„Leben gegen Leben“

Hamburger Tatort-Kommissar ist Organmafia auf der Spur

- Ein Fall, der an die Nieren geht: Cenk Batu lässt sich im „Tatort – Leben gegen Leben“ bei Organhändlern einschleusen - und gerät dabei heftig unter Druck. Der Hamburger-Kommissar muss der Organmafia ein kerngesundes Mädchen ausliefern.

Hat es das Opfer erst mal ins Krankenhaus geschafft, ist der Job der Polizei gewöhnlich getan. Der Doktor will ja helfen. Im „Tatort – Leben gegen Leben“ ist das anders. Hier beginnt jetzt erst so richtig der Wettlauf gegen die Zeit. Das Skalpell ritzt schon die Haut des Opfers auf dem OP-Tisch, die Messdaten auf den Monitoren zickzacken wild, und die Spannungskurve zeigt steil nach oben. Denn das Mädchen unterm Messer ist kerngesund. Gleich soll ihm eine Niere entnommen werden.

Bei den Fällen des Hamburger Undercover-Kommissars Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) ist einiges anders als bei den „Tatort“-Kollegen – erfrischend anders. Klar, die Kommissare andernorts haben auch lange Arbeitstage. Aber irgendwann stehen sie doch beim Bierchen an der Currywurstbude oder lassen sich vom Kollegen Spaghetti mit Rotwein servieren. Batu hat auch keine Zeit für den üblichen Hickhack im Büro. Er hat ja nicht mal ein Büro, sondern nur eine unbehauste Wohnung. Sein Job ist es, sich unter die Bösen zu schmuggeln. Um bei denen anzukommen, läuft er im neuen Fall ziemlich verwegen herum: lila Hemd, gegeltes Haar, Schnauzbart, Typ Zuhälter.

Batu operiert mit höchstem Risiko, und er zahlt den höchsten Preis. In keinem Film wurde das bislang so deutlich wie in dem von Regisseur und Drehbuchautor Nils Willbrandt: Batu wird eine Pistole an die Schläfe gesetzt, er wird fast zu Tode stranguliert. So was passierte früher nur Horst Schimanski. Aber das ist schon lange her.

Batu muss das alles aushalten, denn Uwe Kohnau (Peter Jordan), sein Verbindungsmann beim Landeskriminalamt, hat ihn bei einem Organhändlerring eingeschleust. Das Leben einiger rumänischer Straßenkinder irgendwo in einem Betonverlies steht auf dem Spiel – und ganz besonders das der Hamburger Herumtreiberin Amelie (Michelle Barthel), die das nächste Opfer sein soll.

Gibt es tatsächlich eine Organmafia in Deutschland, die mit mobilem Operationssaal unterwegs ist und Kinder im Zweifelsfall von der Straße wegfängt? Keine Ahnung, der Regisseur weiß es nach eigenem Bekunden auch nicht. Aber eines ist klar: Würde so ein brisanter Stoff beispielsweise bei den Kölner Kollegen verhandelt, dann müsste sich der Zuschauer lange Vorträge über illegale Organtransplantationen anhören – inklusive von Verweisen auf die Zustände in China oder Afrika. Für so was haben Batu und Kohnau (so gut wie) keine Zeit. Bei ihnen drängt die Handlung rasant voran. Erst hinterher zweifelt der Zuschauer die Plausibilität mancher Wendung an – und vielleicht sogar der ganzen Geschichte. Aber dann ist es egal.

Der Regisseur verzichtet auch darauf, das gesellschaftliche Umfeld ausführlich auszumalen. Eine hingetupfte Skizze muss reichen: Wir sehen ein Elternpaar in einer mondänen Villa. Die Tochter braucht eine Spenderniere. Dringend. Bislang hat sie nur einen Platz auf der offiziellen Warteliste. Ein ominöser Doktor hat Hilfe angeboten. Halbherzig fragt die Mutter (Bibiana Beglau) nach, woher denn wohl das Spenderorgan stamme. Dass sich das Krankenhaus seltsamerweise in einem leer stehenden Bürogebäude befindet, interessiert die Eltern auch nicht wirklich.

Aber Batu interessiert’s. Er hat Amelie im Auftrag der Menschenhändler zur Operation chauffieren sollen. Er verlor sie aus den Augen, er hat sie wiedergefunden, und nun steht sie unter seinem Schutz. Sie, die ihr Leben lang von allen nur herumgeschubst wird, vertraut ihm. Und er liefert sie an die Mafia aus. Amelie soll der Lockvogel sein, mit dessen Hilfe die Polizei die Bande hochgehen lassen will. Was aber, wenn etwas schiefgeht? Kann Batu verantworten, ein Kind den Menschenhändlern als Beute vorzuwerfen?

„Leben gegen Leben“ löst sich weit vom üblichen „Tatort“-Muster – und zeigt gerade dadurch die Möglichkeiten des ARD-Prestigeprodukts. Dieser Krimi ist härter, schneller, rücksichtsloser. Man leidet viel mit den Opfern. Und auch mit dem Schnauzbartträger im lila Hemd.

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