Kölner Tatort

Freddy – schwer verliebt

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Gefühlschaos, Wankelmut, Leere - Freddy steckt bis zum Hals in einer Midlife-Crisis, da hat eine faszinierende Frau leichtes Spiel.

Köln - Der Kölner Kommissar Freddy Schenk steckt bis zum Hals in einer Midlife-Crisis, da hat eine faszinierende Frau wie die elegante Claudia Denk natürlich leichtes Spiel. Gefühlschaos, Wankelmut, Leere - Freddy durchläuft alle Gemütszustände. Kein klassischer „Tatort“, eher ein subtiler ARD-Mittwochsfilm mit Mord.

Und niemand half. Nicht der seltsame bullige Eishockeytrainer, der in Leverkusen ein neues Team trainiert. Nicht die elegante Kunstprofessorin, die ein pikantes Geheimnis hütet. Nicht das passiv-aggressive Esoterikerzauselpärchen, das gerade bei Tofu mit Mohn und Gerste sitzt. Und auch nicht die verhuschte Frau Petersen unterm Dach, die den Müll nur nachts rausbringt und auf Zehenspitzen.

Es ist in diesem „Tatort“ ausnahmsweise mal keine archaische Dorfgemeinschaft, die die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) eisern anschweigt. Sondern ein Miethaus voller Bildungsbürger und Besserverdiener. Und das ist natürlich eine schöne Parabel auf die soziale Eiseskälte der Gegenwart: ein abgestürzter obdachloser Pianist vor einem Haus, in das er nicht hineinkommt, weil die Mittelschichtler drinnen fürchten, dass ihr Leben aus den Fugen geraten könnte.

Zerbrochene Träume, Lebenslügen und Zivilcourage sind die großen Themen in diesem klugen Kölner Fall, der ganz harmlos beginnt: Der Sohn von Schenks Nachbarin ist verschwunden, er war mit der Cellistin des WDR-Funkhausorchesters zusammen, aber Julia (Laura Sundermann) weiß auch nicht weiter. Und Schenk fühlt sich nicht zuständig. Überhaupt stehen beide Ermittler zu Anfang ziemlich schlapp in der bleiernen Bläulichkeit ihres 61. Falls herum. Nicht viel los heute.

„Da können wir um 15 Uhr Schluss machen, was Freddy? Und unseren Hobbys nachgehen.“

„Hobbys?“

„Ja, Hobbys. Hast du nicht so’n dolles Aquarium?“

„Das ist Jahre her ...“

Das ist kein klassischer „Tatort“

Wie ein in Routine erstarrtes Ehepaar wuseln die beiden nebeneinander her und kriegen nicht mal den Kaffee ordentlich gekocht. Aber dann, als die Mutter selbst ihren toten Sohn im Gebüsch findet, wird aus dem Vermissten- ein Mordfall. Und die Spur führt zu drei Bankern, die sich mit dem späteren Opfer in einer Bar gestritten haben. Diese Banker allerdings stammen aus dem Fernsehsetzbaukasten für überdrehte Finanzheinis, es sind pillenschluckende, bonijagende Ekelpakete, die beknackte Richard-Branson Sätze sagen: „Live fast - die young!“ Das ist schade, denn das übrige Personal ist fein besetzt, etwa mit der elegant-kapriziösen Ursina Lardi als Professorin mit dem etwas platten Namen Claudia Denk. In die verguckt sich der verheiratete Freddy Hals über Kopf, was dem halbtoughen Bullen prima steht. Gefühlschaos, Wankelmut, Leere - Freddy steckt bis zum Hals in einer Midlife-Crisis, da hat eine faszinierende Frau leichtes Spiel. Nicht minder originell Gudrun Ritter in ihrer Nebenrolle als energetisch negativ aufgeladene Spiritualistin mit Putzfimmel, eine Art Else Kling nach vier Wochen im Ashram. Den kurzen Einsatz des WDR Funkhausorchesters muss man allerdings nicht mit fünf (!) Seiten im Presseheft feiern.

Regisseur Andreas Kleinert („Kelly Bastian - Geschichte einer Liebe“, „Die Frau von früher“, „Borowski und der Engel“) und Drehbuchautor Jürgen Werner erzählen mit zunehmender Dichte und ordentlich Nachteulen-Melancholie eine komplexe, manchmal etwas episodische Parabel auf vorsätzliche Blindheit, biografischen Egoismus und die Grenzen des Aushaltbaren in Schicksalsfragen, die am Ende zwei Botschaften hinterlässt: An einem Verbrechen ist auch derjenige mit schuldig, der seine Folgen nicht verhindert. Und niemand, wirklich niemand, ist vor dem sozialen Absturz gefeiht. Das ist kein klassischer „Tatort“, eher ein subtiler ARD-Mittwochsfilm mit Mord.

„Toleranz fällt leicht, wenn einem alles egal ist“, herrscht die Mutter des Pianisten irgendwann Max Ballauf an. Und trifft damit den Kern der Frage, die dieser ARD-Krimi mal ganz ohne anstrengendes Moralisieren in den Raum stellt: Ist keine Haltung zu haben nicht auch eine Haltung? Und ist diese Haltung unter Umständen nicht ebenso schädlich wie eine falsche Haltung?

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