Der Leiter der regionalen Telefonseelsorge, Pfarrer Sven Kepper, im FZ-Interview

Zuhören, wenn es kritisch wird

Unter den Rufnummern 0800/1110111 und 0800/1110222 gibt es Hilfe in Krisen: anonym und kostenlos. Wer diese Nummern aus der Region zwischen Schwalmstadt, Marburg und Frankenberg wählt, erreicht die Telefonseelsorge in Marburg. Foto: Fotolia

- Die Marburger Telefonseelsorge ist 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr für die Menschen in der Region Marburg, Frankenberg und Schwalmstadt zuständig. FZ-Redakteurin Andrea Pauly hat mit dem Leiter, Pfarrer Sven Kepper aus Wetter, über das Angebot gesprochen.

Herr Kepper, die Telefonseelsorge hat auch 59 Jahre nach ihrer Gründung noch Bestand. Wer ruft bei Ihnen an?

Wir haben ganz viele Menschen, die einsam sind; viele, die eine Erkrankung haben, oft eine psychische, die zum Beispiel in einer Depression sind. Viele Anrufer haben Beziehungsprobleme. Es kann etwas mit dem Partner oder der Partnerin, aber auch im Familienkreis sein, zum Beispiel, dass man mit Kindern nicht klarkommt. Wir haben Mütter, die festgestellt haben, dass ihr Kind in eine Abhängigkeit gerutscht ist.

Gibt es bei den Themen Veränderungen, oder sind die Schwerpunkte beim Beratungsbedarf stabil?

Es hat sich eine wesentliche Veränderung ergeben, nämlich im Bereich der Sozialgesetzgebung, also Hartz IV. Wir haben unglaublich viele Leute, die am Existenzminimum leben und die kaum über den Monat kommen. Da sind manchmal Hinweise auf die Tafeln wichtig, aber auch, immer wieder Mut zu machen, zu den Ämtern zu gehen und sie nicht pauschal für unwillig zu erklären. Manchmal geht es darum, den Menschen Mut zuzusprechen, dass man mit kleineren Verhältnissen klarkommt. Bei vielen Älteren gibt es auch Schamgefühle: Sie wollen dem Staat nicht auf der Tasche liegen.

Rufen mehr Frauen oder mehr Männer an?

Es sind weitaus mehr Frauen, die anrufen, wir haben aber auch weitaus mehr Mitarbeiterinnen. Ich will keine Klischees bedienen, aber die Statistik zeigt, dass Frauen offener dafür sind, ihre Probleme mitzuteilen.

Wer sitzt denn am anderen Ende der Leitung und nimmt die Gespräche an?

Das sind 35 gut ausgebildete, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Momentan haben wir acht weitere in der Ausbildungsgruppe. Sie werden neun Monate lang ausführlich geschult auf alles, was so kommen kann. Unsere Mitarbeiter sind psychisch stabil, bringen Zeit und Einfühlungsvermögen mit. Sie hören zu, und ganz wichtig ist: Sie überschütten den Anrufer nicht mit Ratschlägen. Es geht nicht darum, viel zu erfahren, sondern auf emotionaler Ebene zu helfen und zu unterstützen. Ein konkretes Beispiel: In Deutschland sind Ferndiagnosen von Ärzten am Telefon verboten. Das gilt auch für die Ärzte, die ehrenamtlich bei uns mitarbeiten. Aber sie können mit dem Anrufer darüber sprechen, welche Schritte notwendig sind, damit er zum Arzt geht. Sie können Hürden abbauen, ermutigen und Realitätskonzepte abklären. Da gibt es eine Reihe von Blockaden, die Menschen haben können. Unsere Mitarbeiter zeigen auf, dass der Anrufer mehr Optionen hat, als er denkt.

Im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiter in Marburg insgesamt 9265 Gespräche geführt - das sind im Durchschnitt etwa 25 pro Tag. Wie viele dieser Anrufe sind Test- oder Scherzanrufe?

Natürlich gibt es die Jugendlichen, die einfach gucken wollen, ob da wirklich ein Mensch ans Telefon geht. Ich habe keine genaue Zahl, aber ich würde sagen, um die 15 Prozent, etwa jeder sechste Anruf. Das hängt auch damit zusammen, dass Jugend heute fit ist mit Telefonie und kostenfreien Nummern, die dann einfach ausprobiert werden. Manchmal sind das auch einfach Mutproben in der Phase zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Da sind wir auch Entwicklungshelfer.

Wie reagiert Ihr Team in so einem Fall?

Ich empfehle den Mitarbeitern, in so einem Fall nicht harsch oder ablehnend zu sein, sondern darauf einzugehen, sich darauf einzulassen, aber auch schnell deutlich werden zu lassen, dass man weiß, dass es fingiert oder spaßhaft ist. Dann kann ich auch eine Wendung einbauen und fragen, ob den Jugendlichen doch ein Problem umtreibt.

Wer die Telefonseelsorge anruft, hat oft schwerwiegende Probleme. Wie gehen Ihre Mitarbeiter damit um?

Wir bieten regelmäßige Supervisionssitzungen mit ausgebildeten externen Fachkräften an, um die Mitarbeitenden engmaschig zu begleiten. Sie werden aufgefangen und nicht allein gelassen. Total entlastend ist auch die gute Atmosphäre, die unter den Mitarbeitenden herrscht. Wir wollen, dass die Mitarbeitenden untereinander auch untereinander Kontakt aufnehmen und sich austauschen. So gibt es unterschiedliche Ebenen und Stufen von Problembearbeitungen. Ich bin als Leiter natürlich auch jederzeit ansprechbar.

Die Telefonseelsorge ist anonym. Was passiert, wenn Ihre Mitarbeiter am Telefon vor ernsthaften Problemen stehen, etwa wenn um eine kriminelle Tat oder eine Suizidabsicht geht?

Da gibt es in der Bundesrepublik eine klare rechtliche Regelung: Eine Verbrechensankündigung ab einer bestimmten Schwere muss angezeigt werden, da hat der Mitarbeiter keine Wahl. Da geht es zum Beispiel um eine Mordankündigung oder Landesverrat. Das muss aber durch den Filter der Plausibilitätsprüfung. Denn man muss damit rechnen, dass sich jemand wichtig tun, erschrecken, ernstgenommen werden will. Die Mitarbeiter kennen die Notrufnummer, die sie in schwerwiegenden Fällen anrufen, und dann sehen wir weiter. Das kommt aber glücklicherweise selten vor. Der andere Fall ist eine Suizidankündigung. Weil ein Anrufer nicht so schnell zu lokalisieren ist, wie man das aus amerikanischen Fernsehsendungen kennt und es datenschutzrechtliche Vorgaben gibt, kann die Polizei nicht einfach so tätig werden. Sie bräuchten schon harte Fakten wie einen Namen, den Wohnort und ähnliches - auch wenn die Warnung noch so plausibel erscheint. Deshalb haben die Gespräche am Telefon das Ziel, den höchsten Punkt der Todessehnsucht überwinden zu helfen. Wir gucken, wer noch helfen kann, welche Probleme tatsächlich bestehen, und wir fragen nach: Was ist gelungen im Leben? Gerade da gilt es, hartnäckig zu bleiben.

Welche Vor- und Nachteile hat die Anonymität von Anrufern und Mitarbeitern?

Ein Vorteil ist, dass ich mich meinem Gegenüber stärker öffnen kann. Es ist hilfreich, dass ich ihn nicht sehe. Ich muss mich nicht schick machen, bei meiner Kleidung nichts Besonderes beachten. Dass ich den Namen nicht erfahre, ist auch gut, denn so gibt es kein Nachdenken, ob man sich kennt oder einen Namen vielleicht schon mal gehört hat. Der Nachteil ist: Wenn wir aufgelegt haben, geht es nicht weiter. Jedes Gespräch ist ein Einzelfall. Und dass ich den gleichen Anrufer beim nächsten Telefondienst wieder bekomme, ist selten. Aber so ist es auch nicht gedacht: Wer eine längere Begleitung sucht, wird an andere Stellen verwiesen. Wir sind Instrument der Krisenintervention. Rein technisch so, dass wir bei der Telekom darum gebeten haben, dass im Display nie die Nummer angezeigt wird. Wir wissen nie wer anruft. Und in 90 Prozent der Fälle nennen die Leute ihren Namen nicht oder geben einen Namen an, bei dem man aber sofort merkt, dass es nicht der echte ist.

Eine der Voraussetzungen für die ehrenamtliche Mitarbeit in der Telefonseelsorge ist die Zugehörigkeit zu einer Kirche. Welche Rolle spielt der Glauben bei den Gesprächen?

Der Glaube spielt eine wichtige Rolle, weil er Grundlage ist für Ermutigung, Vergewisserung und Hoffnung. Oft werden unsere Leute gefragt, wo sie ihre Zuversicht hernehmen. Das unterscheidet sie von Therapeuten, die nur über die Klienten sprechen. In der Anonymität der Telefonseelsorge kann ich sagen, dass mir so etwas schon begegnet ist und wie ich damit umgehe. Wir sind aber kein missionarischer Dienst: Wir sprechen nicht von uns aus über den Glauben. Das ist eher andersrum: Wir werden oft danach gefragt.

Die Telefonseelsorge ist also nicht nur ein Angebot für gläubige Menschen?

Genau! Ähnlich wie die kirchlichen Kindergärten sind wir offen für alle Menschen, egal welchem Glauben sie angehören.

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