Neues von Joshua Bell und David Garrett

Echte Klassiker?

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Foto: Im Januar spielt Joshua Bell mit der Academy im Kuppelsaal Stücke von seiner neuen CD.

Hannover - Auf neuen CDs spielt Joshua Bell mit Bach – und David Garrett vergeigt Brahms und Bruch. Beide haben sich dabei prominente Partner gesucht.

Seine Karriere begann als Wunderkind. Mit Cross-Over-Projekten wurde er einem breiten Publikum bekannt - und heute gehört er zum kleinen Kreis der großen Geiger. Der Amerikaner Joshua Bell hat mit Ausflügen in vermeintlich seichte Gefilde regelmäßig die klassischen Konzertbesucher irritiert und den Kreis seiner Fans am Ende doch wieder vergrößert. In vielen dieser Umstände gleicht er seinem etwas jüngeren deutsch-amerikanischen Kollegen David Garrett. Doch anders als Garrett, der noch mit Eifer danach strebt, hat Bell längst einen festen Platz in der Klassikwelt erobert. Fast zeitgleich sind jetzt CDs der vielseitigen Geiger erschienen, auf denen sie sich mit unterschiedlichem Erfolg den berühmtesten Violinkonzerten der Musikgeschichte widmen.

Beide haben sich dabei prominente Partner gesucht. Bell ist als Nachfolger von Sir Neville Marriner seit Kurzem Musikdirektor der altehrwürdigen Academy of St. Martin in the Fields. Mit dem englischen Kammerorchester hat er nun Bachs Violinkonzerte aufgenommen - und dabei ganz unaufgeregt gute Argumente dafür geliefert, die häufig (ein)gespielten Werke noch einmal aufzuführen. Mit fantasievoller, aber nie exzentrischer Phrasierung, mit rhythmischer Klarheit, weit gespannten Bögen und fein abgemischtem, leuchtendem Klang ragt Bells Spiel aus der Masse der Bach-Interpretationen heraus. Ergänzt wird das Programm durch geschmackvolle Bearbeitungen von zwei Solosonatensätzen und dem berühmten Air aus den Orchestersuiten, die hier so schlicht und schön klingen, dass man sie immer wieder hören mag.

Auch bei David Garretts Einspielung des Bruch-Konzertes ist man versucht, die Wiederholungstaste zu drücken, wenn auch aus anderen Gründen. Schon der rhapsodische Einstieg der Sologeige tönt so unauffällig, dass man leicht darüber hinweghört. Es ist, als hätte Garrett den Tönen eine Tarnkappe verpasst: Sie wollen nicht im Gehör haften. Das Problem seiner Interpretation wird so erst beim zweiten Hören offenbar. Wie der Klang seiner Stradivari, der flach und farblos bleibt, erwachen auch die Noten von Bruch und Brahms nicht recht zum Leben. Sie bleiben bloßer Text.

Garrett rezitiert ihn pflichtbewusst, aber mit wenig Überzeugungskraft. Bei vielen schnellen Passagen kann man fast noch das Metronom aus dem Übezimmer ticken hören, und auch lyrischen Passagen fehlt oft die rhythmische Energie. Stattdessen hat der Geiger die Eigenart, Bindungen herauszuschleudern und Anfang und Ende einer Phrase scharf zu betonen. Dass seinem Spiel nicht nur der Feinschliff fehlt, sondern es manchmal einen Hobel nötig hätte, bestätigt dabei keineswegs das Bild eines Geigenrebells mit Ecken und Kanten. Es ist einfach musikalisch ungenau. Auf der im Studio produzierten CD ist das erstaunlicherweise noch unbarmherziger zu hören als im Konzertsaal. Ein anderer Geiger hätte sie so wohl kaum veröffentlichen können.

Zubin Mehta, der hier ungerührt und souverän mit dem Israel Philharmonic Orchestra begleitet, findet im Booklet aber eine Antwort, warum Garrett es doch getan haben könnte. Er hoffe, schreibt der Dirigent, dass die Aufnahme helfen werde, Garretts „anderes Publikum“ einmal Brahms und Bruch hören zu lassen. Tatsächlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass es dem Geiger auch mit dieser Aufnahme gelingt, Begeisterung für diese mancherorts noch ganz unbekannten Klassiker zu wecken. Deren Qualität ist bei Garrett im Detail vielleicht wirklich nebensächlich: Der Musikvermittler triumphiert bei ihm über den Musiker.

David Garrett: „Timeless - Violinkonzerte von Brahms und Bruch“. Israel Philharmonic Orchestra, Zubin Mehta (Decca).

Joshua Bell: „Bach“. Academy of St. Martin in the Fields (Sony Classical).

Joshua Bell und die Academy spielen am 17. Januar im hannoverschen Kuppelsaal, Kartentelefon: (0511) 36-38-17.

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