Tatort

„Die Geschichte glaubt kein Mensch“

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Foto: Versetzt nach Wilhelmshaven: Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und seine Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) wechseln in ihrem dritten Fall die Abteilung und müssen einen Mordanschlag am Jade-Weser-Port aufklären, bei dem auch noch eine Kollegin stirbt.

Hamburg - So spannend wie surreal: Im „Tatort“ ermittelt Wotan Wilke Möhring am Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven. „Kaltstart“ grenzt mitunter an Science-Fiction. Es wird von Dingen berichtet, die zwar theoretisch möglich, jedoch zum Glück nicht machbar sind.

Raue Schale, weicher Kern – so gibt sich Wotan Wilke Möhring alias Thorsten Falke auch in seinem dritten „Tatort“-Fall, der zugleich eine Premiere ganz anderer Art ist: Zum ersten Mal in dieser Reihe steht die Bundespolizei im Mittelpunkt, über deren Arbeit man als Krimi-Zuschauer kaum etwas weiß. Und über die man übrigens auch in diesem Film nicht allzu viel erfährt, außer, dass sie irgendetwas mit illegalen Einwanderern zu tun hat. Zu dieser Truppe lässt sich der Hamburger Ermittler Falke mit seiner Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) versetzen, weil sie – wie er ironisch sagt – die „schnelleren Autos und besseren Waffen“ habe. Ihren Dienst müssen die beiden überstürzt und dazu auch noch mitten in der Nacht antreten, weil es bei einem Einsatz im Wilhelmshavener Tiefwasserhafen Jade-Weser-Port zu einem tödlichen Zwischenfall kommt.

Durch eine mittels Zeitzünder ausgelöste Gasexplosion werden zwei Polizeibeamte getötet und der Einsatzleiter schwer verletzt. Der Anschlag galt jedoch ganz offensichtlich einem korrupten Hafenmeister, der an der Einschleusung afrikanischer Flüchtlinge beteiligt gewesen war. Auch er ist tot. „Ein echter Scheiß-Kaltstart“, schimpft Falke, als er am Ort des Desasters eintrifft. Falke ist besonders von der Rolle, weil eines der Opfer seine Kollegin Rita ist, mit der er eine lockere Liebesbeziehung hatte. Seinen Frust, sein Leid und vor allem seine Wut bestimmen von nun an sein Handeln. Latent aggressiv springt er mit seinen neuen Kollegen um. Das ist alles andere als kollegial und grenzt schon fast an Mobbing.

Dennoch kniet er sich voll in die Arbeit rein. Verdächtige gibt es genug. Falke deckt immer schlimmere Dinge auf. Und steht am Ende doch mit leeren Händen da – ohnmächtig, ratlos und verzweifelt. Immerhin kann er sich damit trösten, dass er eine gute Tat vollbracht hat. Ein bisschen Pfadfindermoral steckt halt in jedem von uns.

Obwohl man als Zuschauer am Ende Falkes Kollegin Katharina aufrichtig zustimmt, wenn sie resümiert: „Die Geschichte glaubt uns kein Mensch“ – der Fall ist richtig spannend. Auch wenn die Geschichte am Schluss immer unglaubwürdiger wird.

„Kaltstart“ grenzt mitunter an Science-Fiction. Es wird von Dingen berichtet, die zwar theoretisch möglich, jedoch zum Glück nicht machbar sind. Es wird ein Verschwörungskomplott entwickelt, das so wohl noch nie zuvor in einem „Tatort“ zu sehen war. Bisweilen hat man das Gefühl, dass den Drehbuchautoren Volker Krappen und Raimund Maessen beim Schreiben des Plots gewaltig die Pferde durchgegangen sind und sie selbst am Ende die Übersicht verloren haben.

Gleichwohl schaut man diesem von Marvin Kren temporeich inszenierten Film über jede der 90 Minuten gebannt zu. Was nicht zuletzt an dem sanften, hier jedoch erstaunlich raubeinigen Rebellen Falke liegt, der wunderbar ergänzt wird durch weitere interessante Figuren. Die Musik wird zudem perfekt eingesetzt und sorgt so für zusätzliche Spannung. Und die Optik, der abgefilmte Schauplatz, ist einfach toll. Auch wenn es dem niedersächsischen Wirtschaftsminister wohl kaum gefallen wird, wie das einstige Vorzeigeprojekt des Landes hier gezeigt wird. Allein die Luftaufnahmen dieses wegen fehlender Auslastung tief in der Krise steckenden Containerhafens sind sehenswert. Und sie beweisen, dass es wohl kaum etwas Sinnloseres gibt als einen riesigen Hafen ohne Schiffe. Aber immerhin: Als attraktiver Drehort ist der Jade-Weser-Port bestens geeignet.

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