Fernsehen

„Die Rache der Wanderhure“ überzeugt nicht

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Alexandra Neldel ist „Die Wanderhure“.

Hannover - Krude, öde und pathetisch: „Die Wanderhure“ mit Alexandra Neldel war bei SAT.1 ein Überraschungserfolg. Teil zwei jedoch hat der Sender völlig versemmelt. Trotzdem droht noch ein dritter.

In die Hitparade der trashigsten Filmtitel dürfte Bewegung kommen. Irgendwo zwischen „Natalie – Endstation Babystrich“ und „Das Blutgericht der reitenden Leichen“ wird ein neuer Film seinen Platz finden. Denn bei SAT.1 haben sie sich zusammengesetzt nach jenem 5. Oktober 2010. Dieser Tag ist in die Geschichte des Privatsenders eingegangen: Fast zehn Millionen Zuschauer sahen damals, wie Alexandra Neldel sich in dem opulenten Historiendrama „Die Wanderhure“ durchschlug.

Die gar nicht schlecht gemachte Mittelalter-Schmonzette wurde zum erfolgreichsten deutschen TV-Film in der Geschichte des Senders. Da musste natürlich eine Fortsetzung her. Mit einem Titel, der Sex und Gewalt verheißt, Emotion und Historie. Ein Titel, bei dem sich die ganze Düsternis des Mittelalters und die ganze Mobilität des modernen Menschen die Hände reichen. In vier Worten: „Die Rache der Wanderhure“.

Die Romanvorlage von Iny Lorentz hieß ganz brav „Die Kastellanin“. Genau genommen ist Alexandra Neldel nämlich gar keine Wanderhure mehr, sondern lebt anno 1427 mit Mann und Tochter glücklich auf Burg Hohenstein. Und genau genommen rächt sie sich auch für nichts, sondern kämpft ganz Rosamunde-Pilcher-mäßig um ihr Glück und für ihr Selbstbestimmungsrecht als Frau. Ob Hebamme, Päpstin oder Wanderhure – das tun die Heldinnen solcher Historienepen immer. Da spielt es auch keine Rolle, dass Genderdebatten im realen Mittelalter eher ein randständiges Thema waren.

Als Burgherrin erhält die ehemalige Wanderhure die Nachricht, ihr Mann Michel (Bert Tischendorf) sei im Kampf gegen die Hussiten gefallen. Doch sie glaubt nicht an seinen Tod. Gegen die Widerstände einer bösen Welt und trotz vieler Gefahren macht sie sich auf die abenteuerliche Suche nach dem Verschollenen. Und als hätte sie’s geahnt: Ihr Gatte wurde zwar als Opfer einer Intrige schwer verletzt. Doch ein heilkundiger Mongole, der wie auch immer nach Europa gekommen ist, hat ihn liebevoll wieder aufgepäppelt und ihn asiatische Kampfkunst gelehrt („Lausch dem Rauschen des Windes, wenn du kämpfst!“). Leider hat Michel sein Gedächtnis verloren und irrlichtert nun als finsterer Mann ohne Namen durch den Osten Europas.

Die Handlung ist so krude, dass sie wie ihre eigene Parodie wirkt. Und Regisseur Hansjörg Thurn illustriert sie allzu routiniert mit bewährten Bildern: Man sieht nackte Leiber im Feuerschein, schmuddelige Marktplätze und zottelige Habenichtse mit Karies, gewandet in grobes Sackleinen. In der Parade der Klischees marschieren noch ein skrupelloser König mit, ein gutherziger, verwachsener Gaukler und eine weise Äbtissin (Esther Schweins), die so sehr von Toleranz und Religionsfreiheit schwärmt, dass sie ihrer Zeit glatt um drei Jahrhunderte voraus ist. Man begegnet auch einem alten Bekannten wieder: Der Schurke Rupert aus dem ersten Teil arbeitet inzwischen als Großinquisitor und verbirgt sein entstelltes Gesicht hinter einer Hannibal-Lecter-Maske. Dazu kommen noch Ränkespiele um die Kaiserkrone, Glaubenskriege sowie eine Menge verstümmelte Soldaten und abgehackte Arme.

So überdreht der Plot ist (Buch: Dirk Salomon und Thomas Wesskamp), so langweilig ist er auch. Man kann sich ausrechnen, dass die Titelheldin am Ende nicht nur ihr Glück findet, sondern auch noch pathetisch Brücken zwischen den Kriegsparteien in den Hussitenkämpfen baut. Fehlt nicht viel, und sie würde den Weltfrieden ausrufen. Bei so viel Erfolg dürfte eine Fortsetzung nur eine Frage der Zeit sein. Die nächste Wanderhure kommt bestimmt. Titelvorschlag: „Das Blutgericht vom Babystrich – eine Wanderhure geht ihren Weg“.

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