Ausstellung in Berlin

Gropius-Bau zeigt große Frida-Kahlo-Retrospektive

- Geschichten von Liebe, Leid und Schmerz: Im Berliner Gropius-Bau ist ab Freitag die große Frida-Kahlo-Retrospektive zu sehen. Ausgestellt werden über 150 Werke der Mexikanerin.

Frida Kahlo hat sich ein Bild gemacht. Und viele haben es ihr nachgemacht – allerdings mit Verspätung. In Europa wurde erst Anfang der achtziger Jahre eine breitere Öffentlichkeit auf die mexikanische Malerin aufmerksam. Unter anderem durch eine Doppelausstellung mit Werken der Fotografin Tina Modotti und von Frida Kahlo, die auch in Hannover zu sehen war.

Aber dann ging es rasch: Zu einladend war die Identifikationsfigur Frida Kahlo. Man konnte so schön durchdeklinieren: Märtyrerin, Madonna, Mexikanerin. Oder auch: Künstlerin, Kommunistin und Krüppel. Sie wurde von Feministinnen und Postfeministinnen vereinnahmt, stand für die engagierte und die leidende Frau. Sie wurde zur Titelheldin im Schauspiel, in der Oper und im Tanztheater. J. M. G. Le Clézio widmete ihr und ihrem Zweifach-Ehemann Diego Rivera eine literarische Doppelmonografie – 15 Jahre bevor er den Literaturnobelpreis bekam. Es gibt Werkmonografien, Romane und natürlich auch ein Kochbuch. Und Salma Hayek ließ sich kahlomäßig die Augenbrauen zusammenwachsen, als sie im Kino die Malerin verkörpern durfte (eine Rolle, um die sich Stars von Jennifer Lopez bis Madonna gerissen hatten). Kahlo ist Kult (und ein eingetragenes Markenzeichen), wovon schon die Devotionalien in gängigen Museumsshops zeugen.

Ist da nicht alles gesagt, alles gezeigt? In der Frankfurter Schirn anno 1993, in der Londoner Tate Gallery 2005 und ein Jahr später im Hamburger Bucerius-Forum. Gibt es da noch neue An- und Einsichten? Aber ja: Die große Frida-Kahlo-Retrospektive, die jetzt im Berliner Wilhelm-Gropius-Bau zu bestaunen ist, hat durchaus Überraschungen zu bieten, auch wenn ein paar Ikonen des durchaus überschaubaren Gesamtwerks nicht dabei sind: „Der verletzte Hirsch“ fehlt ebenso wie „Die doppelte Frida“. Aber Wichtiges ist zu sehen: „Die zerbrochene Säule“ etwa, dieses Schmerzensbild der Künstlerin, die nach einem schweren Unfall als 18-Jährige unzählige Operationen überstehen musste. Entstanden ist das Bild im Jahr 1944. Seit diesem Jahr musste Frida Kahlo ein Stahlkorsett tragen, später benötigte sie einen Rollstuhl. Auch dieses Selbstporträt, das für eine zerbrochene, aber nicht gebrochene Frau steht, ist übrigens eher kleinformatig.

Großformate überließ sie lieber ihrem Ehemann Diego Rivera, der mit volksaufklärerischen Wandgemälden Agitprop und Geschäftssinn verband. „Diego und Frida“ hat Frida Kahlo zu einem Doppelporträt zusammengefasst, das sie zweimal malte, für sich und für ihn. Sie wollte den 15. Jahrestag ihrer Beziehung feiern, die nach zwei Trennungen und einer Scheidung – und diversen Affären von ihm und von ihr – in die zweite Ehe gemündet war.

Frida Kahlos Bilder sind immer auch Autobiografien. Selbst wenn sie andere malte, schmuggelte sie verstecke Botschaften ein. Dann steht schon mal eine Ziegelmauer für dumme Gedanken (ein spanischer Kalauer von „ladrillo“ – Ziegel – zu „ladrar“ – kläffen). Und die Nägel in der „zerbrochenen Säule“ sind Zeichen für das Betrogenwerden.

Nein, die schöne alt(modisch)e Ansicht, dass man beim Künstler Leben und Werk trennen solle/könne/müsse, die funktioniert hier nicht. Allenfalls in den abstrakten Zeichnungen oder in den farbenprächtigen Stillleben, in denen sich aber auch Botschaften verstecken können.

Selbst wenn sie in einem ihrer vielen Selbstporträts dem Betrachter vermeintlich offen ins Gesicht blickt, verbirgt sie etwas. Manchmal sind kleine Bildchiffren zu finden (und zu dechiffrieren), manchmal ist das Porträt Maske. Frida Kahlo hat sich oft selbst erfunden. Nicht nur, als sie sich drei Jahre jünger machte, weil sie so alt sein wollte wie die mexikanische Revolution von 1910. Zur Selbsterfindung gehört wohl auch die Legende, ihr Vater sei von ungarisch-jüdischer Herkunft. Doch der durchaus erfolgreiche Fotograf Guillermo Kahlo wurde als protestantischer Carl Wilhelm Kahlo in Pforzheim geboren. Vom Vater hat Tochter Frida offenkundig das gelassene Verhältnis zur Fotokamera – was die kleine Sonderausstellung belegt, die wie Fridas Großnichte Cristina Kahlo zur Retrospektive beigesteuert hat.

Ein Bild können und sollen wir uns machen, schon anhand der zahlreichen hier versammelten Selbstporträts. Und doch wahren diese Ikonen weiterhin Geheimnisse. So taugt die Kunstfigur weiterhin als Kultfigur.

Bis zum 9. August täglich im Martin-Gropius-Bau Berlin. www.gropiusbau.de

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