Was übrig bleibt

Wie die Asche die Phantasie der Menschen befeuert

- Sie hat keinen guten Ruf: die Asche. Zwar gibt es Menschen, die von Asche reden, wenn sie Geld meinen. Aber viel mehr Menschen denken beim Zaster eher an Kohle. Weshalb auch bei der Wahl der umgangssprachlichen Benennung für den Zaster die Asche der letzte Dreck wäre. Rainer Wagner über die Verbrennungsrückstände.

Dabei ist die Asche dem Menschen ­näher, als er glaubt. Vor allem, wenn er glaubt. Beim christlichen Begräbnis beruhigt der Pfarrer die Trauergemeinde mit der liturgischen Formel „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“. Womit nicht die Alternative Erdbestattung oder Urnengrab gemeint ist, sondern das Gleichnis vom Werden und vom Vergehen. Dabei verhält sich die Schöpfungsgeschichte des jüdisch-christlichen Gottes recht neutral. In der Genesis steht nur, dass Gott „den Menschen zu seinem Bild schuf“, aber nicht woraus. Andere Kulturen waren da eindeutiger, was das Baumaterial angeht: Die Chinesen wurden aus Lehm geformt, die Griechen – von Prometheus – aus Ton.

Doch die Asche kommt in der Bibel immer wieder vor. Der leidgeplagte Hiob spricht sich selbst schuldig und tut „Buße in Staub und Asche“. Und wer noch eines draufsetzen wollte, der ging „in Sack und Asche“.

Die Asche, das ist das, was übrig bleibt, wenn organisches Material verbrennt. Weshalb die Asche, von der jetzt alle reden und die in unserem Alltagsleben die Rolle vom Sand im Getriebe übernommen hat, eigentlich gar keine Asche ist. Vulkanische Asche ist schließlich kein Verbrennungsrückstand von Pflanzen oder anderen Lebewesen. Vulkanasche, das sind unterschiedlich große (Gesteins-)Fragmente, die durch vulkanische Aktivität entstehen. Der Fachausdruck dafür heißt Pyroklasten, womit zumindest das griechische Wort für Feuer wieder eingebracht wird; die Klasten sind dann das Zerbrochene.

Pyroklasten unterscheidet man nach ihrer Größe. Die größten, die etwa Wachteleiformat haben müssen, aber auch größer sein können, heißen sinnigerweise Bomben. Wenn die herunterregnen, dann gibt’s aber was aufs Dach. Kleinere Aschebrocken heißen Blöcke oder Lapilli – und darunter kommt eben die Asche. Die Aschekörner dürfen nicht größer sein als zwei Millimeter, aber wenn sie als Aschestaub auftreten, dann ist für das normale menschliche Auge die Grenze der Unsichtbarkeit schnell erreicht. Dann hilft nur noch die Computersimulation weiter, die uns Wolken suggeriert, die nur den Bildschirm verdunkeln. Oder eben der Glaube.

Denn die Asche steht nicht nur für die Zerstörung und für das Vergehen. Sondern auch für das Vergeben und die Wiederauferstehung.

Die Asche verkörpert in vielen Kulturen die Buße und die Reinigung. Der vedische Feuergott Agni reinigte seinen Körper mit Asche, um die Spuren seiner Verfehlungen zu beseitigen. Im Hinduismus gibt es die heilige Asche Vibhuti, die heilende Kräfte haben soll. Die Römer badeten an ihrem Neujahrstag (im März!) in Asche. Was die Christen später auf ein reinigendes Aschekreuz auf der Stirn reduzierten: Am Aschermittwoch wurden die gesegneten Gläubigen mit Asche gezeichnet, die man durch das Verbrennen der Palmzweige des Vorjahres gewonnen hatte.

Als Gleichnis für die Wiederauferstehung hat sich schließlich auch die Geschichte vom Phönix gehalten, der aus der Asche aufsteigt. Wobei die meisten, die etwas „wie Phönix aus der Asche“ aufsteigen sehen, gar nicht mehr wissen, dass in der griechischen Mythologie der Vogel Phönix aus seiner eigenen Asche aufersteht. Was er – ganz nebenbei – einem Reiher aus der altgriechischen Mythologie namens Benu abgeguckt hat – aber im Übernehmen griffiger Geschichten waren Religionen schon immer gut.

Das Besondere an Phönix ist, dass er die Zündelei selbstbestimmt als Mittel zur Wiedergeburt nutzt. Er baut am Ende seines Lebens ein Nest, setzt sich hinein und verbrennt. Nach dem Erlöschen der Flammen bleibt in der Asche ein Ei zurück, aus dem nach kurzer Zeit ein neuer Phönix schlüpft. Erst aus der Zerstörung kommt das neue Leben.

Kommentatoren und Leitartikler sollten also vorsichtig sein, wenn sie den Wiederbeginn des regulären Flugbetriebs in Europa mit dem Phönix vergleichen. Zumal die Lufthansa in ihrem Markenzeichen einen Kranich in die Lüfte schickt.

Wenn im Gegenzug die Vulkanerde endlich abregnet auf unsere Lande, dann soll uns das nur freuen. Denn auch wenn Vulkanlandschaften als Beispiel für lebenswidrige Umstände gelten, so sind sie doch fruchtbar. Was jeder bestätigen kann, der schon einmal Wein von der Vulkaninsel Lanzarote gekostet hat. So kann aus Vulkanasche neue Glut werden.

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