Skandalfilm "Nymphomaniac"

Die Austreibung der Liebe

+
Foto: Ein Film über die Liebe? Lars von Triers "Nymphomaniac".

Berlin - Ein Festival braucht einen Skandalfilm – die kommende Berlinale hat ihn gebucht: „Nymphomaniac“ von Lars von Trier. Schon beim Casting für seine Rolle musste Shia LaBeouf angeblich die Hosen fallen lassen. In Deutschland ist der Film bis zur Berlinale Verschlusssache. HAZ-Redakteur Stefan Stosch hat ihn vorab in Dänemark gesehen.

Auf Fotos zeigt sich der Regisseur gern mit Pflaster auf dem Mund: Lars von Trier hat sich nach seinen Nazi-Brabbeleien in Cannes ein Schweigegelübde auferlegt. Vor bald drei Jahren schwadronierte er in einer Mischung aus Provokation und Unsicherheit: „Okay, ich bin ein Nazi.“ Die Festivalleitung verbannte ihn, ein einmaliger Fall. Nun mag er nicht mehr öffentlich reden.

Umso mehr wartet die Kinowelt auf von Triers ersten Film nach dem Eklat. Die am Donnerstag, 6. Februar, beginnende Berlinale hat ihn gebucht – genauer: die Langfassung der ersten Hälfte des zweigeteilten Werks „Nymphomaniac“. Auf einen Skandalregisseur kann kein Festival verzichten, das auf sich hält, auch wenn der wohl gar nicht anreist und seine Schauspieler vorschickt.

Die Büßergeste steht im effektvollen Gegensatz zu einer PR-Strategie, die mit Lüsternheit spielt: Stars wie Charlotte Gainsbourg, Shia LaBeouf, Stellan Skarsgård, Christian Slater, Willem Dafoe, Jamie Bell und Uma Thurman zeigen auf Fotos ihre Gesichter in orgiastischen Wonnen verzerrt. Und dann erst die Handlung: Eine sexabhängige Frau legt ihre Lebensbeichte ab.

Der „Transformers“-Star LaBoeuf ließ die Welt wissen, dass er ein Foto von seinem Penis präsentieren musste, um die Tauglichkeit für die Rolle zu dokumentieren – eine ganze Galerie von eher verschrumpelten Geschlechtsteilen wird im Film präsentiert. Geht es richtig zur Sache, kommen Pornodarsteller zum Zuge. Den Trick hat von Trier schon zu Dogma-Zeiten in „Idioten“ angewendet, in „Antichrist“ verstümmelte er sogar in Großaufnahme Genitalien. Seine Kopenhagener Firma Zentropa drehte zwischenzeitlich Pornos. Vieles gibt es nicht mehr, womit er provozieren könnte.

Hierzulande ist „Nymphomaniac“ bis zur Berlinale-Premiere Verschlusssache. In Dänemark aber kann man den vierstündigen Film komplett sehen. Man folgt in einer seelenlosen Shoppingmall in Kolding ganz einfach dem Geruch des Popcorns. Freie Plätz im Kino gibt es genug.

Der Sex auf der Leinwand ist allgegenwärtig, aber er ist kalt, findet in trister Umgebung und gelblichen Farben statt, sieht nach Arbeit aus. Manche Szenen sind schwer auszuhalten. Es steckt eine selbstzerstörerische Gewalt darin. Eine Frau, zusammengeschnürt mit Klebeband auf einem Sofa: Ihr Gesicht drückt sie in die Polsterung, den nackten Hintern hat sie über der Seitenlehne emporgereckt. Ein Mann peitscht sie aus. Während sich ihr Hinterteil mit blutigen Striemen überzieht, hat sie einen Orgasmus. Das ist Joe, die Nymphomanin.

Ein freundlicher älterer Herr (Stellen Skarsgård) hat Joe (Charlotte Gainsbourg, als junge Frau gespielt von Stacy Martin) übel zugerichtet in seinem Hinterhof gefunden und in sein gruftiges Apartment mitgenommen. Sie sitzt in seinem Pyjama auf einem Bett, eine dickbauchige Teetasse in der Hand. Eine Nacht lang und in acht Kapiteln erzählt die Geschundene dem Einsamen ihr Leben. Er soll ihr Richter sein.

Joe berichtet, wie sie sich in erschreckend unerotischer Manier entjungfern ließ (von LaBoeuf). Wie sie sich mit einer Freundin einen Wettkampf lieferte, wer auf einer Zugfahrt mit mehr Männern Sex hat – der Preis: eine Tüte Schokodrops. Wie ihre sexuelle Lust irgendwann nachließ. Wie sie zu immer extremeren Methoden griff, um diese wieder anzustacheln. Ihr Gastgeber streut kulturtheoretische Ergüsse ein: übers Fliegenfischen, Bach-Musik oder die Hure von Babylon. Alles sehr skurril.

Manchmal hat diese Beichte eine Terrence-Malick-Touch (Stimmen und Blätter säuseln). Oder sie erinnert an einen Dan-Brown-Thriller (Kulturrätsel werden entschlüsselt). Oder der Kinoexperimenteur Peter Greenaway scheint Pate zu stehen (Grafiken und Zahlenkolonnen ziehen über die Leinwand).

Gelegentlich behauptet hier jemand, dass es ihm um Liebe gehe. Aber das ist gelogen. „Nymphomaniac“ handelt von der Austreibung der Liebe – durch Sex. Je mehr Joe davon hat, desto einsamer wird sie. Der Regisseur zerstört das sexuelle Glücksversprechen, mit dem wir jeden Tag in Werbung und Medien konfrontiert werden. Nur selten lässt er dabei Ironie durchschimmern.

Schlimmer noch: Aus Sex erwächst Schuld. Mit dieser Angstphantasie hat von Trier schon immer gern gespielt. Joe hat Ehen zerstört, das Leben ihres Kindes riskiert, schließlich ihr eigenes. Sie fühlt sich schuldig, ihr Zuhörer will ihr die Schuld nehmen. Er sagt: Es gibt keine bösen Menschen – und wird auf peinlich unbeholfene Art selber schuldig.

Joe lässt sich einreihen in die Parade der vom Regisseur malträtierten Frauenfiguren. Was hat von Trier denen nicht alles angetan: In „Breaking the Waves“ prostituierte sich die arme Bess (Emily Watson) für ihren gelähmten Mann; in „Dancer in the Dark“ ließ sich die erblindende Selma (Björk) aufhängen, um ihren Sohn zu retten; in „Dogville“ wurde Grace (Nicole Kidman) gequält – rächte sich aber blutig. Glücklich war nur Justine (Kirsten Dunst), die Depressive in „Melancholia“. Sie starb inmitten eines majestätischen Weltuntergangs.

Und nun stellt der Regisseur mit voyeuristischer Gier eine Nymphomanin aus – um sie nach vier Stunden mit einer überraschenden Volte aus der Rolle als Objekt allgemeiner Geilheit zu entlassen. Scheinheilig schlägt er sich auf ihre Seite.

Lars von Trier, cineastischer Meister der Manipulation und der (Selbst-)Therapie, gibt in „Nymphomaniac“ noch mal alles, um das Publikum zu provozieren. Er schleift die sowieso schon poröse Grenze zwischen Kunstkino und Porno (hierzulande hat der Film eine Freigabe ab 16). Doch das eigentlich Erschreckende ist das Maß an Verzweiflung, von der diese maßlose Geschichte angetrieben wird.

Der erste Teil von „Nymphomaniac“ startet am 20. Februar in den deutschen Kinos, der zweite folgt am 3. April.

2733703

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare