„Ich bin total tiefenentspannt“

Görner geht

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Foto: „Aufhören, wenn’s am schönsten ist“: Veit Görner, der Direktor der Kestnergesellschaft, geht zum Jahresende in den Ruhestand.

Hannover - Altersmäßig war Veit Görner noch Anfang 2014 in der Mittelposition, doch seit Reinhard Spieler das Sprengel Museum leitet, ist der Direktor der Kestnergesellschaft unter den Chefs der drei großen Häuser für moderne Kunst in Hannover der Senior – auch wenn man ihm seine 60 Jahre nicht ansieht.

Gut ein Jahrzehnt davon hat Görner an der Spitze der Kestnergesellschaft verbracht und dort neue Akzente gesetzt. Jetzt setzt er für sich selbst einen neuen Akzent: Zum Jahresende hört Veit Görner auf. „Es gibt ein Leben jenseits des Kunstbetriebs“, sagt er, „und sogar nach der Kestnergesellschaft.“

Dort wird sein Ausscheiden, in einem Bericht zur Mitgliederversammlung am Montag geradezu beiläufig erwähnt, am Dienstag ausdrücklich mit Bedauern kommentiert. Immerhin hat Görner die Kestnergesellschaft deutlich weiter geöffnet. Zur Kunstpräsentation aus dem Respekt vor der künstlerischen Avantgarde ist die Orientierung auf eine neue Generation von Künstlern und Zuschauern gekommen.Für einen Generationswechsel steht auch Görner selbst, als er 2003 die Nachfolge des 20 Jahre älteren Carl Haenlein antritt. Der hat 1997 noch den Wechsel dieses zweitältesten hannoverschen Kunstvereins von der Warmbüchenstraße in die neuen, spektakulären Räume im umgewandelten Goseriedebad begleitet.

Görner nutzt sie für nicht minder spektakuläre Kunstevents. Unvergessen ist die Installation Santiago Sierras, der 2005 für „Haus im Schlamm“ 120 Kubikmeter Material einsetzt – und dabei vor allem Schlamm und Torf ins Haus bringt. Görner gehört auch zu den Impulsgebern der Ausstellungen „Made in Germany“ (2007) und „Made in Germany Zwei“ (2012), bei denen die Kestnergesellschaft in Kooperation mit Sprengel Museum und Kunstverein neue Standards für die Bestandsaufnahme moderner Kunst setzt, die bundesweit Beachtung finden und Besucherrekorde (41 500 im Jahr 2007, 35 000 im Jahr 2012) erzielen.

Umgesetzt hat Görner damit einiges, was er sich 2003 vorgenommen hatte: „Wir müssen stärker nach außen gehen, stärker publikumsorientiert sein“, hatte er bei seinem Start in Hannover gesagt. Dabei ist ihm zweifellos sein eher lebenspraktischer als akademischer Zugang zur Kunst zupassgekommen: Görner hat in Stuttgart einen Kunstverein gegründet und ein Künstlerhaus geleitet. Seine Frau ist selbst Künstlerin, seine Doktorarbeit hat er erst 2005 abgeschlossen. „Der Betrachter als Akteur“ heißt sie – ein Thema, das die Frage nach dem Verhältnis von Kunstproduktion und Kunstwahrnehmung führt, um die es einer Kunstinstitution stets gehen muss. Aber auch die schönste Theorie verhilft nicht automatisch zu glorioser Praxis: 2003 hatte die Kestnergesellschaft 4000 Mitglieder, jetzt sind es 3330. Damals lag die Besucherzahl bei 27 000, 2013 waren es 27 200.

Nichts geändert hat sich in der Ära Görner daran, dass das Budget der Kestnergesellschaft nicht für Ausstellungen reicht, sondern dafür immer zusätzliche Geldgeber gewonnen werden müssen. „Veit, pass auf, dass du Kunst nicht nur betriebswirtschaftlich anschaust“, habe ihm sein Vorgänger Haenlein mal gesagt, erzählt er. Aber das sei eben der Unterschied zur Generation der Kunsthistoriker und Museumsdirektoren, die Haenlein noch repräsentiere. „Heute muss man zumindest auch betriebswirtschaftlich denken“, sagt Görner. „Der Leiter einer Kulturinstitution darf heute auf keinen Fall zahlenfremd sein – aber dieses Schicksal trifft mich ebenso wie andere Chefs von Museen oder Kunstvereinen.“ Doch darüber, so betont Görner, klage er nicht. „Dafür bekomme ich schließlich mein Gehalt“, sagt er. „Ich wollte einfach aufhören, wenn’s am schönsten ist.“

„Aufhören, wenn es am schönsten ist“

Interview: Daniel Alexander Schacht

Herr Görner, Sie werden am Jahresende gerade 61 Jahre alt sein. Und da wollen Sie einfach aufhören? Was haben Sie vor? Nix. Einfach nix. Ich bin da total tiefenentspannt. Ich verwirkliche jetzt einen seit Jahren gehegten Plan, setze ein frühes berufliches Ende in der schönsten Gegenwart, schließe mein Pendlerdasein zwischen Hannover und Stuttgart ab und werde endlich wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen, mit der ich seit 42 Jahren sehr glücklich verheiratet bin.

Ein Leben ganz ohne die Inszenierung großer Kunstereignisse? Ich werde mich sicher auch künftig mit Kunst auseinandersetzen, aber ich muss nicht mehr im Kunstbetrieb unterwegs sein. Ich habe das reichste deutsche Museum in Wolfsburg erlebt und das traditionsreichste Haus der Avantgarde in Hannover. Was soll jetzt noch kommen?

Sie haben bei Ihrem Start in Hannover festgestellt, dass das Budget der Kestnergesellschaft nicht für Ausstellungen reicht, sondern stets Sponsoren nötig sind. Hat sich daran etwas geändert? Leider nicht einmal zum Guten. Denn die für uns absolut zentrale Institutionenförderung durch das Land, für die wir natürlich sehr dankbar sind, ist unter dem Kulturminister Lutz Stratmann mal um 70 000 auf 700 000 Euro gesenkt worden und seither eingefroren geblieben. Vor zehn Jahren waren das 70 Prozent unseres Etats, heute sind es durch Inflation und sonstige Preisentwicklung nur noch 40 Prozent.

Sie haben sich darum bemüht, neue Besucher für die Kestnergesellschaft zu gewinnen, jenseits der klassischen bildungsbürgerlichen Schichten und auch im für das Steintor charakteristischen Migrantenmilieu. Wir haben jetzt sogar ein Volontariat eingerichtet, das gezielt solche Gruppen ansprechen soll. Und wir versuchen die Ausstellungen durch Vermittlungsangebote gezielt noch stärker für Kinder und Jugendliche zu öffnen.

Über die künftige Leitung der Kestnergesellschaft soll in den nächsten Monaten eine Findungskommission entscheiden. Wie wird die oder der Nachfolger das Haus neben dem Kunstverein und dem Sprengel Museum aufstellen müssen? Die bisherige Rollenzuweisung wird sich nicht prinzipiell ändern ...

... obwohl etwa der Kunstverein auch unter seiner neuen Chefin Kathleen Rahn ähnlich wie die Kestnergesellschaft auf junge, engagierte und künstlerische Grenzen überschreitende Ausstellungen setzen wird? Der Kunstverein arbeitet mitgliederbasiert, er wird von zahlreichen Künstlern getragen, denen er etwa in den Herbstausstellungen Wahrnehmung verschafft. Das Sprengel Museum muss eine Sammlung pflegen. Die Kestnergesellschaft ist als reiner Ausstellungsverein von solchen Zwängen frei. Wir können zeigen, was in der Welt passiert, was heiß ist, was brennt, was Newscharakter hat – wir können das Auge des Gastes auf das wirklich Neue richten. Das macht die Arbeit der Kestnergesellschaft so besonders spannend.

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