Vergewaltigungsprozess am Marburger Landgericht

Im Zweifel für den Angeklagten

+

Marburg/Frankenberg - Ein wegen mehrfacher Körperverletzung und Vergewaltigung angeklagter Frankenberger wurde gestern von sämtlichen Vorwürfen freigesprochen.Weder die zwar konkrete, jedoch alleine unzureichende Aussage des mutmaßlichen Opfers noch die Angaben zahlreicher Zeugen konnten letzte Zweifel des Gerichts ausräumen, stellten Richter, Verteidigung und selbst die Staatsanwaltschaft vor dem Marburger Schöffengericht fest.

Angeklagt war der heute 29 Jahre alte Mann, weil er seine ehemalige Lebensgefährtin wiederholt verprügelt, bedroht, mehrfach sexuell bedrängt und in einem Fall vergewaltigt haben soll. Die letzte Zeugin berichtete gestern aus ihren Erfahrungen mit der Nebenklägerin zwischen den Jahren 2010 und 2013. Die junge Frau sei ihr als zuverlässige, verantwortungsvolle und freundliche Auszubildende in Erinnerung geblieben, sagte die ehemalige Ausbildungsleiterin der mutmaßlich Geschädigten. Ungewöhnliche Veränderungen im Verhalten der Frau, Probleme in der Beziehung oder sexuelle Übergriffe seien ihr nicht bekannt gewesen.

Im Frühjahr 2012 erschien die Schülerin mit einem blauen Auge und starken Schmerzen bei der Arbeit, begründete dies mit einem Unfall. Das nahm ihr die Lehrerin nicht ab, vermutete schon damals, dass „Gewalt im Spiel gewesen war“. Weitere Auffälligkeiten oder Anzeichen von Handgreiflichkeiten habe sie nicht bemerkt. Die Nebenklägerin teilte mit, dass sie bei Verletzungen anfangs gelogen habe aus Angst vor ihrem Freund, damit dieser „nicht wieder ausrastet“.

Problematisch während des monatelangen Prozesses waren nicht vorhandene Tatzeugen und eine typische Aussage- gegen-Aussage-Situation. Auch mittelbare Zeugen aus dem Umfeld der Beteiligten konnten nur wenig zur Aufklärung beitragen. „Die Beweisaufnahme ging hier auf und ab“, fasste Staatsanwalt Oliver Rust das Verfahren zusammen. Die Aussagen des vermeintlichen Opfers über die Schläge und sexuellen Übergriffe seitens ihres Ex-Freundes erwiesen sich zwar als sehr konkret und plastisch, mit glaubhaften Details und zusammenhängenden Momentaufnahmen, sagte der Staatsanwalt. Jedoch mangele es an entscheidenden Punkten und objektiven Beweismitteln. Unter anderem konnte sich der Hausarzt der jungen Frau nicht an die Erwähnung einer Vergewaltigung erinnern, wie von der Frau behauptet. „Trotz der glaubhaften Kernaussage lässt sich das ganze Drumherum nicht in Einklang mit den Vorwürfen bringen“, sagte Rust. Demzufolge könne dem Beschuldigten die Anklage bis auf einen Fall von Körperverletzung nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Dem widersprach die Nebenklage. Im Verfahren habe sich ein gesteigertes Aggressionspotenzial bei dem Angeklagten unter Alkoholeinfluss gezeigt, wie ein Polizist vor Gericht bestätigte, sagte Rechtsanwältin Regina Ingenbleek: „Bei Alkohol wandelt sich sein Charakter.“ Ihre Mandantin habe „überhaupt kein Motiv“, den jungen Mann dermaßen schwer zu belasten, erläuterte die Anwältin und forderte eine zweijährige Bewährungsstrafe. Verteidiger Olav Stalling plädierte auf Freispruch. Er bezweifelte die Glaubwürdigkeit der Ex-Freundin und wies auf abweichende Erläuterungen der jungen Frau hin. „Nicht einmal beim Kerngeschehen gab es eine Aussagekonstanz“, betonte der Verteidiger. „Ich kann nur sagen, dass ich unschuldig bin“, schloss sich der Angeklagte an.

Auch der Vorsitzende Richter Dominik Best wies auf die Bedeutung des Randgeschehens und Umfelds der Beteiligten hin. Aus dieser Richtung habe das Gericht wenig Konkretes festgestellt. Zeugenaussagen über das Verhältnis zwischen dem ehemaligen Paar konnten nicht durch weitere Berichte bestärkt, teils sogar widerlegt werden. Das Verfahren konnte keine ausreichenden Kriterien zutage fördern, auf die das Gericht eine Verurteilung hätte stützen können. Demnach blieben gewisse Zweifel bestehen, die nach dem juristischen Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ eine Verurteilung ausschließen.

(von Ina Tannert)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare