ARD-Krimi „Seegrund“

Ein Alpen-Columbo im Stress

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Foto: Kluftinger (gespielt von Herbert Knaup) steckt tief in der Krise.

- Jetzt steckt auch noch Kluftinger (Herbert Knaup) tief in der Krise. Dabei ist dieses Allgäuer Mannsbild unter den von Selbstzweifel zerfressenen deutschen TV-Ermittlern eigentlich der Fels in der Brandung. Ein urkonservativer Hauptkommissar, der weiß, wo es langgeht.

Der unerschütterlich seine zahllosen Vorurteile pflegt und sich durch nichts und niemanden seinen enormen Appetit auf Kässpatzen nehmen lässt. Doch in seinem dritten TV-Fall „Seegrund“ kommt es für ihn richtig dicke. Dabei könnte alles so schön sein. Zusammen mit seiner Frau Erika (Margret Gilgenreiner) und seinem erwachsenen Sohn Markus (Frederic Linkemann) möchte Kluftinger einen netten Tag am geheimnisumwitterten Alatsee bei Füssen verbringen.

Bei dieser Gelegenheit möchte der Junge nämlich seinen Eltern seine neue Freundin vorstellen. Und dann entpuppt sich diese ausgerechnet als Japanerin! Für Kluftinger ist das ein richtiger Schock. Japaner sind für ihn irgendwie komische Menschen, die kleingewachsen sind, ständig fotografieren und tatsächlich rohen Fisch essen. Eine Spezialität, die – wie der Film hoffentlich nachhaltig zeigt – für Allgäuer Mägen absolut ungeeignet ist.

So gerät Kluftingers wohlgeordnete weißblaue Welt langsam durcheinander; und zwar auf so lustige Weise, dass sich der Zuschauer dabei bestens amüsiert. Und dann schlägt dieses bayerische Lustspiel, das wie die beiden Fälle zuvor von Rainer Kaufmann („Operation Zucker“) ungewöhnlich leicht inszeniert worden ist, auch noch kriminelle Untertöne an: Bei ihrem Ausflug an das Ufer des Sees stößt die Familie auf einen scheinbar toten Taucher, der dann doch nicht tot ist, aber zumindest heftig niedergeschlagen worden ist.

Der eingeschaltete Füssener Kollege Friedel Marx (Catrin Striebeck) entpuppt sich kurz danach als Frau Kommissarin, kettenrauchend, Sportwagen fahrend und aus Kluftingers Sicht unverschämt selbstbewusst. Und ob das nicht schon schlimm genug wäre, muss sich unser bayerischer Dickschädel auch noch mit dem selbst ernannten Schamanen vom Alatsee herumschlagen, der ihm was vom gestörten Chi des Sees erzählt – was immer das ist.

Schließlich führt die Spur in diesem Mordfall, der ja in Wirklichkeit keiner ist, zu einem kurz vor Kriegsende im See angeblich versenkten Nazi-Schatz. Dies alles ergibt eine Geschichte, die für einen Heimatkrimi zwar ungewöhnlich kompliziert und auch ein bisschen arg verworren ist. Doch das macht überhaupt nichts, stört nicht den Spaß an diesem Film, der so eindeutig von der Person Kluftinger, einem echten Alpen-Columbo, geprägt wird, dass die Handlung reinste Nebensache ist. Und wie Herbert Knaup den knorrigen Kommissar spielt, hat man das Gefühl, dass diese Rolle eigens für ihn geschaffen worden ist.

Erdacht haben diese Figur die Schriftsteller Michael Kobr und Volker Klüpfel, die sie in den Mittelpunkt von bis jetzt erschienenen sieben Allgäu-Krimis gestellt haben. Und der enorme Erfolg dieser für das Genre ungewöhnlich originellen und keineswegs miefig provinziellen Heimatkrimis, die insgesamt eine Auflage von mehr als 4,5 Millionen Exemplaren erzielt haben, gibt ihnen recht.

Dass die beiden Autoren immer noch Spaß an diesen Geschichten und ihren Verfilmungen haben, zeigt, dass sie in zwei kleinen Nebenrollen in „Seegrund“ auftreten: als Gerichtsmediziner und als Bruder des niedergeschlagenen Tauchers. Und daher dürfen sich Leser und TV-Zuschauer wohl auf noch mehr Kluftinger-Fälle freuen.

Von Ernst Corinth

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