Frankenberg

Zwei Monate am anderen Ende der Welt

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- Frankenberg (ms). Nachdem eine junge Chilenin drei Monate in Frankenberg als Gastschwester bei ihrer Familie gelebt hatte, folgte im Sommer der Gegenbesuch von Maren Schreiber in Chile. Organisiert wurde die Reise der 17-jährigen Edertalschülerin vom Verein für Deutsche Kulturbeziehungen im Ausland (VDA).

Die Aufregung erreichte ihren Höhepunkt auf dem Frankfurter Flughafen. Eine Betreuerin vom VDA empfing uns, wir besprachen noch einmal den Flug. Endlich war es so weit: Ich saß im Airbus A-340 der chilenischen Fluggesellschaft LAN. Wir hoben ab in Richtung Lateinamerika. 18 Stunden Flug mit Zwischenlandung in Madrid plus fünf Stunden mit dem Bus von Santiago Airport in den Norden des unbekannten Landes, in die Stadt La Serena (circa 100 000 Einwohner). Zusammen mit vielen anderen Deutschen befanden wir uns auf dem Weg in ein Abenteuer. Es sollten neun außergewöhnliche Wochen werden.

Als ich nach langer Fahrt in La Serena aus dem Bus stieg, strahlten mich gleich drei Paar Augen an. Meine Gastfamilie hatte mich schon in freudiger Aufregung genauso erwartet wie ich sie. Den Vater konnte ich erst später kennenlernen, da er die Woche über als Ingenieur in einer Kupfermine im Norden Chiles arbeitete und nur am Wochenende nach Hause kam. Sofort wurde ich wie eine dritte Tochter in die Familie aufgenommen und fühlte mich gleich wie daheim. Nach ein paar Tagen Akklimatisierung nahte der erste Schultag in der Deutschen Schule La Serena. Wie der Name schon sagt: Deutsch wurde als erste Fremdsprache unterrichtet, was außergewöhnlich in Chile ist.

Solche privaten Schulen sind sehr teuer, aber aufgrund der ausgezeichneten Lehr- und Lernstandards und der damit verbundenen Zukunftsperspektiven (Ausbildung, Studium) schicken eher wohlhabende chilenische Eltern ihre Kinder dorthin anstatt auf die staatlichen Schulen. Tag eins in der Schule: Meine Gastschwestern nahmen mich mit in die Jahrgangsstufe 12. Neue Gesichter überall, neugierige Blicke von allen Seiten, Fragen über Fragen von den neuen Mitschülern – natürlich auf Spanisch. Etwas an Sprachkenntnis hatte ich in einem Intensivkurs erworben, aber das reichte längst nicht, um im Alltagsgeschehen sofort mitzureden.

Die Lehrer sprachen glücklicherweise auch Deutsch, sodass ich mich verständlich machen konnte. Um mein Spanisch zu verbessern, nahm ich regelmäßig am Spanisch-Unterricht in Klasse 8 teil. Auch hier überwog zunächst die Neugier der chilenischen Schüler, aber nach kurzer Zeit klappte auch hier die Verständigung, und die Klassengemeinschaft akzeptierte die Mitschülerin auf Zeit aus Deutschland. Die Leute waren viel offener und kamen gleich auf mich zu. So konnte ich schnell die ersten Kontakte knüpfen.

Die Schule erlebte ich spannungsfrei, machte zuweilen sogar Spaß. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis war viel lockerer, alle verstanden sich gut mit den Lehrern, es wurde gelacht und gescherzt. Ein weiterer Unterschied zu der Schule in Deutschland waren die Pausen. Erst nach drei Schulstunden gab es eine zehnminütige Pause, dann jeweils wieder nach den nächsten zwei Stunden. Eltern fuhren ihre Kinder in der Regel selbst zur Schule, den Bus nutzten überwiegend die auswärtigen Schüler. Viele Schüler der letzten Jahrgangsstufe besuchten nach dem Schultag abends noch die „Pre-Universitario“, eine Art Vorbereitungsseminar für künftige Studenten. Zusammen mit anderen Deutschen meisterten wir den Schulalltag, während in Deutschland Sommerferien waren.

Ein Höhepunkt des Aufenthalts in Chile war der Ausflug mit meiner Gastfamilie zu den Humboldtpinguinen auf einer vorgelagerten Insel im Pazifik. Schon die Überfahrt bei hohem Seegang und starkem Wind war abenteuerlich. In der letzten Woche unternahm ich mit einigen anderen Deutschen eine Reise in die nördlichste Region des Landes nach Antofagasta, durch die Atacama-Wüste. Auf der sogenannten Norden-Tour bekamen wir Flamingos in freier Wildbahn sowie Alpakas, Pelikane und Seelöwen zu sehen. In dieser Woche erlebten wir extreme Kälte und Hitze, die hohen Andengipfel (bis zu 6000 Mter), verschlafene Wüstenstädte und -dörfer, Vulkane und Geysire auf etwa 5000 Metern Höhe sowie die körperlichen Anstrengungen vom Aufstieg in sauerstoffarme Höhen bis zum Abstieg in die Täler.

Kurz vor der Rückreise nach Santiago und dem Heimflug kehrte unsere Reisegruppe noch einmal zurück nach La Serena und übernachtete in einem Hotel. Ich nutzte den Tag zum Abschlussbesuch bei meiner Gastschwester in der Schule und den mir lieb gewordenen chilenischen Freunden. Zusammen besuchten wir ein letztes Mal die „Mall“, ein riesiges Einkaufszentrum in der Stadt. Wir schlenderten noch einmal durch die zahllosen Geschäfte, aßen das chilenische, frisch hergestellte Eis, alberten herum. Leider verging der Tag viel zu schnell. Der Moment des Abschieds war gekommen.

Weitere Informationen zum Austausch gibt es bei maren-schreiber@online.de per E-Mail.

Mehr lesen Sie in der FZ vom Dienstag, 1. November

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