Bundeswehr in Afghanistan

Deutschland ringt nach Worten, den Krieg als Krieg zu bezeichnen

- In Afghanistan sind mehrere tausend deutsche Soldaten stationiert. Obwohl am Hindukusch Angehörige der Bundeswehr ihr Leben lassen, ringt Deutschland noch immer nach Worten, den Krieg als Krieg zu bezeichnen.

Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner weiß, wie man darüber spricht. Es fehlt uns an allgemein akzeptierten und damit unverfänglichen Begriffen, mit denen wir die militärischen Einsätze deutscher Soldaten in Afghanistan benennen könnten. Denn diese Tatsache stellt unser in der Nachkriegszeit entstandenes Selbstverständnis infrage. Wenn Wirklichkeit und Selbstbild nicht zusammenpassen, neigt man zunächst zur Realitätsverleugnung, zur Verdrängung, die in der Politik freilich sehr wohl bewusst inszeniert sein kann. Weil Bewusstseinsveränderungen viel träger verlaufen als die Verwerfungen der Wirklichkeit, die in diesem Fall in besonderem Maße unpopulär sind, gehört es zu den Reflexen einer auf Stimmungsmanagement geeichten Politik, mit Begriffskosmetik die Wirklichkeit zu schminken – was auf die Dauer nicht funktioniert. Deshalb ging ein Aufatmen durch die Gesellschaft, als der neue Verteidigungsminister von „kriegsähnlichen Zuständen“ sprach. Das schafft noch keine Bewusstseinsveränderung, wohl aber die Voraussetzungen für eine dringend notwendige Selbstverständigungsdebatte.

„Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ So hieß die populärste Parole der Friedensbewegung in den achtziger Jahren, als die pazifistische Grundstimmung längst auch in der Mitte der Gesellschaft herrschte. Der erste Golfkrieg war einer der Höhepunkte dieser hypermoralischen „Die Waffen nieder“-Haltung – es war reiner Pazifismus aus dem Geist des Defätismus. Bei theatralischen Straßendemonstrationen beherrschten weiße Tücher die Szene – die Farbe der Unschuld und der Kapitulation. Beides gehörte logisch zusammen. Nur wer kapituliert, kann seine Unschuld bewahren. Diese unpolitische Ohne-mich-Haltung hatte einige historische und geostrategische Voraussetzungen: In der Sicherheitsarchitektur des Kalten Krieges war die alte Bundesrepublik ein beschütztes Soziotop mit beschränkter Souveränität – und ohne Ambition auf eine weltpolitische Rolle.

Das war die (psycho-)logische Konsequenz, die die traumatisierten Deutschen aus ihrer Vergangenheit zogen. Zu beobachten war ein tiefer politischer Mentalitätswechsel. Unmittelbar nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich eine radikale Abwendung vom Militarismus. Ihren ersten Höhepunkt fand sie in den großen Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung in den fünfziger Jahren – und spätestens mit der sowohl politisch als auch familienintern geführten Auseinandersetzung der Nachkriegsgeneration war der Nimbus des „Soldatischen“ gebrochen. Die offizielle Staatsdoktrin der Bundesrepublik zielte mit der Idee vom Soldaten als „Bürger in Uniform“ von Beginn an auf einen Traditionsbruch, auch wenn der nicht konsequent vollzogen wurde.

Schön verdrängt wurde in Deutschland, dass sich diese tendenziell pazifistische Grundstimmung mit dem profitablen Export von Waffen immer gut vertrug. Das verstärkte im Ausland den Verdacht, dass dieser Pazifismus etwas mit Bequemlichkeit und Drückebergerei zu tun hatte. Nach der Vereinigung Deutschlands und Europas war das Argument, die Deutschen müssten sich, anders als ihre europäischen Nachbarn, bei militärischen Aktionen „wegen ihrer Vergangenheit“ zurückhalten, nur schwer zu vermitteln, zumal unsere Nachbarn keine deutsche Aggression mehr fürchten.

Die Neuorientierung war nicht zuletzt deshalb möglich, weil sie gerade von jenen herbeigeführt wurde, die zu den einflussreichsten Anhängern der Friedensbewegung gehörten. Es war die rot-grüne Bundesregierung, die die Bundeswehr in den Krieg gegen Jugoslawien schickte. Zudem blieb die Vorherrschaft der moralischen Argumentation erhalten. Die Behauptung, dass im Kosovo ein Völkermord am albanischen Bevölkerungsteil drohe, ermöglichte es, die Abkehr von militärischer Zurückhaltung als Lösung eines moralischen Dilemmas zu verhandeln: Der einen Seite (Pazifismus, aber Passivität) stand auf der anderen Eingriff und Nothilfe für eine von Mord und Auslöschung bedrohte Minderheit gegenüber. Aus „Nie wieder Krieg“ wurde „Nie wieder Auschwitz“ – die passende Parole gab Joschka Fischer aus.

Dieses Argument der Hilfeleistung beherrschte zunächst auch den Afghanistan-Diskurs. So erschien die Bundeswehr als ein bewaffnetes THW, das Brunnen bohrt und Mädchenschulen baut. Inzwischen herrscht die Angst vor, dass die Bundeswehr von Scharmützel zu Scharmützel mehr und mehr in einen sinnlosen Krieg schlittert.

Noch brisanter ist allerdings die Frage, wie wir grundsätzlich mit der Tatsache zurechtkommen, dass deutsche Soldaten Krieg führen. Wir haben keine Sprache, keine Begriffe für den militärischen Ernstfall: Im Krieg wird gestorben und getötet. Waren auch schon bisher deutsche Soldaten Opfer von Überfällen der Taliban, macht uns der Angriff auf die Tanklast­züge bei Kundus deutlich, dass auch deutsche Soldaten bewusst Feinde töten. Auch die moderne Kriegstechnologie ermöglicht keineswegs die oft beschworene „chirurgische“ Präzision. Eine klare Unterscheidung von Feind und Zivilbevölkerung, die man ja befreien und in eine friedliche Zukunft führen will, ist eine Illusion. Ein sauberer Krieg ist nicht möglich.

Bisher gehörte die reinliche moralische Unterscheidung von „Opfer“ und „Täter“ als die von Gut und Böse zu den Gepflogenheiten unseres moralischen Diskurses, der an der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit orientiert war: Nie mehr „Täter“ sein – das war ein Impuls, der durch die Auseinandersetzung mit dem Trauma von Schuld und katastrophaler Niederlage ausgelöst wurde.

In der aktuellen Situation zeigt sich nun, wie viel Brisanz im Begriff des „Opfers“ steckt. Bisher spielte in unserer politischen Sprache die begriffliche Unterscheidung zwischen (passiv) „Opfer werden“ und (aktiv) sich „zum Opfer bringen“ keine Rolle. Von Soldaten aber wird gefordert, ihr Leben einzusetzen. Wo der Tod riskiert wird, ist eine Dimension angesprochen, in der das Politische und Metaphysische wieder in Kontakt kommen. Da es wohl nicht gelingen wird, den Tod eines Soldaten im Gefecht als gleichsam normales Berufsrisiko zu beschreiben, stellt sich ein heikles Benennungsproblem: Müssen wir den Begriff vom „Heldentod“ des Soldaten, der, wie es traditionell beschönigend hieß, „gefallen“ ist, wieder aufnehmen? Der Begriff des Helden ist längst entmilitarisiert, hat in Wendungen wie „Helden des Alltags“ seine Bedeutung neu gefunden. Aber werden nun militärische Tugenden wieder zu Ehren kommen, gar wieder Vorbildcharakter gewinnen?

Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Erschwert wird die Akzeptanz des Soldatischen schon deshalb, weil die Bundeswehr als Expeditionsarmee unterwegs ist. Bei der Verteidigung des eigenen Territoriums können emotionale Kräfte (Heimatliebe) freigesetzt und moralische Sicherheit gefunden werden – das Recht auf Selbstverteidigung ist evident. Die Sprache der Werte (Freiheit, Sicherheit) ist demgegenüber abstrakt, die des politischen und wirtschaftlichen Interesses ist die eines „kalten“ Kalküls. Die Zeiten sind vorbei, als in deutschen Lesebüchern stolz der Befehl des englischen Admirals Edward Hobart Seymour vom 22. Juni 1900 „The Germans to the Front“ zitiert wurde, mit denen das deutsche Expeditionskorps in ein Gefecht des „Boxeraufstands“ in China geschickt wurde. Der Satz, dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt werde, bleibt für viele eine Floskel. Unseren westlichen Verbündeten, die als Sieger des Zweiten Weltkriegs ein ungebrochenes Verhältnis zu ihren militärischen Traditionen pflegen, geht das keineswegs anders. Zwar können sie rhetorisch von soldatischen Traditionen zehren, aber die britische Bevölkerung lehnt den Krieg ebenso mehrheitlich ab wie die deutsche. Auch wenn bei den Verbündeten das heroische Vokabular noch ungebrochen benutzt wird, verleihen sie wie alle westlichen Demokratien dem Wert des einzelnen Lebens eine besonders große Bedeutung. Wenn die Opferzahlen steigen und die Dauer des Konflikts unabsehbar wird, schwenkt die Stimmung auch in den Vereinigten Staaten um.

Wissenschaftler wie der Berliner Politologe Herfried Münkler bezeichnen unsere Gesellschaften deshalb als „postheroisch“. Sie sind nicht pazifistisch, aber sehr empfindlich, was die Opfer (und damit den zentralen Begriff des Heroischen) angeht. Die Entwicklung zur immer stärkeren Professionalisierung des Kriegshandwerks, zur Berufsarmee ist deshalb nicht zu verhindern. Da sich – wie in den USA – Angehörige der Unterschicht Aufstiegschancen erhoffen, wird die Opferbereitschaft der Mittel- und Oberschichten wenig strapaziert.

Dass nicht nur die Wertorientierung der Demokratien eine Rolle spielt, sondern gerade auch ihre demografische Lage, haben Sozialwissenschaftler wie Gunnar Heinsohn immer wieder betont. In Gesellschaften mit wenig Kindern sinkt die Bereitschaft beträchtlich, die Söhne höheren Zielen (Gott oder Nation) zu opfern. Insofern ist die Abneigung der Deutschen gegen das Heroische und Militärische nur in ihrem Ausmaß „typisch deutsch“.

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