Zerstört, verbannt, wieder entdeckt

Spätgotische Kruzifixe im Oberen Edertal überdauerten Jahrhunderte

Das große Battenfelder Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert wurde von Monika Halama und Reiner Gasse bei der Kirchenrenovierung 2017 wieder angebracht. Der Andachtsraum ist derzeit täglich geöffnet.
+
Das große Battenfelder Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert wurde von Monika Halama und Reiner Gasse bei der Kirchenrenovierung 2017 wieder angebracht. Der Andachtsraum ist derzeit täglich geöffnet.

Das Kreuz mit dem gemarterten Gottessohn ist das christlichste aller Zeichen. Das ganze Jahr über ist es den Kirchenbesuchern vor Augen, aber an keinem anderen Feiertag rückt es so in die Betrachtung und das Nachdenken über seine theologische Bedeutung wie am Karfreitag.

Frankenberger Land – In den katholischen und manchen evangelischen Gemeinden wird das Kruzifix ab Gründonnerstag verhüllt, um am Ostersonntag als Zeichen für den Sieg Jesu über den Tod und für die Liebe Gottes zu den Menschen feierlich wieder sichtbar gemacht zu werden.

Ein Blick in die regionale Geschichte zeigt, dass diese von Künstlern geschaffenen Bildnisse, teilweise mit dem hoch schwebenden Gekreuzigten sogar „Triumphkreuze“ genannt, über Jahrhunderte gefährdet waren und selbst tragische Schicksale erlitten. Der „Bildersturm“, mit dem der reformierte Landgraf Moritz der Gelehrte in einer „zweiten Reformation“ nach 1605 in Nordhessen die Kunstwerke aus den Kirchen räumen ließ, machte selbst vor den Bildnissen des leidenden Christus am Kreuz nicht Halt – nur die kleine Grafschaft Waldeck konnte sich widersetzen. Sogar einfache Holzkreuze selbst wurden zeitweilig aus den Kirchenräumen verbannt. Vermutlich waren es beherzte Gemeindemitglieder, die die wertvollen Kunstwerke und Glaubenszeichen wenigstens auf dem Dachboden der Kirche aufbewahrten.

Das Kruzifix in der Hatzfelder evangelischen Stadtkirche aus der Mitte des 15. Jahrhunderts ist typologisch verwandt mit weiteren spätgotischen Kreuzdarstellungen im oberen Edertal.

Ob es die Bilderstürmer, der Dreißigjährige Krieg oder die Pest waren, die beispielsweise in Battenfeld ein völlig demoliertes Kruzifix hinterließen, ist unbekannt. 1964 wurde es von dem Restaurator Karl Nothnagel „in mühsamer Arbeit hergerichtet“, wie der später Pfarrer Klaus Fey schilderte. Schon 1956 war in Battenfeld ein wertvolles Kruzifix restauriert worden, das ebenfalls heute zu den kunsthistorischen Schätzen der Kirche gehört. Beide Kunstwerke wurden 1966 bei einer Ausstellung der Unesco in Kassel gezeigt.

Einen mit weißer Ölfarbe „schauderhaft“ angestrichenen, aus Eiche geschnitzten Christuskörper mit Reliquienvertiefung aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, der ebenfalls unbeachtet auf dem Kirchendachboden gelagert worden war, tauschte die Kirchengemeinde Birkenbringhausen anlässlich des Kirchenneubaus 1936 gegen ein neues Kruzifix aus Oberammergau ein. Der romanische Kruzifixus von Birkenbringhausen, damals für 300 Mark verkauft, gehört heute zu den wertvollsten Kirchenkunstwerken des Universitätsmuseums im Marburger Schloss.

Kunstschatz aus Birkenbringhausen: Diese Christusfigur nach dem Vorbild des ältesten in Köln erhaltenen Gero-Kreuzes (um 1000) wurde 1936 verkauft und hängt heute im Marburger Universitäts-Museum.

Darauf, dass gerade in den Kirchen des Oberen Edertals zahlreiche spätgotische, offenkundig typologisch verwandte Kruzifixe erhalten geblieben sind, machte Denkmalpfleger Dr. Jürgen Michler erstmals 1980 in einer Dokumentation aufmerksam (siehe Hintergrund). Vermutlich seien sie in Werkstätten im Bereich der heutigen Landkreise Waldeck-Frankenberg und Marburg-Biedenkopf in vielen Details deckungsgleich hergestellt worden. Schon seine Vorgängerin Anneliese Klappenbach hatte unter ihnen das „prachtvolle große Kruzifix von Hatzfeld“ im Zusammenhang mit den zwei Battenfelder Holzkreuzen gelobt.

Hintergrund

Der Kunsthistoriker Michler wies die Christusdarstellungen einem Kruzifixustyp zu, der in der Zeitspanne von etwa 1420 bis 1520 gebräuchlich war: Die Schnitzwerke zeigen Christus „in die Symmetrie des Kreuzes eingebunden. Lediglich die Wendung des Hauptes ins Halbprofil mit der tief zur Seite herabhängenden Haarsträhne sowie die dazu formal korrespondierende Schürzung des Lendentuches durchdringen die Symmetrie und bringen verhalten, aber deutlich eine innere Spannung zum Ausdruck“.

Der Konservator verglich Details wie Dornenkronen, Lendenschurze und das angewinkelte rechte Knie des Gekreuzigten. Er war überzeugt, dass die von ihm untersuchten Kruzifixe im Oberen Edertal von Künstlern in Marburg oder Frankenberg geschaffen worden sind. In die Werkgruppe von Lixfeld, Battenfeld und Hatzfeld ordnete Michler unter anderem auch die Kruzifixe von Sachsenberg, Bottendorf, Oberrosphe, Wollmar, Laisa und Frankenberg ein. Eine vergröberte Wiederholung des kleinen Frankenberger Altarkreuzes in der Liebfrauenkirche gebe es in Giflitz.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare