Literarischer Salon

Einmal der liebe Herrgott sein

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Foto: Im Literarischen Salon: Charlotte Milsch, Judith Mühlbacher, Dieter Rohmann, Danilo Hartung.

Hannover - Der Literarische Salon diskutiert die bizarre Attraktivität von Sekten – und den schwierigen Weg, sie zu verlassen. Ein positives Bild von Sekten ist an diesem Abend nicht entstanden.

„Meine Kindheit? Ganz ehrlich? Es war furchtbar!“ So fasst Judith Mühlbacher ihre ersten Lebensjahrzehnte zusammen. „Ich hatte Depressionen und Panikattacken, ich wusste, ich muss da raus.“ So antwortet Danilo Hartung auf die Frage, aus welchem Lebensgefühl heraus er mit 21 Jahren den Ausstieg geschafft hat. Beide haben jetzt von ihrer Sektenerfahrung berichtet – beim Literarischen Salon. Der hat unter dem ein wenig kalauernden Titel „In Sekten“ einen spannenden Diskussionsabend geboten, den etliche Gäste wegen des massiven Andrangs im Stehen erlebten.

Eingangs sagte Moderatorin Charlotte Milsch, sie wolle lieber von Glaubens- oder Kultgemeinschaften sprechen, da das Wort Sekte negativ besetzt sei. Doch gleich, welches Etikett man verwendet: Ein positives Bild von Sekten ist an diesem Abend nicht entstanden. Danilo Hartungs Eltern sind Zeugen Jehovas, er wurde nach deren Verständnis „in die Wahrheit“ geboren. „Ich konnte aber schon als Kind nicht verstehen, wieso der liebe Gott alle, die nicht Zeugen Jehovas sind, in die ewige Verdammnis schickt.“ Doch statt Antworten auf seine Fragen habe er nur ein Korsett aus Regeln bekommen. Judith Mühlbacher, aufgewachsen in einer Neuoffenbarersekte, durfte nur die Hauptschule besuchen. „Bildung ist schlecht, hieß es da, weil der Verstand das Herz verschließt.“ Strenge Regeln und harte Arbeit hat auch sie erlebt, und dazu noch Heiler, die glaubten, dass Gott durch sie spreche.

Warum finden Sekten trotz solcher Zumutungen Zulauf? „Typisch ist, dass Sektenmitglieder zum Zeitpunkt ihres Eintritts fragil und emotional bedürftig sind“, sagt Dieter Rohmann, der als Psychologe in München Sektenaussteiger und deren Familien betreut. Prophetische Erlebnisse deuteten oft auf eine schizoide Störung hin, doch wer in einer Lebenskrise stecke, erlebe solche Propheten leicht als Künder einer positiven Botschaft. „Dann möchte man vielleicht Mister Big sein oder als Prinzessin Lilifee den Zauberstab schwingen, einmal ein kleiner Gott sein.“

Nach seinen Worten wächst der Zulauf für Sekten. Weniger bei esoterischen Gruppen, die in den Siebzigerjahren in Mode waren, stärker bei christlich-fundamentalistischen Gruppen und am meisten bei Psycho- und Mental-Health-Strömungen. „Die versprechen Erfolg in der Wirklichkeit, während christliche Sekten eher auf Abgrenzung setzen. „Die wollen raus aus der satanischen Welt.“

Wie aber kommt man raus aus Sekten, ohne gelebtes Leben in der wirklichen Welt? „Wegzugehen bedeutet nach der Logik der Neuoffenbarer, in die Hölle zu gehen“, sagt Judith Mühlbacher. „Ich wollte so nicht mehr leben, mich umzubringen habe ich aber als größere Sünde angesehen, als wegzugehen.“ Für Sektenaussteiger folgt nach Rohmanns Worten auf den Ausstieg erst die Angst vor der fremden Außenwelt. „Aussteiger sind oft mit Schwarz-Weiß-Denken aufgewachsen – meine Aufgabe ist es, ihnen den Regenbogen dazwischen zu zeigen.“

Beide Sektenaussteiger haben ihren Weg gefunden: Danilo Hartung engagiert sich bei Veranstaltungen zum Thema Sekten, Judith Mühlbacher hat ihre Erfahrungen in einem Roman verarbeitet. Am wichtigsten ist nach den Worten von Rohmann Aufklärung, was der Psychologe mit einem Bonmot von Marie von Ebner-Eschenbach begründet: „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Wohl wahr.

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