Interview mit russischer Journalistin

„Die Besten werden zu Fall gebracht“

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Foto: Verließ Russland in Richtung Washington: Olga Schakina.

- Die russische Journalistin Olga Schakina spricht im Interview über die schwierige Situation der Medien in ihrer Heimat.

Olga Schakina wurde am 5. November 1979 als Kind eines Mathematikers und einer Journalistin in Budapest geboren. Ihr Großvater arbeitete in dieser Zeit bei der dortigen sowjetischen Botschaft. Ihre Mutter Marina Schakina war eine bekannte Politikjournalistin in der Jelzin-Ära. Olga Schakina studierte von 1996 bis 2001 an der Lomonossow-Universität in Moskau Journalistik. Anschließend arbeitete sie unter anderem für die Fernsehsender RTR und TW-6. Von März 2010 bis April 2013 war sie als Anchorwoman für „Doschd“ (deutsch: „Regen“), einen unabhängigen Fernsehsender, tätig. Aufgrund der schlechten Bedingungen für unabhängige Journalisten in Russland entschied sie sich jedoch, Russland zu verlassen. Seitdem lebt sie in Warschau und arbeitet von dort aus für verschiedene russische Zeitungen. Zuletzt arbeitete sie an dem Filmprojekt „Die Moskauer Prozesse“ des Schweizer Regisseurs Milo Rau mit.

Frau Schakina, bis vor einem Jahr haben Sie in Moskau als Moderatorin für den oppositionellen TV-Kanal Doschd gearbeitet. Warum haben Sie Doschd verlassen und sind nach Warschau gegangen? Ich würde es anders formulieren: Eigentlich habe ich nicht Doschd, sondern ich habe Russland verlassen. Die Konsequenz ist logisch: Wenn du in einem anderen Land bist, kannst du auch keinen Livestream aus Russland mehr machen.

Was war der Auslöser? Vor etwa einem Jahr habe ich gemerkt, dass es für oppositionelle Journalisten immer schwieriger wird, an Informationen zu kommen. Für mich war irgendwann klar, dass es für Leute mit meinem Beruf in Russland keine Zukunft mehr gibt. Ehrlich gesagt habe ich immer damit gerechnet, dass der Moment kommen würde, an dem es so weit sein würde.

Wie sind Sie zu dieser Erkenntnis gekommen? An allen Ecken und Enden werden freie Medien unterdrückt. Ein Beispiel ist die Extremismusprüfung, die eingeführt wurde, um zu überprüfen, ob die Medien extremistische Informationen darstellen. Dabei kann es passieren, dass sich Staatsvertreter an einem Medium stören und völlig willkürlich so eine Prüfung durchführen. Das ist bei Doschd der Fall gewesen. Ein anderes Beispiel: Das Unternehmen, von dem Doschd die Räume mietet, hat dem Sender mitgeteilt, dass der Mietvertrag aufgelöst wird. Ein Grund wurde nicht genannt.

Welche Wirkung hat das im Endeffekt? Oppositionsjournalismus ist fast nicht mehr möglich. Ich glaube, dass oppositionelle Journalisten in Russland keine andere Wahl haben, als zu Partisanen zu werden, die in kleinen Gruppen gegen den Staat kämpfen.

Haben Sie denn selbst konkreten Druck oder Zensur erlebt? Nein, direkte Zensur gab es nie. Was vorkam, war, dass sich die Senderinhaberin Natalja Sindejewa mal dezent eingemischt hat. Sie konnte zum Beispiel zu einem Journalisten gehen und ihn auffordern, einen bestimmten Politiker eher sanft zu behandeln. Nach europäischen Normen ist das natürlich Schwachsinn, weil sich der Eigentümer eines Senders nie in die inneren Abläufe einmischen darf. Aber in Russland existiert immer noch dieses ganz alte System von zwischenmenschlichen Beziehungen.

„Man wartet die ganze Zeit nur darauf, was für ein Wahnsinn als Nächstes passiert.“

Wie nimmt der Kreml denn Einfluss auf die Eigentümer der Medien? Fast alle Medien gehören unterschiedlichen Privatpersonen, die genug Geld haben, diese Medien zu betreiben. Und der Kreml hat eine große Bedeutung für diese Leute. Diese Oligarchen werden von oben aus dem Kreml angerufen, ihnen wird dann gesagt: Deine Medien machen etwas Falsches. Oder er selbst versteht: Noch eine Reportage, noch ein Beitrag zum Thema Ukraine mit etwas anderer Sichtweise – und dann passiert etwas Unangenehmes. Auf diese Weise fängt der Staat an, alle Oppositionsmedien unter eigenen Einfluss zu stellen.

Gibt es ein Ereignis aus Ihrer Zeit bei Doschd, das Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist? Eine Pressekonferenz von Putin. Gleich nachdem das neue Gesetz verabschiedet wurde, das besagt, dass Amerikaner keine russischen Kinder mehr adoptieren dürfen. Ich habe an diesem Tag live berichtet und permanent darauf gewartet, dass die Pressekonferenz irgendwann mal zu Ende ist. Es ist ja bekannt, dass Putin jedes Mal einen neuen Rekord aufstellt und jede Pressekonferenz immer noch länger ist als die vorherige. Wenn ich mich richtig erinnere, hat diese Pressekonferenz viereinhalb Stunden gedauert. Währenddessen musste ich die ganze Zeit einsatzbereit sein. Es gab in meinem Leben kein abscheulicheres Erlebnis.

Warum war dies für Sie so besonders? Stellen Sie sich vor: Sie stehen in einem muffigen Studio inmitten der Scheinwerfer und der Kameratechnik und warten stundenlang darauf, welchen Wahnsinn diese grausame Person als Nächstes von sich gibt. Für mich war es furchtbar, nicht zu wissen, wann das alles zu Ende ist. Es ist wie eine Metapher für das Leben in Russland: Man wartet die ganze Zeit darauf, was für ein Wahnsinn als Nächstes passiert.

Glauben Sie, dass es einen Plan gibt, kritische Medien zu zerstören? Die Beamten und Mitarbeiter des Kreml sind keine Strategen, sie sind eher von ihren Emotionen abhängig. Wenn sie ein Sender oder eine Zeitung zu sehr nervt, schreiten sie ein. In der Reihenfolge, wie frech die Medien aus Sicht der obersten Teile des Staatsapparats sind, werden sie zerstört. Ich denke, dahinter gibt es keinen großen Plan.

Wie haben Sie diese Maßnahmen erlebt? Wie ein Dominoprinzip. Die Besten werden nach und nach zum Fallen gebracht. An die Stelle des kritischsten Mediums rückt ein anderes, aber dann wiederholt sich der Prozess erneut.

Welche Zukunft haben in Russland die freien Medien aus Ihrer Sicht? Ich habe keinerlei optimistische Erwartungen. Ich denke vielmehr, dass freie Medien in näherer Zukunft nicht mehr existieren werden. Im Prinzip geht die gesamte Gesellschaft in die Richtung, dass eine freie Existenz in jeder Sphäre des Lebens nicht mehr möglich ist. Wenn du bei allem, was du machst, aufpassen musst, wenn du kein Theaterstück mehr machen kannst, nicht mehr ins Ausland fahren kannst, dann sind wir wieder in diesem alten sowjetischen Zustand angekommen.

Alexej Wenediktow, Chefredakteur von „Echo Moskau“, sagte einmal, Pressefreiheit gehöre nicht zu den Grundbedürfnissen der russischen Gesellschaft. Das große Problem in Russland ist nicht nur, dass die Leute nicht wissen, was freie Medien sind. Das Problem ist, dass die Leute gar nicht wissen, was Freiheit ist. Es ist leider so, dass die Mehrheit unserer Gesellschaft Freiheit nicht für einen erstrebenswerten Wert hält. Sie halten liberale Gedanken für etwas Aggressives. Sie verstehen nicht, dass es eigentlich das Normalste ist.

Woran liegt das? Die Geschichte freier Gedanken in Russland ist noch zu kurz. Der Feudalismus wurde in Russland sehr spät beendet, die Sklaverei wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert abgeschafft. Diese Revolution fand am Anfang des 20. Jahrhunderts statt. Wir haben einfach keine Erfahrung mit einer freien Gesellschaft, so wie man das aus Europa kennt. Russland hat mehrere Jahrhunderte lang Erfahrungen mit Negativselektion ­gemacht. Das heißt, um zu überleben, musstest du nicht humanistisch sein. Bessere Chancen hattest du, wenn du Schläge ausgehalten, selbst Aggressionen gezeigt und über andere geherrscht hast.

Dann müsste das russische Vorgehen auf der Krim und in der Ostukraine den meisten Russen ja gefallen. Über welche Perspektive reden wir denn für diese Gesellschaft, die von allem so geschwächt ist? Von Armut, vom nicht vorhandenen Respekt vor den großen politischen Nachbarn. Diese Gesellschaft findet ihre einzige Inspiration in der Idee der Weltbeherrschung, darin, dass alle Angst vor Russland haben. Für die Gesellschaft in der Form, wie wir sie jetzt haben, sehe ich keine Zukunft.

Interview: Ergey Cheparev und Tobias Goltz

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