„Etwas Außergewöhnliches zu tun“

Einstiger Kestner-Chef Wieland Schmied ist tot

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Foto: Schmied setzte in Hannover nicht auf eine Ästhetik des Schocks. Doch er hat viel zur Entprovinzialisierung des deutschen Kunstverständnisses beigetragen.

Hannover - Das Schöne an der Arbeit des Ausstellungsmachers, hat Wieland Schmied einmal gesagt, sei die Option „Bilder einfach abzulehnen“. Da war er, 34-jährig, Direktor der Kestnergesellschaft geworden.

Voller Freude äußerte er sich 1963 gegenüber Rudolf Lange, damals Feuilletonchef der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, nicht länger schlechte Texte langwierig mit den Autoren durchgehen zu müssen wie zuvor als Lektor in Frankfurt. Vom Verlags- zum Ausstellungsgeschäft? Das schien im Falle Schmieds, des promovierten Kunsthistorikers, der neben der Lektoratsarbeit auch Kunstkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ war, durchaus plausibel. Immerhin machte er aus der Kestnergesellschaft „eines der aufregendsten Kunstinstitute im Lande“, wie die „FAZ“ dem jetzt mit 85 Jahren im oberösterreichischen Vorchdorf verstorbenen Schmied attestiert hat.

Ihn zeichnete damals aus, dass er auch eigenen Routinen misstraut. 1968, als ihm Lange eine „eigene Linie“ gefunden zu haben bescheinigte, fragte Schmied, ob „wir nicht zu konformistisch“ seien. „Muss das, was gegenwärtig ist, nicht zwangsläufig auch schockierend sein, als zu gewagt erscheinen, Widerstand hervorrufen?“

Schmied setzte in Hannover nicht auf eine Ästhetik des Schocks. Doch er hat viel zur Entprovinzialisierung des deutschen Kunstverständnisses beigetragen. Giorgio de Chirico und René Magritte, Roy Liechtenstein und David Hockney, Friedensreich Hundertwasser und Horst Janssen hat er in die Kestnergesellschaft geholt. Es sei schließlich deren Tradition, „etwas Außergewöhnliches zu tun“, schrieb er in einem Beitrag für die Hannoversche Allgemeine. „Wenigstens in Hannover.“

1973, nach zehn Jahren, wechselte er an die Nationalgalerie in Berlin, von 1978 bis 1986 war er DAAD-Direktor, bis 1999 noch Präsident der Internationalen Sommerakademie Salzburg und immerhin bis 2004 Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Treu blieb er stets seinen Favoriten in Kunst und Literatur. Unter den rund 50 von ihm verfassten Büchern sind gleich mehrere de Chirico, Hundertwasser und seinem persönlichen Freund Thomas Bernhard gewidmet.

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