Kunstfestspiele

Angekommen in der Utopie?

Foto: „Eine Bereicherung“: Ingo Metzmacher (links), Elisabeth Schweeger und Stefan Schostok bei der Eröffnung der Kunstfestspiele.
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Foto: „Eine Bereicherung“: Ingo Metzmacher (links), Elisabeth Schweeger und Stefan Schostok bei der Eröffnung der Kunstfestspiele.

Hannover - Kunstfestspiele Herrenhausen starten – und das Motto der scheidenden Intendantin Elisabeth Schweeger lautet: „Gegen den Strich“.

Vor dem Nichts kommt natürlich etwas. In diesem Fall ist es ein vielfältiges Dankeschön. Gestern Abend bei der Eröffnung der Kunstfestspiele Herrenhausen dankte Oberbürgermeister Stefan Schostok der scheidenden Intendantin Elisabeth Schweeger für ihr Engagement und ihren Einsatz: „Sie haben den Kunststandort Hannover in den vergangenen Jahren nachhaltig bereichert.“

Schweeger wiederum dankte der Stadt Hannover für das Vertrauen, das ihr in den sechs Jahren ihrer Intendanz entgegengebracht wurde: „Die Stadt kann stolz darauf sein, so ein Festival entwickelt zu haben.“

In der Entscheidung, dass Ingo Metzmacher ihr Nachfolger in der Leitung der Kunstfestspiele werden soll, sieht sie ein „persönliches Geschenk“. Die Intendantin, die die Leitung der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg übernommen hat, weiß die Kunstfestspiele in guten Händen. Die Beziehung zwischen ihr und dem neuen Chef ist herzlich. Auch Ingo Metzmacher gehörte gestern Abend zu den Gästen der Eröffnungsveranstaltung in der Orangerie Herrenhausen.

Einen Festvortrag gab es zur Eröffnung auch - wie in jedem Jahr. Nur war der Vortragende diesmal kein Autor und kein Wissenschaftler, sondern ein Schauspieler. Wolfram Koch sprach den „Vortrag über Nichts“ von John Cage. Der handelt von dem, was John Cage zwei Jahre nach dem Verfassen des Vortrags in eine Komposition goss: von Nichts.

Die Erinnerung an John Cage passte gut zum Thema des Festivals. Unter dem Motto „Gegen den Strich“ soll noch bis zum 14. Juni nach Normen und deren Übertretung gefragt werden. Auf dem Festivalplakat ist groß das Wort Norm zu sehen; die letzten beiden Buchstaben sind durchgestrichen, so dass nur ein No stehenbleibt.

Verneinungen allgemeiner und besonderer Art waren das große Thema einer Prologveranstaltung zum Festival. Am Mittwoch lud die Volkswagenstiftung zu einem ihrer Herrenhäuser Gespräche ins Schloss. Das Thema „Gegen den Strich - von der Notwendigkeit zivilen Ungehorsams“ stieß auf erstaunlich reges Interesse. Der große Vortragssaal war voll besetzt, es mussten zusätzliche Sitzplätze an den Seiten aufgebaut werden. Sind die Menschen in Hannover so an zivilem Ungehorsam interessiert?

Nicht nur. Der Andrang hatte wohl auch mit einem der Diskutanten zu tun. Auf dem Podium saß neben Elisabeth Schweeger und dem Wiener Politikwissenschaftler Ulrich Brand auch Herfried Münkler. Der Professor für politische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin hat es in den vergangenen Wochen mehrfach in die Schlagzeilen geschafft - ohne dass er ein neues Buch oder einen neuen Debattenbeitrag zu präsentieren gehabt hätte. Herfried Münkler steht unter besonderer Beobachtung. Studenten haben einen Blog eingerichtet. Auf der Seite „Münkler- Watch“ kommentieren sie die Vorlesungen des Professors. Sie werfen ihm Arroganz, politisch inkorrekte und auch sexistische Formulierungen vor. Der Blog ist anonym.

Am Ende der Diskussion kam Moderator Ulrich Kühn auf „Münkler-Watch“ zu sprechen. Münkler nannte die Blogger „intensive Moralbewirtschafter, die aber gleichzeitig die Kosten dafür nicht tragen wollen“. Erstaunt zeigte er sich über die kleinbürgerlichen Lebensentwürfe der Studenten, die ihn kritisieren. Schließlich wollen sie anonym bleiben, um ihre Noten nicht zu gefährden. Was das angeht, könne er sie beruhigen: „Ich kann ihnen versichern, dass sie von mir keine schlechteren Noten bekommen.“

Politikwissenschaftler Ulrich Brand wies darauf hin, dass „Münkler-Watch“ höchstens ein Nebenschauplatz in der Debatte um zivilen Ungehorsam sei. Der Politikwissenschaftler forscht zu den Themen Globalisierung und Umwelt- und Ressourcenpolitik. Er kennt viele Menschen, die zivilen Ungehorsam leisten, persönlich - und er bemüht sich in der Diskussion, zivilen Ungehorsam begrifflich von anderen Formen des Protests und der Subversion abzugrenzen: „Wer zivilen Ungehorsam leistet, begeht eine bewusste Regelverletzung unter Inkaufnahme von Strafe.“

Möglicherweise neigt er ein wenig zur Heroisierung von zivilem Ungehorsam - und möglicherweise reizt das seinen Kollegen Herfried Münkler. Der kommt jedenfalls schnell auf die mediale Inszenierung von Widerstand zu sprechen und nennt Greenpeace-Aktivisten „professionelle Industriekletterer“.

Er selbst verortet zivilen Ungehorsam eher im „Verzicht aufs Komfortable“ und im „asketischen Umgang mit Datenspuren“. Eine spannende Sichtweise, die möglicherweise auch von persönlicher Betroffenheit gespeist wird.

Münkler - den Kopf weit in den Nacken gelegt, den Blick nach oben ins Leere gerichtet, die Fingerspitzen aneinanderklopfend - kommt auf Thomas Morus, Aldous Huxley und George Orwell zu sprechen und konstatiert ein Versiegen von utopischer Energie. „Wir sind in der Utopie angekommen“, sagt er, „und es ist nicht so romantisch, wie wir uns das vorgestellt hatten, als wir aufgebrochen sind.“

Seine Kollege Brand dagegen versucht den Blick auf Menschen zu richten, die ein echtes Anliegen haben: „Die Tierfabriken, der Klimawandel, die Ungerechtigkeit - es gibt viel, das Menschen heute zum Handeln antreibt“, sagte er. Und Münklers Argument vom radikalen Verlust von Utopie konterte er mit dem Verweis auf Lateinamerika und China: Dort gebe es durchaus noch die Vorstellung von einem besseren Leben.

Die Kunst spielte in der Diskussion auch eine Rolle. Dass sie ein „Störfaktor“ sei und „subversives Potenzial“ habe, sind aber nicht gerade neue Erkenntnisse.

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