Realityshow „Utopia“

Und alle sehen zu

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Foto: Die Kamera läuft: Was die 15 Kandidaten von „Utopia“ abgeschnitten von der Außenwelt so alles anstellen, wird im Regieraum von RTL II für den Fernsehzuschauer zusammengeschnitten.

Hannover - Die niederländische Realityshow „Utopia“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Morus und dem „Big Brother“-Konzept. Die Sendung hat ein ehrgeiziges Ziel – eine Gesellschaftsordnung aus dem Container.

Gibt es Utopia, die ideale Gesellschaft? Wie verhält sich eine Gruppe Menschen isoliert von der Außenwelt? Entstehen Regeln, gibt es Anführer? Ausgerechnet SBS6, das niederländische RTL II, macht sich auf die Suche nach Antworten. In der Fernsehshow „Utopia“ werden 15 Niederländer für ein Jahr isoliert und rund um die Uhr von Kameras beobachtet. Was ein interessantes sozial-philosophisches Experiment hätte werden können, entwickelt sich drei Wochen nach dem Start allerdings zu einer verkappten Version von „Big Brother“.

Am Anfang hatten die Teilnehmer nichts als einen Strom- und Wasseranschluss, ein paar Tiere, ein Telefon und Geld. Das Gelände liegt abgeschirmt östlich von Amsterdam, nur eine Baracke steht darauf. Auf diesem Grundstück sollen die Einwohner eine neue Gemeinschaft aufbauen.

Bereits Philosophen wie Plato und Thomas Morus versuchten, eine ideale Gesellschaftsform zu entwickeln. Basierend auf Morus’ Roman „Utopia“ aus dem Jahr 1516 und dem „Big Brother“-Konzept hat der niederländische Medienunternehmer John de Mol nun das neue Fernsehformat entwickelt. Am ersten Abend sahen 1,5 Millionen Menschen zu, die „Utopia“-App, mit der man online 24 Stunden täglich zuschauen kann, wurde in den ersten Tagen nach Angaben des Senders 110.000-mal heruntergeladen. Seit der ersten Folge am 6. Januar schalten jeden Abend mehr als eine Million Zuschauer ein. Das entspricht einem Marktanteil von rund 20 Prozent.

Die Reaktionen sind positiv, Kritiker und Rezensenten halten sich vor allem an Kleinigkeiten auf – etwa, dass die Folgen erst Tage später ausgestrahlt würden, obwohl durch die Livefunktion im Internet das Wesentliche schon bekannt sei. Dass sich auch nach drei Wochen „Utopia“ noch kein Ansatz einer anderen Gesellschaftsordnung oder eine Debatte darüber entwickelt, scheint kaum jemanden zu stören.

Einer der wenigen, die diesen Gedanken überhaupt zu verfolgen scheinen, ist Teilnehmer Rienk, 29. Seit vier Jahren ist er barfuß als Landstreicher unterwegs, so steht es zumindest in seinem Internetprofil. Er wolle etwas Neues, etwas Großes, deshalb habe er sich beworben. Rienk findet zum Beispiel, in „Utopia“ solle es keine Anführer geben und keinen Alkohol. Für ein Alkoholverbot fehlt ihm allerdings die Unterstützung der anderen. Eine Hierarchie entwickelt sich unterdessen von selbst. Da gibt es Paul, der als Handwerker einen Ofen aufbaute und eine Toilette installierte. Aide, im wirklichen Leben Managementberaterin, organisiert und koordiniert den Alltag. Beide sind zu Leitfiguren geworden.

Worauf die „Utopia“-Einwohner aber ihre Gemeinschaft basieren und wovon sie ein Jahr lang leben wollen, ist weiterhin offen. Die Ideen reichen bisher von der Eröffnung eines Biomarkts bis hin zum Aufbau eines Tattoo-Studios. Statt gesellschaftlicher Utopien gibt es Intrigen, Gerüchte und Tratsch – etwa einen vierfachen Familienvater, der vor den Kameras mit einer Mitbewohnerin anbändelt – Szenen, die schon „Big Brother“ erfolgreich gemacht haben.

Auch in „Utopia“ wechseln die Bewohner. Die Teilnehmer stimmen alle vier Wochen darüber ab, wer den Platz räumen muss. Zuschauer, die Mitglied geworden sind und damit einen „Pass“ für Utopia haben, wählen den Nachfolger. Der Zugang kostet 2,50 Euro im Monat und bietet neben vier Livestreams auch die Möglichkeit, selbst zwei 360-Grad-Kameras zu steuern und mit den Bewohnern zu chatten.

Auf ein Jahr ist „Utopia“ angelegt, danach kehren die Einwohner in ihren Alltag zurück. Dass am Ende eine neuartige Gesellschaftsordnung entstanden sein wird, ist bisher unwahrscheinlich. Möglicherweise ist das aber auch nicht das vorrangige Ziel von SBS6. Die Kandidaten jedenfalls scheinen nicht aufgrund ihrer Ideen ausgewählt worden zu sein. Als Rienk, der Landstreicher, die anderen fragt, wer Thomas Morus’ Buch „Utopia“ gelesen habe, herrschte zumindest Schweigen.

Von Benjamin Dürr/ epd

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