Oster-Tanz-Tage

Badisches Staatsballett tanzt „Momo“ im Opernhaus

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Viel Bewegung mit Momo.

Hannover - Alles, nur kein Stillstand: Das Badische Staatsballett tanzt „Momo“ bei den Oster-Tanz-Tagen im hannoverschen Opernhaus.

Beine werden abwechselnd gestreckt und gespreizt. Köpfe wenden sich ruckartig hin und her, Männer und Frauen springen auf Tische und wieder hinunter und vollführen mit ihren Händen eine aberwitzige Zeichensprache. Hier wird körperlich gearbeitet. Im Akkord. Und nicht nur bei dieser Fabrikszene. Choreograf Tim Plegge nimmt sich selbst mit zwei Stunden zwar sehr viel Zeit für seine Inszenierung von Michael Endes Romanmärchen „Momo“ als Ballett - was angesichts des komplexen Stoffes und seiner Botschaft vom Ausnutzen der Zeit für die wirklich wichtigen und schönen Dinge im Leben nicht weiter verwunderlich ist. Den Tänzern des Badischen Staatsballetts und nicht zuletzt auch dem Publikum im gut besuchten hannoverschen Opernhaus gönnt er hingegen keine Verschnaufpause.

Fast genau vor einem Jahr war die Uraufführung von „Momo“, das Plegge für das von Birgit Keil geführte Badische Staatsballett kreiert hat. Es ist das erste Handlungsballett des jungen Choreografen, der unter anderem an der Ballettschule von John Neumeier ausgebildet wurde. Plegges „Momo“-Adapation besticht durch eine fantasievolle Bewegungssprache, die mit einer raffinierten Musikcollage aus Werken von Dmitri Schostakowitsch über Philip Glass bis hin zu Lera Auerbach einhergeht. Doch selbst wer das Buch kennt, hat Schwierigkeiten, sich die Geschichte zu erschließen. Plegge rückt zu sehr tänzerische Technik in den Vordergrund. Immerzu bilden sich neue Formationen. Mal geht es athletisch, dann wieder poetisch zu. Doch niemals herrscht Stillstand. Ein Innehalten, für das Momo (Larissa Mota) doch eintritt, fehlt selbst in der Schlussszene, als die Zeit angehalten wird.

Langsamkeit ist Plegges Sache nicht. Auch in den Szenen mit Schildkröte Kassiopeia, die Momo zum „Rand der Zeit“ führt, herrscht kaum Zeitlupentempo. Mit Tempi zu arbeiten hätte bei dieser Geschichte allerdings nahegelegen. Wer das Buch nicht kennt, wird das nicht unbedingt vermissen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass Plegge auch konsequent das Kurios-Schrullige der Charaktere aus Endes Geschichte außen vor lässt. Beppo (Flavio Salamanka) ist kein weiser Mann und Gigi (Zhi Le Xu) kein leichtsinniger Luftikus. Beide Freunde Momos agieren vielmehr als junge, ein wenig zu brave Burschen. Momo selbst ist auch kein Wildfang mit Zauselhaar, sondern eine niedliche Kindfrau mit Pferdeschwanz und buntem Röckchen. Einmal sitzt sie am Rand des Orchestergrabens. Endes „Momo“ würde die Beine baumeln lassen. Larissa Moto jedoch streckt die Fußspitzen und drückt den Rücken durch.

Einzig Kassiopeia darf frech sein: Shiri Shai führt im Frack und mit Fliegermütze eine Marionettenschildkröte über die mit einer Wand aus geometrischen weißen Flächen abstrakt ausgestattete Bühne (Sebastian Hannak).

Für Kinder ist diese „Momo“ nichts, allenfalls für Ballettelevinnen ab zwölf Jahren, die denn auch bewundernd seufzen, als Momo auf ihrer Flucht vor den grauen Zeitdieben in Horas Reich kommt, wo die Zeit verwaltet wird. Hora ist bei Plegge ein Paar. In goldenes Licht getaucht und in knappen Kostümen (Judith Adam) tanzen Bruna Andrade und Admil Kuyler einen wunderbaren Pas de deux nach allen Regeln der Neoklassik. Tänzerinnen auf Spitze und Männer in Tellerröcken kommen hinzu und bilden eine kraftvoll-elegante Einheit im Kampf gegen den Raub der Zeit. Es ist die stärkste und poetischste Szene dieses Stücks. Hier gelingt es Plegge endlich, die Zuschauer zu entführen, sodass sie nicht länger darüber nachdenken, welche Symbolik hinter welchem Bild steckt. Am Ende gab es jubelnden Beifall für eine herausragende Ensembleleistung.

Heute um 19.30 Uhr gastiert das Aterballetto aus Italien mit „Casanova“. Ostersonntag und Ostermontag (Kindervorstellung) gibt es von 18.30 Uhr an „Alice im Wunderland“ des hannoverschen Staatsballetts. Karten: (0511) 99991111.

Kerstin Hergt

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