die „Strack Duerer“ das nächste Mal vom 17. bis 19. August in Fritzlar und vom 12. bis 14. Oktober in Korbach auf. Dort unterhalten sie das Publikum mit einem Knappentraining, bei dem jeder mitmachen kann.

Der Korbacher Verein sucht weitere Gefährten für seine mittelalterlichen Zusammenkünfte. Informationen gibt es bei Stephanie Klose-Kiefert, Telefon 06452/911650.

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