Magdeburg

Ausstellung zeigt die freundlichen Seiten des Mittelalters

- Höher, heller, weiter: Eine große Ausstellung 
feiert in Magdeburg 
den „Aufbruch in die Gotik“ – und entdeckt 
die gar nicht so düsteren Seiten des Mittelalters.

Karfreitag war’s, während der Kreuzverehrung, als das Feuer ausbrach. Ein paar Tage zuvor, am Palmsonntag 1207, war mit großem Gefolge der neue Erzbischof in Magdeburg eingezogen wie weiland Jesus in Jerusalem. Von weither waren Menschenmassen in die Stadt geströmt, um ihm zu huldigen. Und jetzt brach dort eine Feuersbrunst aus, die den Zeitgenossen wie ein biblisches Strafgericht erschienen sein muss: „Die Flammen flogen auf den Dom und verbrannten Hauptkirche, Türme und das Kloster ganz und gar, und alle Glocken fielen“, notierte ein Chronist. Schnell galt als ausgemacht, dass der Brand eine Strafe Gottes sein musste. Die Menschen gelobten Buße – und sie bauten eine Kathedrale.

Vor genau 800 Jahren legte Erzbischof Albrecht II. den Grundstein für die erste gotische Kathedrale auf deutschem Boden. Das Jahr 1209 markiert damit den Beginn einer neuen Epoche. „Aufbruch in die Gotik“ heißt folgerichtig die 1,7 Millionen teure Landesausstellung, mit der Sachsen-Anhalt sein bedeutendstes Bauwerk jetzt feiert. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg zeigt auf rund 1000 Quadratmetern mehr als 400 Exponate: Wertvolle Handschriften und Skulpturen, Goldschmiedearbeiten und Reliquiare führen den Besucher zurück in die späte Stauferzeit.

Der Erzbischof hatte sich gegen Widerstände durchzusetzen: Kritiker monierten, die ausgebrannte Kirche hätte sich doch noch erneuern lassen. Die Mystikerin Mechthild von Magdeburg grantelte ganz allgemein, wer hoch hinaus bauen wolle, solle Gott lieber einen Palast in seiner Seele errichten, aus Steinen edler Tugend. Doch Albrecht II. ließ die rußgeschwärzten Mauern einreißen. Er wollte so eine Kirche bauen, wie er sie während seines Studiums in Paris kennengelernt hatte – mit großen Glasfenstern und himmelsstürmenden Spitzbögen. Er importierte die Gotik gewissermaßen aus Frankreich: Skulpturen des Magdeburger Doms – etwa die „Törichten Jungfrauen“, greinen mit so dramatischer Mimik wie Vorbilder in Reims.

Gotische Bauten wie der Magdeburger Dom sind Stein gewordene Weltbilder, alt gewordene Kinder aus jener Liebesbeziehung, die Glaube, Kunst und Technik vor 800 Jahren eingingen. Kaum zufällig zeigen Miniaturen aus jener Zeit Gott, den Weltenschöpfer, mit einem Architektenzirkel. Baumeister hatten herausgefunden, wie man über Strebebögen das Gewicht eines Gebäudes auf Säulen ableitet. Die so entlasteten Seitenwände ließen sich in riesige Fensterflächen auflösen. Es entstanden durchleuchtete Wände, die – anders als die gläsernen Bankpaläste von heute – nicht für Transparenz standen, sondern für Transzendenz.

Früher war das Bauhandwerk Saisonarbeit gewesen, im Winter ruhte die Baustelle. Jetzt ging man dazu über, in der kalten Jahreszeit Steine exakt zuzuschneiden. Baupläne bezeugen in Magdeburg, wie langfristig Architekten jetzt planten. Zudem gab es immer bessere Techniken, um Steine aufs Gerüst zu hieven – man baute höher, schneller, weiter. Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf Architektur. Sie entdeckt das 13. Jahrhundert als „Wende des Mittelalters“. Tatsächlich mehren in jener Zeit Reisende das Wissen von der Welt. An den aufstrebenden Universitäten pflegt man unvoreingenommen argumentative Streitgespräche. Zugleich entstehen neue Bettelorden.

Anders als Mönche alten Schlages sind Franziskaner und Dominikaner mobil, sie gründen Konvente in den Städten und wandern durch ganz Europa – so knüpfen sie ein Netz des Wissenstransfers. Unsere Epoche, gekennzeichnet von Kulturaustausch und einer Explosion des Wissens, entdeckt in der Ausstellung das 13. Jahrhundert als eine Epoche des Kulturaustauschs und der Explosion des Wissens. Sogar eine Erderwärmung gab es damals schon – mit segensreichen Konsequenzen: In der hochmittelalterlichen Warmzeit lagen die Sommertemperaturen zwischen 1170 und 1310 fast vier Grad über denen des 20. Jahrhunderts. Die Landwirtschaft blühte auf; selbst in Pommern oder Schottland wurde Wein angebaut, die Bevölkerung wuchs.

Auch die Städte florieren: Ihre Mauern markierten einen eigenen Rechtsbezirk, in dem Bürger relativ große Freiheiten hatten. Das „Magdeburger Stadtrecht“, das bei etwa 700 Stadtgründungen in ganz Mittel- und Osteuropa Pate stand, kam besonders Kaufleuten entgegen – und zog oft wirtschaftlichen Aufschwung nach sich. Allerorten wurde jetzt das Recht verschriftlicht: Die Ausstellung zeigt die prachtvolle, älteste erhaltene Bilderhandschrift des „Sachsenspiegels“, jenes Rechtsbuches, in dem Eike von Repgow ab 1220 das Gewohnheitsrecht seiner Gegend festhielt.

Archäologische Funde aus Magdeburg veranschaulichen, dass ausgesprochene Freude am Dekor, am Luxus herrschte: Selbst tönerne Spielzeugpferdchen wurden aufwendig verziert. Gerade rechtzeitig zur Ausstellung haben Archäologen im Dom den Bleisarkophag mit den Gebeinen der 946 gestorbenen Königin Editha geborgen. Ihr Gemahl Otto der Große hatte ihr Magdeburg als Morgengabe geschenkt. Editha wurde gleich mehrfach bestattet: Nach dem Brand von 1207 barg man ihre Überreste, und als der Dom im 16. Jahrhundert endlich fertig wurde, setzte man sie erneut bei, in einer Grabtumba. Während ihr Sarg jetzt ausgestellt wird, untersuchen Forscher ihre Gebeine. Und im kommenden Jahr wird Editha in einem neuen Sarg beigesetzt. Zum letzten Mal. Jedenfalls vorerst.

Kulturhistorisches Museum Magdeburg, vom 31. August bis zum 6. Dezember. Infos unter (03 91) 53 54 80.

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