Debatte um Nazi-Foto

Bitte keine Fotos, Herr Böhmermann!

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„Gern bezahlt“: ZDF-Moderator Jan Böhmermann hat Streit.

- Nachdem ZDF-Moderator Jan Böhmermann jüngst ein Foto des Fotografen Martin Langer vertwitterte, das einen Nazi während den fremdenfeindlichen Krawallen in Rostock zeigt, wurde Böhmermann über Langers Anwalt zur Kasse gebeten. Böhmermann zahlte - und entfachte eine Debatte über das Urheberrecht.

Die Lage ist verwirrend, aber es lohnt sich, sie zu entknäulen: Da hat also ZDF-Moderator Jan Böhmermann (33) unlängst das berühmte Foto des Fotografen Martin Langer vertwittert, das einen Nazi mit nasser Hose und Hitlergruß bei den fremdenfeindlichen Krawallen im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen zeigt. Per Anwalt verwies Langer auf sein Urheberrecht - und verdonnerte Böhmermann zur Zahlung von 906,50 Euro. Böhmermann zahlte die Summe - und eröffnete eine Debatte, die die schnell erregbare Twitterblase seit Tagen in Atem hält.

Der Frontverlauf ist diffus: Auf der einen Seite Böhmermann und seine Ansicht, die Urheberrechtsnormen müssten in Zeiten sozialer Medien überdacht werden. Ihm sprang am Freitag ausgerechnet „Bild“-Chef Kai Diekmann zur Seite, der einst ebenfalls 906,50 Euro wegen desselben Fotos zu zahlen hatte. Auf der anderen Seite: freie Fotografen und andere Urheber, die um ihre Einkommen fürchten. Und dazwischen jede Menge selbsternannter Medienexperten mit Piratenparteihintergrund, die Langer jetzt übel beschimpfen („Kapitalistendrecksau“). „Ich empfinde den ganzen Vorgang als schäbig, kränkend und respektlos“, schrieb Langer.

Treten wir einen Schritt zurück: Außer ein paar versprengten Netzfundamentalisten stellt ja niemand - auch Böhmermann selbst nicht - das Urheberrecht in Frage. Wohl aber die Regeln des Teilens von geschützten Werken in Zeiten exzessiven Bilderverschickens. Ist Twittern eine Veröffentlichung? Wann ist diese kommerziell? Machen sich Millionen beim Posten strafbar? „Es geht nicht um mich, sondern um private Twitternutzer, die in der selben Sache im selben Umfang abgemahnt wurden und weiterhin werden“, sagte Böhmermann bei einem Gespräch in seinem neuen Studio in Köln. „Ich habe meine 906,50 Euro gern, schnell und ohne Widerspruch bezahlt.

Aber für private Internetnutzer ist so eine Abmahnung existenziell.“ Er habe „Verständnis für die emotionale, pauschale Fotografensolidarität. Aber darum geht’s nicht. Wir brauchen eine Debatte über neue Normen bei der Verbreitung von urheberrechtlich geschützten Werken über soziale Medien.“ Wer ein Foto twittere, retweete oder bei Facebook poste, sagt Böhmermann, benutze ein soziales Netzwerk ja „genau so, wie es genutzt werden will und soll. Wenn dabei jedoch Urheberrechte verletzt werden, kann man nicht die alleinige Schuld bei den Usern suchen. Ein Rechtsklick ist kein Einbruch in ein Fotoarchiv. Es geht um die Lebenswirklichkeit von Millionen Menschen zwischen zehn und vierzig Jahren“ - und nicht um Langer am Pranger.

Fotografen müssten selbstverständlich Geld bekommen für Ihre Arbeit, sagt er. „Aber sie müssen auch verstehen, dass dem Posten eines urheberrechtlich geschützten Bildes in Twittertimelines oder auf Facebookseiten nicht mit den bisherigen Instrumenten des Urheberrechtsschutzes begegnet werden kann.“ Denkbar sei zum Beispiel eine pauschalisierte Urheberrechtsabgabe durch die Betreiber sozialer Medien. Die Debatte ist weder neu noch von Böhmermann erfunden. Aber sie hat die Sphäre des Expertentums verlassen. Und das ist gut so.

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