Dokumentarfilm

„Die Konkurrenten“ am Klavier

- Ein Wunderkind wird erwachsen: Die hannoversche Pianistin Elena Kolesnitschenko ist von Donnerstag an in dem Dokumentarfilm „Die Konkurrenten“ zu sehen.

Da ist diese Szene im Vatikan, 1990. Der Papst, Johannes Paul II., ist zu sehen, dazu viele weitere kirchliche Würdenträger. Sie alle hören andächtig einem neunjährigen Mädchen zu, das ein Klavierkonzert gibt: Elena Kolesnitschenko, ein Wunderkind aus der Ukraine. Am nächsten Tag gibt es kaum eine italienische Zeitung, die nicht darüber berichtet. Elena gibt Fernseh­interviews, auf der Straße wollen Menschen sie anfassen, weil sie vom Papst gesegnet ist. In der Ukraine ist das hoch­begabte Mädchen sowieso ein Star, dessen Aufsehen erregendes Klavierspiel es von Europa bis nach Amerika führt.

Fast 20 Jahre später sitzt Elena Kolesnitschenko in ihrer kleinen Wohnung in Hannovers Südstadt und erinnert sich an jene Szene, die ihr Leben geprägt hat. 28 Jahre ist sie alt, Pianistin (an der hiesigen Musikhochschule bei Vladimir Krainev ausgebildet), Ehefrau, Mutter einer achtjährigen Tochter. Am 29. April läuft der Film „Die Konkurrenten“ von Irene Langemann über sie und drei andere in Moskau ausgebildete Wunderkinder an: Es ist der zweite Teil einer berührenden Dokumentation darüber, wie schwer es für solche Ausnahmetalente ist, als Erwachsene erneut den Sprung ins Rampenlicht zu schaffen.

Langemann arbeitet mit Rückblenden, die den frühen Erfolg deutlich vor Augen führen, und zeigt auch einen Mitschnitt jenes Vatikan-Auftritts. Dazu kommen Interviews, in denen die vier erwachsenen Ausnahmepianisten über ihre Karriereträume berichten, und Mitschnitte der Versuche des Quartetts, sich gegen eine schier erdrückende Konkurrenz zu behaupten: bei Wettbewerben, bei Vorspielen für Konzertagenten, bei wichtigen Konzerten.

Eine schmerzliche Erkenntnis für alle ist es, dass für einen „Durchbruch“ nicht nur Talent, sondern auch Glück vonnöten ist. Eine internationale Karriere ohne den Gewinn eines großen Wettbewerbs ist ­–­ da sind sich alle einig – überdies heute kaum noch möglich.

Für Elena Kolesnitschenko hat das Wörtchen „Glück“ allerdings zunächst mit ihrem Privatleben zu tun. Als 19-Jährige, kurz nachdem sie aus Moskau zum Studieren nach Hannover gekommen ist, wagt die Pianistin einen Schritt, den viele mit ihrem Karriereende gleichsetzen. Sie wird schwanger von ihrem heutigen Ehemann, einem Bratscher. Der Film zeigt, wie sie sich hingebungsvoll um ihre Tochter Valeria kümmert, mit ihr spielt, kocht. Auch im Gespräch spielt die Kleine, die oft zu Konzerten mitreist und selber im Mädchenchor Hannover singt, eine wichtige Rolle.

Die frühe Karriere der Pianistin dagegen ist zur Belastung geworden. Oft werde sie auf das Mädchen reduziert, das damals vor dem Papst gespielt habe, sagt die hübsche Frau mit den langen braunen Haaren. ­Aber auch für sie selbst ist es schwer, ihre jetzigen Leistungen nicht immer am Ruhm von damals zu messen: „Man fühlt sich, als würde man ständig im eigenen Schatten stehen.“ Elena Kolesnitschenko hat eine Agentur gefunden, die ihr Konzerte vermittelt. Unlängst war sie beispielsweise mit der Klassischen Philharmonie Bonn auf Tournee. Sie tritt als Kammermusikerin auf, hat Wettbewerbe gewonnen, ein ganz großer wie der ARD-Wettbewerb (den 2002 statt ihrer der ebenfalls in Hannover studierende Weißrusse Denys Proshayev gewann) war aber nicht dabei. Langemanns Film dokumentiert eindrucksvoll, wie erschüttert Elena Kolesnitschenko ist, als sie in Wien beim Beethoven-Wettbewerb 2009 nicht einmal die zweite Runde erreicht, obwohl sie sich in der Form ihres Lebens fühlt. Briefe von zwei Juroren, die ihr Spiel in den höchsten Tönen loben und ihr Entsetzen darüber äußern, dass sie nicht weitergekommen ist, zeigen der jungen Pianistin, dass sie mit ihrer Selbsteinschätzung nicht ganz falsch gelegen haben kann ­– und dass ein Wettbewerbsgewinn auch viel mit subjektiven Bewertungskriterien zu tun hat.

Ob die 28-Jährige noch einmal bei einem Wettbewerb starten will, weiß sie nicht. Aber die Niederlage hat sie stark gemacht. „Ich habe als Künstlerin zu mir gefunden, ich bin zufrieden mit meinem Spiel“, sagt sie heute: „Der Rest wird sich finden.“

Hannover-Premiere (mit Elena Kolestnitschenko) ist am 29. April, 19.30 Uhr, im Kino im Künstlerhaus. Weitere Vorführungen vom 30. April bis 4. Mai (20.15 Uhr).

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