Asket, Tierfreund, Vorbild

Franz von Assisi: Im Reich der Armut

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Hannover - Asket, Tierfreund, Vorbild: Die Theologie des heiligen Franz von Assisi ist auch eine Reaktion auf die entstehende Geldwirtschaft des 12. Jahrhunderts.

Franz von Assisi war ein Partykönig. Als der spätere Heilige noch als Francesco Bernardone durch die Straßen der umbrischen Stadt zog, gehörte er zu den jungen Männern des Bürgertums, die das höfische Leben nachahmten. Sie feierten, tanzten auf öffentlichen Plätzen und sangen zu später Stunde den schönen Frauen ein lautes Ständchen unter dem Balkon. Francesco Bernardone hatte als Mitglied einer der reichsten Familien der Stadt genug Geld, um im Mittelpunkt dieses mittelalterlichen Partyvölkchens zu stehen. Wie aber konnte aus diesem Lebemann der Verkünder von Armut und Demut werden, dessen Name der neue Papst annahm und ihn somit zu seinem Vorbild erklärte.

Zunächst lohnt sich ein Blick auf die Zeit, in die Franz von Assisi 1182 (manche Quellen sprechen auch von 1181) hineingeboren wurde. Sie ist geprägt von massiven ökonomischen und sozialen Umwälzungen. Bis dato hatten in der mittelalterlichen und dörflich geprägten Agrargesellschaft Bauern die Herren mit Nahrung versorgt. Der Handel beschränkte sich auf den jeweiligen Ort und die unmittelbare Umgebung. Geld war in diesem Wirtschaftssystem bedeutungslos.

Eine zunehmende Arbeitsteilung in der Herstellung - die Manufaktur löste das klassische Handwerk ab - und technische Neuerungen wie das Spinnrad führten im 12. Jahrhundert zu einer schnelleren Produktion und zu höherwertigen Produkten. In dieser Zeit breitete sich der Fernhandel aus, und ein Zahlungsmittel setzte sich durch, das die Gesellschaften der Welt bis heute prägt: das Geld. Die Geldwirtschaft trat an die Stelle des Austauschs von Waren, der Geldverleih gewann an Bedeutung und mit ihm Zins und Wucher. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden in Italien die ersten Banken. Die „banchieri“ - ursprünglich Geldwechsler, die ihre Geschäfte auf einem Tisch oder einer Bank abwickelten - richteten für ortsansässige Händler Konten ein. Begriffe wie „Giro“, „Saldo“, „Bilanz“ und „brutto/netto“ verweisen noch heute auf dieses Erbe.

Gewinner dieser Entwicklung waren unter anderem Manufakturbesitzer und Bankiers. Doch die ökonomische Entwicklung führte auch zu wachsender Armut. Als Verlierer gelten ungelernte Arbeitskräfte und Handwerker wie die Weber, die den Manufakturen nichts mehr entgegensetzen konnten. Der Boden für Armutsbewegungen wie die Dominikaner, Humiliaten, Beginen und eben auch die Franziskaner war bereitet.

Doch wie wandelte sich nun der Unternehmersohn Francesco Bernardone zum heiligen Franz von Assisi? Francesco selbst schmiedete für sich zunächst Pläne auf der weltlichen Sonnenseite des Lebens. Sein Vater kam als Tuchhändler zu großem Reichtum. Francesco genoss eine schulische Ausbildung, um später dem Vater im Unternehmen folgen zu können. Der junge Mann träumte davon, in den Adelsstand aufzurücken und politischen Einfluss zu gewinnen. Als Francesco 20 Jahre alt war, brach der Städtekrieg zwischen Assisi und Perugia aus. Für ihn führte diese militärische Auseinandersetzung nach der verlorenen Schlacht von Collestrada in einjährige Haft. Eine Haft, die sein Leben verändern sollte.

Körperlich und seelisch krank kehrte Francesco Bernardone 1203 aus der Gefangenschaft heim ins 26 Kilometer entfernte Assisi. Noch einmal versuchte er, an einem Feldzug teilzunehmen, seinen Traum von Aufstieg und Einfluss erfüllt zu sehen, doch dieser Versuch scheiterte bereits nach kürzester Zeit. Francesco kehrte auf dem Marsch um und kam endgültig in einer Lebenskrise an. Nun wandelte er sich zu einem anderen Menschen.

Der endgültige Bruch mit seinem bisherigen Leben folgte 1206 und das mit einem Knall. Immer wieder hatte Francesco Produkte aus dem Geschäft des Vaters genommen und als Almosen verteilt. Der Vater wandte sich dagegen und verklagte schließlich den Sohn. In der öffentlichen Gerichtsverhandlung vor dem Haus des Bischofs Guido riss sich Francesco die Kleider, die ihm als letztes Symbol des väterlichen Erbes galten, vom Leib und stand nackt da. Die letzten Worte des Sohnes an den Vater sollen gelautet haben: „Bis jetzt habe ich den Petrus Bernardone meinen Vater genannt. In Zukunft will ich sagen: Unser Vater, der du bist im Himmel.“ Franz war 25 Jahre alt, als er sich von seinem Vater abwandt - er kehrte nie wieder nach Hause zurück.

Aus Francesco Bernardone war endgültig Franz von Assisi geworden. Er erklärte Armut und Demut zu den Leitmotiven seiner Theologie. Die Worte aus dem Matthäus-Evangelium wiesen ihm den Weg: „Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken.“ Manche verspotteten ihn, andere schlossen sich ihm an. Die Geschichte der Franziskaner begann.

Franz und seine Gefolgsleute bezeichneten sich als „Minderbrüder“. Sie wanderten und verkündeten das Evangelium in schlichter Kleidung - brauner Tunika und einem Strick als Gürtel. Essen erarbeiteten sie sich als Lohn für handwerkliche Tätigkeit, Geld durften sie nicht einmal anfassen. Mit ihrer Lebensform protestierten sie gegen die Geldwirtschaft und warben für Tauschhandel.

Franz legte besonderen Wert auf die Einheit mit der Schöpfung. Der Mensch stand seiner Auffassung nach nicht in einem Herrschafts-, sondern in einem Verwandtschaftsverhältnis zur Natur. Seinen Lobpreis auf Gott und Schöpfung hielt er in seinem berühmten „Sonnengesang“ fest. So predigte er auch Fischen und Vögeln. Kein Wunder also, dass Franz von Assisi heute als Schutzpatron der Tiere und Tierärzte gilt.

Am 3. Oktober 1226 starb Franz von Assisi. 1228 sprach ihn Papst Gregor IX. heilig. Über Jahrhunderte diente Franz als Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Bewegungen: Ökologen beriefen sich wegen seiner Naturnähe auf ihn, Pazifisten lobten seinen Einsatz für Frieden, und auch mancher Kapitalismuskritiker sieht in ihm einen Ahnherren. Nun nimmt ihn erstmals ein Papst zum Vorbild. Wie viel Franz von Assisi aber in Papst Franziskus steckt, müssen die kommenden Jahre des Pontifikats erst noch zeigen.

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