Steffen Seibert

Ein halbes Jahr Regierungssprecher

- Der Lehrling vom Lerchenberg: Seit einem halben Jahr ist Steffen Seibert Regierungssprecher – und staunt mittlerweile nicht mehr über alles.

Er bekommt noch rote Wangen und Ohren, wenn er sich ertappt fühlt, was bei einem Mann von fünfzig Jahren ja eigentlich sympathisch ist. Bei einem Redaktionsbesuch legt Steffen Seibert sein iPad vor sich auf den Tisch, hantiert routiniert darauf herum. Die Kanzlerin hebt eine Augenbraue: „Er hat eins, ich noch nicht!“ Nein, nein, sagt der Regierungssprecher rasch, es liege längst eines bereit. Man suche nur noch nach einem Termin für eine gründliche Einweisung. „Sofort“, sagt die Kanzlerin und lässt die Augenbraue sinken.

Das ist nun schon eine Weile her, und mittlerweile bedient Angela Merkel die elektronische Tafel so virtuos wie ihr Mobiltelefon. Seibert wird längst gelernt haben, welches Tempo von ihm gefordert wird und dass man in seiner Funktion trotz der hohen Schlagzahl im Regierungsgeschäft besser keine Fehler macht. Seit einem halben Jahr ist er nun im Amt, und der Tiefpunkt ist sicher gewesen, dass ihn die angesehene „Frankfurter Allgemeine“ als „Regierungsversprecher“ porträtiert hat.

Bei den Hauptstadtjournalisten, bei der Meute also, wie der eine oder andere Politiker es gerne ausdrückt, ist Seibert nicht unbeliebt. Er ist erreichbar, er ist mitteilsam, er ist kein bisschen arrogant. Aber so ein wenig schmunzeln sie auch über den einstigen Moderator der ZDF-Nachrichtensendungen. Es sei halt schon etwas anderes, die politischen Klimaschwankungen im Hauptstadtdschungel selbst zu erleben, als im wohltemperierten Studio auf dem Mainzer Lerchenberg charmant-geschliffene Überleitungen von einem Korrespondentenbericht zum Nachrichtenblock und zum nächsten Korrespondentenbeitrag aufzusagen.

Seiberts Vorgänger Ulrich Wilhelm, der das Amt im Sommer vergangenen Jahres verließ, um Intendant beim Bayerischen Rundfunk zu werden, ist ebenfalls beliebt gewesen bei den Korrespondenten, aber als wesentliches Merkmal im Umgang miteinander ist der Respekt hinzugekommen vor der Souveränität des Bayern. Wilhelm ist, bevor er ins höchste Sprecheramt kam, etliche Jahre durch die härteste aller denkbaren Sprecherschulen gegangen, bei Edmund Stoiber in München. Da lernt man vermutlich gründlich, wie sehr es auf jedes Wort ankommt und dass ein locker-flockiges Hinweghuschen über Tatsachen gnadenlos gerügt wird.

Einmal musste Seibert eine Nebenbemerkung über die Deutsche Bank nachträglich zurechtrücken, was diese nicht davon abhielt, die „öffentlichen Mutmaßungen des Sprechers des Bundesregierung in aller Form als falsch und rufschädigend zurückzuweisen“. Für einen Regierungssprecher ist so etwas unangenehm. Ein paar Wochen zuvor hatte Seibert im Kabinett einen Einwand des FDP-Vorsitzenden und Außenministers Guido Westerwelle übersehen. Er behauptete, die Regierung liege beim europäischen Stabilitätspakt „auf einer Linie“, was Westerwelle ziemlich verdross. Ein dritter Fauxpas unterlief dem Chefinterpreten der Politik, als er durch eine Äußerung den Eindruck erweckte, die Bundesregierung werde einer Übernahme des Baukonzerns Hochtief durch das spanische Unternehmen ACS nicht tatenlos zusehen. Auch in diesem Fall war eine Klarstellung in eigener Sache fällig.

Das ist vielleicht ein bisschen viel an Zurechtrücken für einen Profi, aber die anfängliche Ahnung unter den Korrespondenten, Seibert es werde womöglich nicht lange machen, ist gewichen. Er erweckt zumindest nicht mehr den Eindruck, als müsse der Starmoderator aus Mainz immer noch darüber staunen, wie es in der Politik wirklich zugeht.

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