Interview

Dietmar Hübner: „Philosophie kann klären“

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Dietmar Hübner wurde 1968 in Solingen geboren. Er studierte Philosophie und Physik in Bonn und Cambridge. Von 1999 bis 2010 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wissenschaft und Ethik (IWE) der Universität Bonn. Seit August 2010 hat er die Professur für „Praktische Philosophie, insbesondere Ethik der Wissenschaften“ an der Leibniz Universität Hannover inne. Seine Arbeitsschwerpunkte sind allgemeine und angewandte Ethik sowie politische Philosophie. Neuere Buchveröffentlichungen: „Die Bilder der Gerechtigkeit. Zur Metaphorik des Verteilens“. mentis Verlag, 515 Seiten, 78 Euro. In diesem Frühjahr erscheint „Die Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus. Kant – Fichte – Schelling – Hegel“. Verlag W. Kohlhammer. Ca. 230 Seiten, ca. 29 Euro.

- Der hannoversche Philosoph Dietmar Hübner spricht im Interview über die derzeit wichtigsten Theorien der Verteilungsgerechtigkeit.

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In Ihrer Habilitationsschrift „Die Bilder der Gerechtigkeit“ haben Sie sich intensiv mit den ideengeschichtlichen Wurzeln und den konkreten Ausformungen unterschiedlicher Theorien der Verteilungsgerechtigkeit befasst. Fangen wir einmal mit einer schlichten Unterscheidung an, die in unseren Debatten eine Rolle spielt: der Differenz von „verteilen“ und „umverteilen“.

Redet man von „Verteilung“, so geht man davon aus, dass man einen gewissen Bestand von Ressourcen zur Verfügung hat und es nur noch darum geht, nach welchen Kriterien man sie an die möglichen Empfänger weitergeben sollte. Die Frage ist allerdings, wo solche Ressourcen eigentlich herkommen. Manchmal kann dies unproblematisch sein, etwa wenn sie aus freiwilligen Spenden stammen. Der Regelfall wird aber sein, dass man sie zwangsweise einziehen muss, vor allem durch Steuern. Das zu Verteilende wird also zunächst einmal bestimmten Leuten weggenommen. Wenn man diesen Vorgang betonen will, spricht man von „Umverteilung“.

Wir sprechen alle von sozialer Gerechtigkeit – kann man diesen Begriff wie eine Leerformel beliebig füllen?

Man sollte diesen Begriff vielleicht gar nicht als Formel auffassen, die bestimmte Lösungen vorzeichnen könnte. Soziale Gerechtigkeit ist ein ethischer Themenbereich – genau genommen der dritte große Bereich der Grundrechte. Der erste umfasst die politischen Beteiligungsrechte, vor allem Wahl- und Kandidaturrecht. Der zweite enthält die bürgerlichen Freiheitsrechte, also Abwehrrechte gegen den Staat. Der dritte schließlich ist der Sektor der sozialen Anspruchsrechte, und hier geht es um die Verteilung von Gütern. In den ersten beiden Bereichen mag es Uneinigkeiten im Detail geben, etwa wenn es darum geht, welche Freiheitsbeschränkungen zugunsten der Sicherheit zulässig sind. Aber im Bereich der Anspruchsrechte streiten wir sogar noch über die grundsätzlichen Kriterien.

Sind Freiheitsrechte nicht auch durch wirtschaftliche Machtkonzentration bedroht?

Das kann passieren, und dann kommt es zu Wechselwirkungen zwischen den Bereichen. Diskutieren wir über wirtschaftliche Ungleichheiten, so bewegen wir uns zunächst im Feld der sozialen Gerechtigkeit. Aber materielle Ungleichheit kann auf Partizipationsrechte oder Freiheitsrechte durchschlagen. In den USA werden wirtschaftliche Ungleichheiten sehr stark dahin gehend diskutiert, ob sie inakzeptable Ungleichgewichte in den politischen Beteiligungs­chancen erzeugen: Finanzielle Vorteile wirken sich dann plötzlich nicht nur ökonomisch aus, sondern haben undemokratische Effekte, vor allem indem sie übermäßigen Lobbyismus ermöglichen. Die Frage ist freilich, wie man auf solche Phänomene reagieren soll: Ist es systematisch angemessen und politisch realistisch, aus diesem Grund soziale Ungleichheiten verkleinern zu wollen? Oder sollte man lieber zusehen, dass das politische System gegen solche wirtschaftlichen Effekte abgeschirmt wird, etwa durch verbesserte Gesetze zur Finanzierung von Wahlkämpfen?

Wie beurteilen Sie die derzeitige Verteilungsdebatte in unseren Medien?

In der jüngeren Vergangenheit stritt man nicht so sehr um ethische Grundsatzfragen, also nicht darum, ob es uns letztlich um Gleichheit, um Armenversorgung oder um den freien Markt geht. Eher stritt man über empirische Fragen, vor allem darum, welche volkswirtschaft­lichen Effekte bestimmte Maßnahmen haben würden. Inzwischen scheint das Bewusstsein für die Prinzipienfragen aber wieder zu wachsen – nicht zuletzt, weil sich die gesellschaftlichen Konflikte verschärfen und entsprechend auch fundamentalere Meinungsverschiedenheiten sichtbar werden.

Was könnte der Beitrag der Philosophie zu dieser Debatte sein?

Im Wesentlichen Klärung. Philosophie kann aufdecken, welche tieferen ethischen Strukturen sich hinter unseren unmittelbaren moralischen Intuitionen verbergen.

Kann man die diversen Theorieansätze in der Verteilungsgerechtigkeit grob unterscheiden?

Für die derzeitige Debatte scheinen mir drei Ansätze besonders wichtig. Zunächst gibt es die Tradition der Vertragstheorien, die seinerzeit von Hobbes, ­Locke und Rousseau begründet wurde und die in jüngerer Zeit durch moderne Autoren wie John Rawls wiederbelebt worden ist. Ihr Begründungansatz besteht im Wesentlichen in einem Gedankenexperiment: Wie würden wir unser Gemeinwesen gestalten, wenn wir es uns frei aussuchen könnten, aber nicht wüssten, welche Rolle wir darin einnehmen werden? Rawls spricht von einem „Schleier des Nichtwissens“: Welche Gesellschaft würde ich wählen unter der Bedingung, dass ich nicht weiß, welche ­Position mir darin zugelost wird – König, Bauer oder Sklave?

Pessimisten neigen demnach zu egalitären Vorstellungen?

Jedenfalls zu Vorstellungen, in denen es den Benachteiligten nicht allzu schlecht geht: In der skizzierten Wahlsituation wäre es wahrscheinlich klüger, eine Gesellschaft ohne Sklaverei zu wählen – am Ende könnte man selbst davon betroffen sein.

Welche konkurrierenden Theorieansätze gibt es noch?

Zum Zweiten gibt es eine Theoriegruppe, die stark auf den Gedanken des Respektierens, des Anerkennens abhebt. Die Verteilung von Gütern wird hier als eine Art Achtungserweis verstanden.

Anerkennung von Leistung etwa?

So würde ein Liberalist diesen Gedanken aufgreifen, um auf diese Weise den freien Markt zu rechtfertigen. Aber man kann das Modell auch dahin gehend deuten, dass man den anderen einfach in seiner Eigenschaft als Mensch, als Würdewesen anerkennen sollte, und dann kommt auf einmal eine stark egalitaristische Note hinein. Oder man fordert, dass der freie Markt nur da wirken darf, wo die Einzelnen für ihre Erfolge oder Misserfolge selbst verantwortlich sind. Wo dies nicht der Fall ist, solle man für Ausgleich sorgen. Dann ist die entscheidende Frage natürlich, wo diese Grenze zwischen dem Verantworteten und dem Unverantworteten genau verläuft.Schließlich gibt es drittens die utilitaristische Tradition. Hier wird argumentiert, dass in einer Gesellschaft die Gesamtsumme des Wohlstands oder Glücks möglichst groß sein sollte.

Kann man den Theorietypen jeweils bestimmte sozialpolitische Konzepte zuordnen?

Die Vertragstheorie von Rawls läuft weitgehend auf das Konzept einer sozialen Marktwirtschaft hinaus. Die An­erkennungstheorien stecken ein recht großes Spektrum ab, von liberalistischen bis hin zu egalitären Positionen. Der Utilitarismus schließlich fordert eine Gesamtwohlmaximierung, aber auch hier können Unterschiede entstehen, je nachdem was genau maximiert werden soll: Wenn man beispielsweise eine Glückssumme maximiert, so kann dies unter bestimmten Umständen darauf hinauslaufen, auf der Einkommensebene für Gleichheit zu plädieren.

In Ihrem Buch vergleichen Sie die theoretischen Ansätze. Gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Ja, sie haben sogar eine erstaunlich ähnliche Struktur. Allen drei Theorietypen geht es erkennbar um Unparteilichkeit. Sie greifen diesen Gedanken aber sehr unterschiedlich auf, und zwar indem sie ihn in abweichende metaphorische Formen gießen – ich spreche von „Bildern der Gerechtigkeit“: Die Vertragstheorien fassen Unparteilichkeit als „Verhüllen“ auf – sehr deutlich in Rawls’ „Schleier des Nichtwissens“, unter dem man nicht weiß, welche Rolle man in der künftigen Gesellschaft einnehmen wird. Die Anerkennungstheorien verstehen Unparteilichkeit demgegenüber eher als ein „Entkleiden“, also als bewusstes Ausblenden von Zufälligkeiten, von Unwesentlichem. Der Utilitarismus schließlich realisiert Unparteilichkeit als „Abstand“, den ein unbestechlicher Schiedsrichter zu den Beteiligten einnimmt. In meinem Buch zeichne ich nach, wie diese drei „Bilder der Gerechtigkeit“ in den verschiedenen Theorien wirksam sind – und zu welch unterschiedlichen Positionen sie in der Verteilungsfrage führen.

Geben Sie einer Richtung den Vorzug?

Jede der Theorien hat ihre Vor- und Nachteile. Wir können uns nicht auf einen Ansatz allein stützen.

Woran liegt das?

In jeder dieser Theorien nehmen die ­Güter, die es zu verteilen gilt, einen anderen Charakter an. Deshalb muss man sich zunächst darüber klar werden, mit welchem Gütertyp man es in einer konkreten Verteilungssituation zu tun hat: Ist es ein „Grundgut“, also etwas Elementares wie Nahrung oder Wohnung, dann gewinnen die Vertragstheorien starkes Gewicht. Hat das Gut eher einen expressiven Charakter, kommen die Anerkennungstheorien ins Spiel. Und bei einfachen Wohlstandsgütern kann der Utilitarismus eine gewisse Überzeugungskraft entfalten.

Für wie gerecht halten Sie unsere Gesellschaft?

Die Grundstruktur unserer westlichen Gesellschaft ist grundsätzlich gerecht und bewahrenswert. Zunehmende Ungleichheiten können allerdings nachdenklich machen. Vor allem auf inter­nationaler und intergenerationeller Ebene mag derzeit einiges in die Schieflage geraten.

Interview: Karl-Ludwig Baader

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