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„Die Jagd“ auf einen Unschuldigen

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Schwer angeschlagen: Für Lucas (Mads Mikkelsen) wird der Alltag zu einem einzigen Spießrutenlauf.

Hannover - Regisseur Thomas Vinterberg eröffnet „Die Jagd“ auf einen Unschuldigen. Der Film lässt sich als Warnung vor Selbstgerechtigkeit verstehen – und als Parabel auf die zunehmende Hysterie, wenn irgendwo mal wieder ein vermeintlich Schuldiger an den öffentlichen Pranger gestellt wird.

Wie heißt es so schön? Kindermund tut Wahrheit kund. Was aber, wenn nicht? Die kleine Klara hat aus einer schlechten Laune heraus den Kindergärtner Lucas (Mads Mikkelsen) beschuldigt, sich vor ihr entblößt zu haben. Sie meinte es nicht böse, fühlte sich in dem Moment nur von ihm zurückgestoßen. Für die Hexenjagd, die danach beginnt, kann Klara (Annika Wedderkopp) aber nichts. Dafür sind allein die Erwachsenen in diesem scheinbaren dörflichen Idyll irgendwo in Dänemark zuständig. Das Leben des frisch geschiedenen Lucas, das eben erst wieder in geordnete Bahnen zurückzukehren schien, zerbricht. Hobbyjäger Lucas wird zum Gejagten.

Das ist die Ausgangslage in Thomas Vinterbergs Film „Die Jagd“. In Cannes, wo das Drama im Vorjahr Premiere hatte, sorgte diese Eindeutigkeit für manche schlecht gelaunte Kritik. Schließlich werden allenthalben Fälle bekannt, in denen Erwachsene ihre Schutzbefohlenen missbraucht haben und dies nur deshalb tun konnten, weil alle anderen nicht die nötige Aufmerksamkeit an den Tag legten.

Bei Vinterberg entwickelt sich der Fall anders: Gerade die Fürsorglichkeit ist der Grund, dass sich der einmal ausgesprochene Verdacht nicht wieder aus der Welt räumen lässt, auch wenn Klara ihre Anschuldigung bald schon wieder zurücknehmen möchte – doch werden ihre Versuche als hilflose Verdrängungsanstrengungen einer gepeinigten Kinderseele interpretiert. Jeder will hier nur das Beste, und gerade deshalb läuft die Situation aus dem Ruder. Die vermeintlich heile Welt wird zunehmend von Hass und Hysterie beherrscht – was ein bisschen an Arthur Miller und seinen Klassiker „Hexenjagd“ erinnert. Nur dass es hier eben nicht um Kommunistenhatz, sondern um Kinderschutz geht. Jede Begegnung auf der Straße, jeder Einkauf im Supermarkt wird für Lucas zum Spießrutenlauf.

Zugegeben, etwas subtiler hätte der Regisseur vorgehen können. Seine Geschichte wäre dann womöglich noch überzeugender ausgefallen. Dass plötzlich alle zur Hatz auf Lucas blasen – Ex-Frau, bester Freund (Thomas Bo Larsen), Kollegen –, ist vielleicht doch ein bisschen dicke. Glaubt denn wirklich jeder sofort an seine Schuld?

Andererseits: Genau darum geht es Vinterberg ja, der als ehemaliger Dogma-Filmer bestens auf der Klaviatur von Zuschauergefühlen zu spielen weiß. Sein grandioser Film „Das Fest“ (1998) leuchtete in beinahe dokumentarischer Manier tief in familiäre Abhängigkeitsverhältnisse hinein – da allerdings mit umgekehrtem Vorzeichen: Im Mittelpunkt stand das Aufdecken der sexuellen Verbrechen, die ein Vater tatsächlich an seinen Kindern begangen hatte.

Von der Unschuld des Kindergärtners Lucas und dessen Qualen weiß nur der Zuschauer, weil Vinterberg aus dessen Perspektive erzählt. Alle anderen berufen sich auf Gerüchte, die sich verselbst­ständigt haben und nun als Fakten gelten. Für seine Mitbürger ist Lucas bald schon ein Aussätziger.

Ähnlich gelagerte Fälle der Vorverurteilung kennen wir in Internetzeiten nur zu gut. Gab es beispielsweise im Vorjahr nicht einen angeblichen Mädchenmörder in Emden, der am Ende gar keiner war, aber für den die aufgebrachte Netzmeute bereits die Todesstrafe gefordert hatte?So extrem ist diese Geschichte vielleicht gar nicht, die Vinterberg bis an die Schmerzgrenze treibt. Letztlich weist sein fiktiver Fall sogar über sich selbst hinaus: „Die Jagd“ lässt sich als Warnung vor Selbstgerechtigkeit verstehen – und als Parabel auf die zunehmende Hysterie, wenn irgendwo mal wieder ein vermeintlich Schuldiger an den öffentlichen Pranger gestellt wird.

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