Besichtigungsreihe "Unter zehn Dächern von Frankenberg" endet mit Besuch des Telekomgebäudes

Zwischen Adern, Fasern und Notstrom

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Frankenberg - Einblicke in einen Bereich, der strengen Sicherheitsregeln unterliegt, hat die Reihe "Unter zehn Dächern Frankenbergs" im Telekomgebäude rund 50 Interessierten ermöglicht.

Bereits zu Beginn ist klar: Dies ist ein ganz exklusiver Besichtigungstermin. Bereits nach eineinhalb Minuten ertönt ein lautes Warnsignal - die Alarmanlage wurde ausgelöst, weil die Eingangstür zu lange offen stand.

Die Möglichkeit, das Telekomgebäude mit seinem Internetknotenpunkt, Atombunker und Fernmeldeturm zu besichtigen, nehmen am Montagabend so viele Interessierte wahr, dass es länger als eineinhalb Minuten dauert, die Eingangstür wieder zu schließen. Der vorerste letzte Termin in der Besichtigungsreihe „Unter zehn Dächern von Frankenberg“ lockt rund 50 Besucher in die Marburger Straße. Die Organisatoren vom Familienbüro, Evelin Jacobs und Christina Hartmann, ermöglichen Einblicke in einen Bereich, der strengen Sicherheitsvorkehrungen unterliegt.

Bevor die Führung beginnt, müssen daher alle Teilnehmer ihre Mobilfunkgeräte und Kameras abgeben. Bernd Lohwasser, leitender Ingenieur der Telekom-Technik in Mittelhessen, erläutert den Grund: „Die Handys könnten mit ihrer Funkstrahlung die empfindliche Technik stören.“ Fotografieren ist aufgrund des Wettbewerbs und den Auflagen von Firmenkunden verboten.

Die Besucher teilen sich in drei Gruppen auf - eine Gruppe muss warten, die anderen beiden folgen Lohwasser beziehungsweise Holger Eckel, der für Strabag arbeitet - einem Unternehmen, das die Telekom-Gebäude betreut. Eckel berichtet, dass das Telekomgebäude am 6. Dezember 1977 nach vier Jahren Bauzeit in Betrieb genommen wurde. Zum Gebäude gehörte damals noch eine Halle auf dem Hof für den Notbetrieb - heutzutage ist darin ein Heizungsbauer. Bereits nach der Wende wurde die Halle umfunktioniert. Doch noch ein anderes Gebäude zeugt von der Zeit des Kalten Krieges: der Atomschutzbunker im Telekomgebäude.

Vor allem die Kinder interessieren sich für das Überbleibsel aus einer Zeit, als die Angst vor atomaren Anschlägen durchaus begründet war. Die vier Bunkerschutzräume liegen etwa 15 Meter unter der Erde und waren nur für Betriebsbeschäftigte der Post gedacht. Die Räume waren karg ausgestattet, nur das Nötigste hatte darin Platz: Liegen, Trockenaborts, Sitze und Trinkwasserbehälter.

Als das Gebäude samt Bunker gebaut wurde, gab es etwa 50 Betriebsbeschäftigte - damals noch bei der Deutschen Bundespost, aus der erst 1995 mit Inkrafttreten der zweiten Postreform die „Deutsche Telekom AG“ hervorging. In den 1980er-Jahren waren etwa 70 Arbeiter in dem Gebäude beschäftigt - mittlerweile sind es laut Eckel nur noch zwölf. Die Technik kann inzwischen größtenteils per Fernsteuerung bedient werden.

Für die Technik des Telekommunikationsunternehmens interessieren sich vor allem die erwachsenen Teilnehmer. Im Hauptverteiler- und Kabelaufteilungsraum vermittelte ihnen Lohwasser den Größenunterschied und die Leistungsstärke der Medien, die kommunikationstechnische Signale übertragen: Kupferader und Glasfaser. Im Prinzip hängen die meisten häuslichen Telefonanschlüsse an zwei Kupferadern. Im Hauptverteilerraum finden sich von diesen schier unendlich viele. Nur bei der Erschließung eines Neubaugebiets wird ein neueres Übertragungsmedium genutzt: Glasfaser.

Zahlen zum Staunen

Der grundlegende Unterschied zwischen beiden Übertragungsmedien ist die Leistungsstärke: Zwei Glasfasern ermöglichen etwa 200 Millionen zeitgleiche Gespräche - zwei Kupferadern decken im Prinzip nur den Bedarf eines Kunden ab. Solche Zahlen bringen die Besucher zum Staunen. Warum nicht die Kupferadern durch Glasfasern ausgetauscht werden, möchte einer wissen. „Das wäre viel zu teuer“, lautet Lohwassers pragmatische Antwort. Der Ingenieur macht während des Rundgangs noch etwas Weiteres deutlich: Als die Deutsche Bundespost das Telekommunikations-Netz aufbaute, hatte sie ein Infrastruktur-Monopol. Das bedeutet, dass alle Anbieter von Telefon und Internet dieselbe Technik nutzen.

Laut Lohwasser werde die heute vorhandene Technik lediglich zu etwa einem Prozent für Festnetz-Telefonie genutzt, die übrigen 99 Prozent machen Internet-, Mobilfunk- und andere Kommunikation aus. Im Bezug auf die Internettechnik erläuterte er, dass die Signale im Frankenberger Knotenpunkt nur gesammelt und dann nach Gießen zu mehreren Routern eines US-amerikanisches Unternehmens geschickt werden. „Das ist sehr kompliziert und aufwändig, da geht richtig der Punk ab“, betont Lohwasser.

Eine weitere Besonderheit ist im Techniktrakt, 18 Meter unter der Erde, das Aggregat zur Notstromversorgung. Es sichert die Stromversorgung und damit die Telefon- sowie Internetverbindung aller acht Vermittlungsstellen, die die Vorwahl 0645x haben. Abschließend führt Eckel die Gruppe noch in den Fuß des 60 Meter hohen Fernmeldeturms, der derzeit hauptsächlich als Mobilfunksender genutzt wird.

Mit dem Besuch des Telekomgebäudes endet die Besichtigungsreihe „Unter zehn Dächern von Frankenberg“, die im Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe „Ab in die Mitte - Die Innenstadt-Offensive Hessen“ stattfand. Es ist laut Jacobs und Hartmann jedoch geplant, die Besichtigung besonderer Orte im nächsten Jahr fortzusetzen. (sis)

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