Theater in Frankenberg

Zwischen Lüge, Wahrheit und Magie

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Stanleys (Timo Hastenpflug) Misstrauen versucht Blanche (Annette Müller) zunächst flirtend zu zerstreuen. Foto: Simone Schwalm

Frankenberg - Lang anhaltender Applaus und Jubelrufe ließen kaum einen Zweifel: Mit "Endstation Sehnsucht" von Tennessee Williams hat das Hessische Landestheater aus Marburg ein Drama auf die Bühne der Ederberglandhalle gebracht, das kaum einen der knapp 100 Zuschauer emotional kalt ließ.

Da wird geraucht, gesoffen, geschlagen und geflucht - für Blanche DuBois ist es keine angenehme Gegend, in die sie sich flüchtet. Blanche-Darstellerin Annette Müller ließ die bedrückende Atmosphäre dieser New Orleans-Szenerie mit ihrer Figur hautnah mitempfinden.

Mit ihrer Darstellung der verwöhnten und augenscheinlich anständigen Südstaaten-Schönheit Blanche vermittelte Müller ein Wechselbad der Gefühle, das zum Mitleiden, Mitlachen, aber auch zur Ablehnung des Charakters einlädt. Blanche ist nicht zwingend eine Figur, die als klassischer Sympathieträger gelten kann.

Zu Beginn des Stücks spielt Müller ihre Rolle leicht überheblich - Blanche blickt auf die ärmlichen Verhältnisse herab, in denen ihre schwangere Schwester Stella (Oda Zuschneid) mit Ehemann Stanley Kowalski (Timo Hastenpflug) lebt. Schnell wird auch klar, dass es Blanche mit der Wahrheit nicht so ganz genau nimmt.

Und während Blanche sich gegenüber Stanleys Freund Mitch (Johannes Hubert) als „solide mit altmodischen Idealen“ ausgibt, versucht sie Stanleys Misstrauen zunächst mit ihren Reizen zu zerstreuen. Unverhohlen lacht sie ihre Schwester an: „Ja, Stella, ich hab mit deinem Mann geflirtet.“ Jedoch lässt die Inszenierung von Roscha A. Säidow nicht zu, dass eine eindeutige Positionierung für oder gegen die Figur möglich ist. Vielmehr wird ihr Handeln im Laufe des Stücks nachvollziehbarer.

Säidows Inszenierung und das Spiel der Darsteller bieten Anregungen zum Nachdenken über das, was auf zwischenmenschlicher Ebene falsch laufen kann - vor allem, wenn Gefühle wie Missgunst, Habgier, verletzter Stolz und Liebe im Spiel sind.

Blanches Lügen werden nachvollziehbar, denn die Wirklichkeit wird für sie nur dadurch erträglich, dass sie sich zunehmend in eine Traumwelt flüchtet. Blanche gibt es selbst zu: „Ich will keinen Realismus, ich will Magie.“ Fast kindlich naiv und anrührend spielt Müller die Südstaaten-Schönheit, die erklärt: „Ich spreche nicht von dem, was wahr ist, sondern von dem, was wahr sein sollte.“

Das Drama schlittert auch in der Neuinszenierung unaufhaltsam auf die Katastrophe zu. Mitch weist Blanches Flehen, sie zu heiraten, zurück, weil sie „nicht rein genug“ ist. Darauf folgt der emotionale Höhepunkt des Stücks: Blanche stolpert am Rande des Nervenzusammenbruchs über die Bühne, mit Prinzessinnen-Krone auf dem Kopf und der Whiskey-Flasche in der Hand, und schreit verzweifelt: „Ich will Magie!“

Doch statt Magie schlägt die unerbittliche Wirklichkeit weiter zu: Stanley vergreift sich an Blanche. Stella, die die Lügen ihrer Schwester nicht erkennen wollte, will auch die Wahrheit nicht glauben. Mit den Worten ihrer Nachbarin Eunice Hubbel (Christine Reinhardt) wird deutlich, dass auch Stella letztendlich nichts anderes macht, als sich in eine Traumwelt zu flüchten: „Du darfst es nicht glauben und musst weitermachen.“

Das „Weitermachen“ bedeutet: Stella verdrängt die Wahrheit und greift selbst zur Lüge. Blanche fährt nicht zur Erholung in Urlaub - stattdessen stehen zwei Fremde vor der Tür, die nicht zu sehen, sondern nur zu hören sind. Ihre Stimmen, die über die Lautsprecher ertönen, sind jene aus dem berühmten Film von Elia Kazan mit Schauspielstar Marlon Brando. Doch selbst, wer den Film nicht kennt, weiß spätestens bei dem Wort „Zwangsjacke“, was Blanche erwartet. Sie geht - und lässt die Hoffnung zurück, dass ihre Traumwelt bleibt.

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