Talk, Talk, Talk

Diese Woche startet der Redemarathon in der ARD

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Wir müssen reden: Diese Woche startet der Redemarathon in der ARD.

- Talk, Talk, Talk: Diese Woche startet der Redemarathon in der ARD – Sandra Maischberger macht den Auftakt. Am Dienstag nimmt sie als erste Rückkehrerin aus den Sommerferien auf ihrem Fernsehsessel Platz – zu gewohnter Stunde und auf dem bekannten Sendeplatz.

Eigentlich ist der Start der ARD-Talkmaster in den Herbst eher unspektakulär: Am Dienstag (22.45 Uhr) nimmt Sandra Maischberger als erste Rückkehrerin aus den Sommerferien auf ihrem Fernsehsessel Platz – zu gewohnter Stunde und auf dem bekannten Sendeplatz. Thema der Sendung: „Sexualmoral 2011: Kein Anstand, kein Tabu?“ Zu Gast sind Charlotte Roche, Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger und Hellmuth Karasek. Alles wie immer also. Doch schon am Tag darauf ist nichts mehr so, wie es vorher einmal war: Jeder der anderen drei ARD-Talker muss sich an einen neuen Ausstrahlungstag gewöhnen, bis dann der neue Hoffnungsträger seinen Auftritt hat.Und das ist der Moderator und Produzent Günther Jauch (55), der auch weiterhin bei RTL die populäre Quizshow „Wer wird Millionär?“ moderiert. Am 11. September aber, zwölf Tage nach dem offiziellen Herbsttalkstart, wird er erstmals in der ARD zum Gespräch bitten – schlichter Titel seiner Sendung: „Günther Jauch“ (21.45 Uhr).

Der spektakuläre (und teure) Wechsel hat ein großes Stühlerücken ausgelöst. Vor Jauch muss sich noch seine Vorgängerin Anne Will („Anne Will“), die von Sonntag auf Mittwoch umzieht und jetzt am 31. August (22.45 Uhr) startet, an ihre neue Umgebung im Programm gewöhnen. Das gilt auch für Reinhold Beckmann („Beckmann“), der von Montag auf Donnerstag ausweicht (22.45 Uhr) und am 1. September loslegt, sowie für Frank Plasberg („Hart aber fair“), der von Mittwoch auf Montag vorrückt und auf diesem Sendeplatz am 5. September (21 Uhr) debütiert.

ARD-Programmdirektor Volker Herres vertritt die Auffassung, die steigenden Zuschauerzahlen, die die ARD-Talkformate seit Längerem registrierten, zeigten, dass „sie als adäquates Forum für politische gesellschaftliche, wirtschaftliche oder soziale Inhalte vom Publikum wahrgenommen werden“, wie er in einem Vorwort für den ARD-Pressedienst zum Thema Talk schrieb. „Da lag es nahe, diese Vermittlungsform im Programm zu stärken. Ein Gesprächsformat im Ersten schafft dem demokratischen Meinungsaustausch und der kontroversen Debattenkultur nun zusätzlichen Raum.“

Die Programmentscheidung der ARD-Strategen aber löste in der Öffentlichkeit heftige Kritik aus. „Absurd“ nannte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in einem Gespräch mit Bernd Gäbler, dem ehemaligen Direktor des Adolf-Grimme-Instituts, die ARD-Strategie. Gäbler, Autor des Buchs “... und unseren täglichen Talk gib uns heute“, kritisierte, dass wichtige gesellschaftliche Akteure in den Fernsehtalks fast gar nicht vorkämen – wie zum Beispiel Dax-Vorstände. Meist diskutierten Menschen, die man aus dem Fernsehen schon kenne. Neues werde nicht entdeckt.

Kurz nach Erscheinen von Gäblers Buch meldete sich noch ein Politiker zu Wort, der Bundestagsabgeordnete Erwin Lotter (FDP). „Ich fordere die Programmverantwortlichen der Sender dringend auf, ihre sinnentleerte Polittalk-Clownerie aus dem Programm zu nehmen und auf einen Neustart mit Tiefgang zu setzen“, zitierte ihn sein Büro in einer Mitteilung. Es finde keine ernsthafte, sachorientierte Auseinandersetzung in den Talks statt. In den TV-Runden sitzen meist Politiker, auch welche von der FDP, aber nicht Erwin Lotter.

Auch Sabine Christiansen, Jauchs Vorvorgängerin, misstraut der Talkflut. „Zumindest im Bereich der gesellschaftspolitischen Talkshow denke ich, dass wir ein bisschen zu viel haben. Das ist schade, weil es sich damit etwas abnutzt“, sagte sie in einem Interview. „Jetzt wird es allerdings etwas kritisch, weil es inflationär wird, bei fünf Talks in der ARD, Maybrit Illner und Markus Lanz im ZDF und dann kommen ja noch die Polit- und Personentalkshows in den Dritten Programmen hinzu.“

Die Betroffenen nehmen ihre Versetzung auf neue Positionen mit gebotener Vorsicht hin. „Wir träumen von eineinhalb bis zwei Millionen Zuschauern“, sagte Anne Will am Freitag über ihre Quotenwünsche. „Aber das ist schon ein ganz schönes Stück.“ Das erste Thema bei „Anne Will“ heißt „Wut im Bauch“ – es soll um die Jugendkrawalle in Großbritannien ebenso wie die brennenden Autos in Berlin und spektakuläre U-Bahn-Schlägereien gehen. Spitzenkoch Tim Raue wird der erste Gesprächspartner sein – „der war in einer Jugendgang, und auch einer, der zugeschlagen hat“, sagte Will. Dazu kommen der Rapper Sido, Politiker Edmund Stoiber, der Publizist Christian Nürnberger und Schauspielerin Veronica Ferres.

Das Unterfangen sei auch riskant, sagt Will. Mögliche Probleme: „Die Zuschauer nehmen das Konzept nicht an und schalten ab oder sie sind nach drei Arbeitstagen müde und gehen früher ins Bett.“ Ihr Kollege Beckmann nimmt die Versetzung mit Humor: Jauch habe den „Königsplatz des Talks“ und „somit immer einen Mord im Vorlauf“, sagte Beckmann dem „Spiegel“. „Mehr geht nicht! Ich hingegen muss jedem Zuschauer eine Umzugskarte schicken. Das kostet Zeit.“

Carsten Rave

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