Folgen des arabischen Frühlings

Ägyptens Kulturgüter gehen in Flammen auf

Kairo - Eiszeit für die Ägyptologie: Im arabischen Frühling wird in Kaiso die wichtigste Bibliothek niedergebrannt. Jetzt wächst die Sorge um viele andere Kulturgüter.

Auf dem Plateau von Gizeh, im Schatten der Pyramiden und der Sphinx, drängte es Napoleon Bonaparte in jenem heißen Juni 1798 zu großen Worten. Ägypten sei die „Wiege der Wissenschaft und Künste der Menschheit“, rief er aus. 31 000 Soldaten standen vor ihm, bereit, das Land am Nil zu unterwerfen. Aber auch 150 Wissenschaftler, die die Mysterien der Antike erforschen sollten. Nur wenige Wochen später gründeten sie in Kairo das „Institut d’Égypte“; und während das militärische Abenteuer im Fiasko endete, gelang den Forschern Großes: 1799 entdeckten sie den Stein von Rosette, der die Entzifferung der altägyptischen Hieroglyphen ermöglichte.

Jetzt ist das Institut am Tahrir-Platz, die Keimzelle der modernen Ägyptenforschung, nur noch ein Trümmerhaufen. Bei gewalttätigen Protesten am vergangenen Wochenende wurde es mit einem Molotowcocktail in Brand gesetzt. Nur etwa 30 000 der ehedem 250 000 Bücher und Schriften konnten gerettet werden – darunter, mit einigen Schmauchspuren versehen, auch die Text- und Bildsammlung „Description de l’Égypte“ der napoleonischen Forscher.

Die Wissenschaft weltweit beklagt den unersetzlichen Verlust der bedeutendsten Bibliothek zur Ägyptologie; Ägypten selbst aber hat nun die Frage aufgeworfen, ob Kunstschätze der Menschheit am Ursprungsort noch sicher sind. Seit fast zehn Jahren war das Land bemüht, weltweit Allianzen zu schmieden, um wertvolle Kulturgüter aus den Museen anderer Länder zurück an den Nil zu holen. Zahi Hawass, ehedem Chef der ägyptischen Altertümerverwaltung, hatte es geschafft, sich international Respekt zu verschaffen und Museumsdirektoren weltweit unter Druck zu setzen. So forderte er aus dem British Museum in London den Rosette-Stein, und von der Berliner Museumsinsel die Büste der Nofretete. Hawass schaffte es gar, im Frühjahr 2010 in Kairo 16 Länder zu einer Konferenz zu versammeln, um eine Wunschliste jener Kunstschätze zu erstellen, die in ihre Heimatländer zurückkehren sollten.Der arabische Frühling hat den Kunstkammern in der westlichen Welt eine Atempause verschafft: Hawass steht unter Hausarrest; die Rufe nach Restitution sind allerorten verstummt.

Das Unbehagen, dass Kulturgüter in der islamischen Welt nicht sicher verwahrt sind, geht schon seit Jahren um. 2001 zerstörten die Taliban die riesigen buddhistischen Statuen von Bamiyan und verwüsteten das Museum in Kabul. Als 2003 im Irak Saddam Hussein stürzte, wurde das Nationalmuseum in Bagdad geplündert. Und auch jetzt, nach den Umbrüchen in Ägypten, gibt es erste Verlustmeldungen: „Magazine wurden aufgebrochen, und Objekte aus illegalen Grabungen tauchen vermehrt auf dem internationalen Kunstmarkt auf – getrieben von überzogenen Preisvorstellungen über den Wert pharaonischer Güter“, berichtet Regine Schulz, Ägyptologin und Leiterin des Roemer- und Pelizaeus-Museums in Hildesheim.

Den Hinweis auf die mangelnde Sicherheit nutzen die Museumschefs nicht als Argument, um den Verbleib der Exponate in ihren Häusern zu verteidigen. Das British Museum sei „ein Museum aus der Welt für die Welt“, sagt dessen Direktor für Frühgeschichte, Jonathan Williams. Und: „Voneinander lernen ist wichtiger, als ständig über die Frage der Eigentumsverhältnisse zu reden.“ Katja Lembke, Ägyptologin und Leiterin des Landesmuseums Hannover, verweist darauf, dass „in einer globalisierten Welt der Herkunftsort der Kunstschätze zweitrangig ist“. Auch deutsche Kunstschätze seien in Museen anderer Länder zu sehen, „und das ist auch gut so, denn es wäre furchtbar langweilig, wenn jeder nur seine eigenen Kunstschätze zeigt“, sagt Lembke. Schulz spricht davon, dass es derzeit im arabischen Raum lediglich eine „Phase des Alarms“ gebe, die vorübergehe.

Dennoch hat der Internationale Museumsrat jetzt eine Arbeitsgruppe mit Wissenschaftlern berufen, darunter die Hildesheimer Direktorin, die bis Februar 2012 eine „Rote Liste für bedrohte Kulturgüter“ erstellen wird. Mit ihr sollen all die vielen bisher weitgehend unbekannten Objekte aus den Magazinen und Depots inventarisiert werden, damit im Fall des Verlusts via Interpol nach ihnen gesucht werden kann.

Auch für das gebrandschatzte „Institut d’Égypte“ zeichnet sich Hoffnung ab. Der Emir von Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten will den Wiederaufbau bezahlen und die verbrannten Dokumente zur Antike durch solche aus seiner eigenen Sammlung ersetzen. Kairo sei das Zentrum wissenschaftlicher Studien, ließ Sultan bin Mohamed wissen.

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