Safranski Biografie vor

Fanpost an Goethe

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Hannover - Warum denn bloß noch eine Goethe-Biografie? Reichen denn nicht die vorhandenen Lebenserzählungen von Friedrich Gundolf, Richard Friedenthal oder Nicholas Boyle? Rüdiger Safranski hat diese Frage in den vergangenen Monaten wohl zu oft gehört. Deswegen stellt er sie sich gleich zu Beginn seiner Lesung selbst.

„Es gibt schon viele Goethe-Biografien. Aber noch keine von mir“, sagt er. Aber das sei natürlich nur scherzhaft gemeint. Wir wollen es, nun ja, glauben. Eine ernsthafte Antwort sei, fährt Safranski vor 200 Zuschauern im hannoverschen Buchhaus Lehmanns fort, dass ihn Goethes Idee, das Leben selbst als Werk zu begreifen, fasziniert habe.

„Kunstwerk des Lebens“ – so lautet denn auch der programmatische Untertitel der umfassenden Goethe-Biografie des bekannten Philosophen und Publizisten. Für den Dichter „musste alles Gestalt haben“, schreibt Safranski. Er musste alles in Form gießen, weil „das Meer des Zufälligen und Gestaltlosen“ ihn mit Schrecken erfüllte. Um 1780 habe der Dichter des „Werther“ und des „Götz von Berlichingen“ gemerkt, dass es das eine ist, schöne Werke zu schreiben. Aber aus dem Leben selbst ein Werk zu gestalten, am eigenen Leben herumzumodellieren, das sei vielleicht eine noch viel interessante Arbeit.

Und so sendet Goethe 1780 die Worte an Lavater, die Safranski seinem Buch als Motto voranstellt: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andre und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der Babylonische Turm bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen es war kühn entworfen.“ Und 1811 heißt es in einem weiteren Brief Goethes: „Ich erinnerte mich dabei eines schmeichelnden Vorwurfs, den mir einst ein Jugendfreund machte, indem er sagte: Das was Du lebst ist besser als was Du schreibst; und es sollte mir lieb sein, wenn es noch so wäre.“

Goethe-Biografie

Rüdiger Safranski: „Goethe. Kunstwerk des Lebens.“ Hanser, 751 Seiten, 27,90 Euro.

Folgerichtig beschreibt Safranski, wie sich bei Goethe Leben und Werk gegenseitig beeinflussen. Wie er seine Zerrissenheit zwischen Dichter und Amtsmann, die er in seiner Zeit am Weimarer Hof empfindet, in „Torquato Tasso“ in die Figuren Torquato und Antonio fließen lässt. Wie er für den Werther aus eigenen Briefen schöpft. Dass er, wie es in „Dichtung und Wahrheit“ geschrieben steht, „dichterischen Gebrauch“ macht vom eigenen Leben. Safranski präsentiert zahlreiche Belege für seine These. Mit seiner leicht angerauht-knarzigen Stimme zitiert er Goethes Wort: „Mein Brief hat eine schöne Anlage zu einem Werkchen.“

Dass Safranski zu den großen Stilisten der Gegenwart gehört, weiß man seit seinen Büchern über Nietzsche, Schiller und die Romantik. Goethes Leben erzählt er ausschließlich über die Primärquellen, über Tagebücher, Briefe, Werke und Aufzeichnungen von Zeitgenossen. Der 68-Jährige zeichnet dabei ein nahezu uneingeschränkt positives Bild Goethes und nennt ihn „Lebenskönner“. Safranskis Lebenserzählung ist mehr Fanpost als kritische Würdigung. „Widersacher kommen nicht in Betracht“, zitiert er Goethe und nennt dies „meinen absoluten Lieblingssatz“. Es könnte auch als Motto der Biografie stehen.

Goethe sei, schreibt Safranski, „ein Beispiel dafür, wie weit man damit kommen kann, wenn man es als Lebensaufgabe annimmt, zu werden, der man ist“ – mit diesem Fazit endet die Biografie. Wer sie liest, weiß hinterher viel Verlässliches über den Dichter und seine Zeit. Das Buch weckt zweifellos Lust, die großen Werke (wieder) zur Hand zu nehmen. Wer aber mehr über die Brüche in Goethes Leben, über vermeintliche Fehlentscheidungen und schlechte Charaktereigenschaften erfahren will, muss auf andere Biografien zurückgreifen. Es gibt sie ja.

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