Ende der Enthaltsamkeit

Die Berliner Philharmoniker spielen wieder Brahms

- Als Herbert von Karajan die Zügel noch fest in der Greisenhand hielt, war alles ganz selbstverständlich. Im Februar 1985 beendete er die Proben für ein Konzert seiner Berliner Philharmoniker mit Richard Strauss’ „Heldenleben“ und der dritten Sinfonie von Johannes Brahms bereits nach der sinfonischen Dichtung.

Zu der Sinfonie sagte er nur: „Sie kennen das Stück, ich kenne das Stück – was sollen wir da noch proben?“ Und am Abend begeisterte er Publikum und Kritiker vor allem mit seiner Brahms-Interpretation. Seitdem hat sich viel geändert; die Leichtigkeit im Umgang mit dem zentralen sinfonischen Repertoire wurde gerade in Berlin unerträglich: Schon als designierter Chef der Philharmoniker verkündete Simon Rattle vor acht Jahren, das Orchester habe vorerst genug Brahms gespielt und müsse sich nun verstärkt einem anderen Repertoire zuwenden. Und weil der Dirigent damit vor allem die vergleichsweise klein besetzten Stücke von Joseph Haydn und sogar moderne Musik im Sinn hatte, sah er sich sofort Kritik ausgesetzt: Der berühmte „philharmonische“ oder sogar „deutsche“ Klang des Orchesters sei unter der Leitung des Briten in Gefahr.

Tatsächlich klingt das Orchester seit einigen Jahren bei manchen Stücken heller und durchsichtiger, als man es noch von Karajan gewohnt war. Überraschend oder sogar gefährlich ist das allerdings nicht. Schließlich ist der Klang eines modernen Orchesters heute je nach Stilistik variabel: Anders als noch vor 30 Jahren spielt man Mozart nicht mehr wie Bruckner – zum Glück auch in Berlin nicht.

Wenn Simon Rattle sich nun nach Jahren der Enthaltsamkeit doch noch Brahms zuwendet und eine Gesamteinspielung der vier Sinfonien vorlegt (erschienen bei EMI), ist ein gewisser Rechtfertigungsdruck nicht zu überhören. Schon die Werbung versäumt es nicht, den „neuen Meilenstein in der Geschichte der Brahms-Aufnahmen“ vor allem wegen des „unverwechselbaren“ Klangs der Berliner Philharmoniker zu loben.

Tatsächlich demonstriert das Orchester eindrucksvolle Klangpracht: Die Streicher sind so weich und voll wie bei keinem anderen deutschen Orchester, und man braucht nur die paar Takte eines Hornsolos oder einer Oboenmelodie zu hören, um spüren, dass diese Bläser mit außergewöhnlich hohem Einsatz spielen – und fast immer gewinnen. Die einzelnen Instrumentengruppen sind klar zu erkennen (nicht immer lassen sich Geigen und Bratschen oder Hörner und Posaunen so eindeutig unterscheiden wie hier) und fügen sich zu einem faszinierend vielfarbigen Ganzen zusammen.

Vergleicht man diese Einspielungen mit denen von Abbado und Karajan oder gar den Nachkriegsaufnahmen Furtwänglers, ist das Ergebnis eindeutig: Nie hat dieses Orchester besser geklungen als heute.

Viel überraschender als der Klang ist allerdings Rattles Interpretation. Während seine Sicht auf Beethoven schon von den Erfahrungen mit Alter Musik geprägt ist und durchsichtig strukturbetont klingt, bleibt sein Brahms ganz unberührt davon. Er legt beispielsweise keinen Wert darauf zu verdeutlichen, dass der letzte Satz der vierten Sinfonie auf einem barocken Variationsprinzip beruht. Die Unerbittlichkeit, die von dieser Musik ausgeht, ist so kaum zu ahnen. Was bleibt, ist der reine Schönklang, den man auch Karajan so oft zum Vorwurf gemacht hat.

Selbst mit der Texttreue nimmt es Rattle nicht mehr so genau: Im ersten Satz der zweiten Sinfonie ignoriert er die Wiederholungszeichen nach der Exposition und verändert so deutlich die Proportionen des Werkes. Claudio Abbado hatte vor 20 Jahren mit dieser alten Tradition gebrochen und die Philharmoniker wieder das spielen lassen, was in der Partitur steht. Ausgerechnet der Erneuerer Rattle knüpft nun an die fragwürdigen Freiheiten der historischen Dirigenten an.

Trotz dieser erstaunlich rückwärtsgewandten Brahms-Sicht steht der Komponist im Zentrum der kommenden Konzertsaison. Das Prinzip der „entwickelnden Variation“, das in Rattles Aufnahmen so wenig zu hören ist, soll dabei die Modernität des Komponisten belegen. Wie und ob das in den Konzerten funktioniert, werden in den kommenden Monate voraussichtlich mehr Zuschauer denn je erleben. Die traditionell ausverkaufte Philharmonie verwandelt sich dafür in eine „Digital Concert Hall“: Die Konzerte des Orchesters sind im Internet als Live-Stream zu sehen – und die ganze Saison kostet dabei kaum mehr als sonst ein einziges Konzert.

Was im vergangenem Jahr noch bescheiden begonnen hat, soll nun massiv beworben zum Trend werden und an den Erfolg von früheren Musikvermittlungsoffensiven des Orchesters wie das Tanzprojekt „Rhythm Is It“ anknüpfen. Das Eröffnungskonzert am morgigen Freitag ist daher versuchsweise gratis (Anmeldung auf der Homepage des Sponsors: www.deutsche-bank.de) und scheint ein großer Erfolg zu werden – das Kontingent der Anmeldungen wurde bereits verdoppelt.

Rattle dirigiert dann allerdings keinen Brahms, sondern Brittens „The Young Person’s Guide to the Orchestra“ und eine Uraufführung der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Um ein neues Publikum auf den Konzertgeschmack zu bringen, setzt er auch weiterhin lieber auf Erklärungen und Werke der eigenen Gegenwart als auf die ruhmreich belastete Vergangenheit des Orchesters. Und wenn es gelingt, bleibt immer noch genug Zeit, um sich Brahms zu nähern. Auch für Simon Rattle.

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