Frankenberg

Zwei Kantoreien wie aus einem Guss

- Frankenberg. In einen wahren Hörgenuss kamen am Sonntagabend mehr als 400 Besucher in der ausverkauften Liebfrauenkirche. Den Akteuren spendeten sie minuten-langen Applaus.

Der Komponist hätte sicherlich seine helle Freude an den Klängen gehabt, die am frühen Sonntagabend durch die Frankenberger Liebfrauenkirche zogen. Zwei hervorragend besetzte (Laien-)Sängerensembles, vier ausgezeichnete Solisten und ein gut aufgelegtes, intonationssicheres Orchester erweckten den Propheten Elias musikalisch genau so zum Leben, wie Felix Mendelssohn Bartholdy es sich in seinem gleichnamigen Oratorium vorgestellt haben mag.

Gewohnt souverän geführt von Kantor Alexander Meyerliefen alle Mitwirkenden zu wahrer Höchstform auf. Siehaben sich den begeisterten Applaus, der die fast restlos ausverkaufte Kirche noch lange nach den letzten Tönen des Oratoriums erfüllte, nicht nurin vielen harten Proben erar-beitet, sondern auch in vollem Umfang verdient.

Mendelssohn war schon zu seinen Lebzeiten ein sehr beliebter Komponist. Seine wunderbar anmutigen und feinen Kompositionen werden auch heute noch sehr geschätzt. Er gilt zu Recht als ähnliches Wunderkind wie Mozart und bewies bereits früh sein schöpferisches Musiktalent. Schon mit 17 Jahren verblüffte der junge Komponist seine Umweltmit einem Meisterwerk, der Ouvertüre zum „Sommernachtstraum“. Es wundert nicht, dass seine Werke bald im Mittelpunkt des kulturellen Lebensin Deutschland standen.

Auch seinem neben dem „Paulus“ zweiten großen Oratorium „Elias“ hat Mendelssohn Bibeltextstellen in deutscher Sprache zu Grunde legen lassen. Die Uraufführung fand dann jedoch – übersetzt ins Englische – am 26. August 1846 in Birmingham statt. Mendelssohn hat das Werk aufgrund seines Todes am 4. November 1847 selbst nie in seiner Muttersprache zu hören bekommen; die erste Aufführung in Berlin am 3. November 1847 leitete anstelle des an einem Schlaganfall erkrankten Komponisten Musikdirektor Julius Schneider.

Der „Elias“ in Frankenberg entsprach zwar nicht ganz dem, was Mendelssohn von der Uraufführung gewöhnt gewesen wäre. 93 Streicher, gut 80 Bläser und ein Chor von 271 Sängerinnen und Sängern hätte die Dimensionen der Liebfrauenkirche aber auch gesprengt und keinen Platz mehr für das so erfreulich zahlreiche Publikum gelassen. In der „reduzierten“ Besetzung mit den Kantoreien der Liebfrauenkirche Frankenberg und der Auferstehungskirche Bad Oeynhausen sowie dem Sinfonieorchester „Opus 7“ konnte sich das Oratorium allerdings ebenso hören lassen.

Die fast opernhaft szenische Umsetzung der biblischen Prophetenerzählung haben die Mitwirkenden perfekt herausgearbeitet. Es gab wohl niemanden im Publikum, der sich von der an Orchesterfarben reichen Musik nicht mitreißen ließ. Der „Elias“ stellte sich also auch in der Liebfrauenkirchen-Version als kompositorischer Höhepunkt in der Kirchenmusik Mendelssohns dar. Die Intention des Komponisten bei der musikalischen Umsetzung der Bibelgeschichte war es, einen starken, kämpferischen Propheten zu zeichnen, der sich gegen die Vielgötterei auflehnt. Zugleich entstand aber auch das Bild eines Verzweifelten, der schwere Niederlagen erleiden muss, aus denen er gestärkt hervorgeht und schließlich als Sieger im feurigen Wagen gen Himmel fährt. Die moderne, einen weiten Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Nummer durchhaltende Dramaturgie lässt den „Elias“ topaktuell sein und verleiht dem Oratorium eine Sonderstellung in seiner Gattung.

Den Zuhörern in Frankenberg erschloss sich Dank der exzellenten Ausführung die Einzigartigkeit des Werkes in hohem Maße. Dabei hatten die Besucher des Einführungsvortrags von Kantor Meyer einen kleinen Vorteil – sie wussten, worauf es sich vor allem zu achten lohnte.Die Besonderheiten des Oratoriums konnten am Sonntag in der Liebfrauenkirche aber auch allen anderen auffallen, die sich mit wachem Geist auf den Dialog zwischen Musizierenden und Zuhörenden einließen.Tritoni zur Betonung der Dramatik, die sich durch das gesamte Werk ziehen, oder Leitmotivik, also die Zuordnung eines musikalischen Themas zu einer bestimmten Person oder einem Ereignis, von Mendelssohn hier erstmals verwendet – an solche wichtigen Stellen setzte Meyer die Akzente seiner Interpretation, eine enorme Hilfestellung, um die Feinheiten des Oratoriums auch als musikalischer Laie zu verstehen.

Neben der Lautmalerei des Bassisten, der die Rolle desTitelhelden ausfüllt, lebt der „Elias“ von einer außergewöhnlichen Leistung des Chores.Die Sängerinnen und Sänger sind über die Hälfte der zweistündigen Aufführung gefordert, weit mehr als in vergleichbaren Werken und wesentlich handlungstragender. Die wie aus einem Guss agierenden beiden Kantoreien bewältigten diese Aufgabe meisterlich, ob in einem der vielen packenden und mitreißenden „Volks“-Chöre oder bei der grandiosen Schlussfuge, dieein triumphales Ausrufezeichen ans Ende des Oratoriums setzt. Was sie hier boten, ging weit über die Leistungsfähigkeit reiner Laienchöre hinaus und kann durchaus schon als professionell bezeichnet werden.

Besonders eindrucksvoll geriet dabei die vergebliche Anrufung Baals, in der sämtliche Phasen des Gemütszustandes des Volkes, von zuversichtlich über ungeduldig bis unsicher und ratlos, quasi plastisch zu hören waren.Der für eine solch tragende Rolle noch sehr junge Bassist Sebastian Pilgrim, Detmold, verlieh seinem Elias ein tiefes Profil, indem er nichtnur seine Stimme, sondernden ganzen Körper zur Interpretation einsetzte. Ein sehr lebendiger Prophet entstand so vor den Augen des Publikums, vor allem in der tieferen Lage mit einer bemerkenswerten, scheinbar altersgereift-sonoren Stimme. Sopranistin Lara Venghaus aus Bielefeld, gerade einmal 23 Jahre jung, gefiel besonders in der höchsten Lage, in der sie wunderschön glockig-klar intonierte.

Seine große Klangfülle stellte einmal mehr Tenor Johannes Klüser aus Köln unter Beweis; seine angenehm weiche Stimme dringt mühelos in jeden Winkel der Kirche – selbst wenn er statt in den Raum hinausgegen sein Notenblatt singt,was jeder Chorleiter seinen Sängern als abzustellende Sünde auslegen würde.Auch Altistin Angela Froemer aus Düsseldorf meisterte jede ihrer Rollen mit so voller, schöner Stimme, dass ihreSolopartien ein wahrer Hörgenuss waren.

Nach dem höchst gelungenen „Weihnachtsoratorium“ Ende vorigen Jahres habenKantor Alexander Meyer und seine Mitstreiter mit dem „Elias“ wieder einen Meilenstein in der Geschichte der Kirchenmusik in Frankenberg gesetzt. Das Oratorium war ein echter Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 50-jährigen Bestehen der Kantorei der Liebfrauenkirche Frankenberg. Man darf gespannt sein, was Meyer als nächste große Herausforderung für die Jubilarin in Angriff nimmt und worauf sichsomit die große Fangemeinde des Chores freuen kann.

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