Lesung

Der Hamburger Vorzeigekünstler Rocko Schamoni im Pavillon

- Neues vom ewigen Verlierer Michael Sonntag: Rocko Schamoni liest in Hannover im Pavillon aus seiner neuesten Anekdotensammlung namens"Tag der geschlossenen Tür".

Der Autor, Musiker und Hamburger Vorzeigekünstler Rocko Schamoni schreibt, wie ein Fischbrötchen nach einer durchfeierten Nacht auf dem Hamburger Fischmarkt schmeckt: nicht überwältigend, aber man fühlt sich zu Hause. Schamoni erzählt in seinen Büchern „Risiko des Ruhms“, „Dorfpunks“ und „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ lakonisch und nah an der humoresken Schmerzgrenze vom Streben nach dem kleinen Glück, den Wunsch nach Zugehörigkeit, der Suche nach Lebenssinn – und dem Scheitern daran.

Am Mittwochabend stellte Schamoni seine neueste Anekdotensammlung namens „Tag der geschlossenen Tür“ im hannoverschen Pavillon vor, und wieder geht es um den Karriereverweigerer Michael Sonntag, der mit seinem Leben überfordert ist, sich aber mittlerweile daran gewöhnt hat. Ein Verlierer, der sich nach Laune als Gewinner definiert, der Schöpfer der großen Philosophie des kleinen Mannes, der gefeierte Antiheld der Ich-weiß-noch-nicht-Generation.

Auf 260 Seiten erzählt Schamoni in kleinen Erzählungen über den Kartenabreißer, Kneipenwirt und Kinofilmvorführer Sonntag, der Kolumnen über Spielplatzschlägereien schreibt, Krankheitsbilder sammelt und schlechte Manuskripte an Verlage verschickt. „E-Mail für Emil“ und „Immer Ärger mit Herr Berger“ heißen Sonntags Werke, und sie sind so schlecht, wie sie klingen. Sonntag gibt auch nach seinem ersten Auftritt in Schamonis „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ den melancholischen Trottel, dem man alles Gute wünschen möchte, aber nicht zur nächsten Party einlädt. Ansonsten passiert im Buch nicht viel.

Trotzdem schafft es Schamoni, aus dem tristen Sonntag einen interessanten Akteur unserer Zeit zu machen, gerade weil Sonntag mit der Geschwindigkeit unserer Zeit nicht mehr mithalten kann. Er taugt zumindest zum tragischen Beispiel. Und genauso schafft es Schamoni, aus einer Lesung über einen Strauchelnden eine unterhaltsame Show zu machen. Denn Straucheln kann ja auch ganz lustig sein. Also lacht der Autor beim Lesen immer wieder über seinen Protagonisten, verbündet sich und flirtet mit dem Publikum, philosophiert über lokales Bier und raucht, weil es in Hamburg noch erlaubt ist. „Das Vorlesen ist immer gleich. Für mich ist es immer interessanter, was man noch auf der Bühne machen kann“, sagte der 43-jährige Autor im Pavillon.

Schamoni präsentierte damit auch die Grundrezeptur der Hamburger Schule, die er mitgeprägt hat. Bands wie die Goldenen Zitronen, Musiker wie Jacques Palminger und Autoren wie Heinz Strunk überzeichnen in Liedern und Texten die Wirklichkeit, offenbaren damit den schrägen Humor des Alltags, aber auch dessen Widersprüche. Und wenn Schamoni den überforderten Sonntag von Festen wie dem Hamburger Hafengeburtstag und dem „Schlagermove“ angeekelt berichten lässt, wirkt Sommer eigentlich normaler als all die Spektakelclaqueure.

Und ab und an stellen sich im Roman zwischen den Zeilen durchaus ernste Fragen: Wer entscheidet, was ein Volksfest ausmacht? Wem gehört die Stadt: Zahlungsfreudigen Touristen und Immobilienhändler oder den Bürgern? Und wer sind die wahren Verlierer in einer Gesellschaft, die so lange auf Wachstum setzt, bis kein Platz mehr in Städten für Andersdenkende ist? Ein Grund für Schamoni, seine Bücher auch regelmäßig im von Künstlern besetzten Hamburger Gängeviertel vorzustellen. Auch da wurde viel gelacht bei der Lesung. Anschließend übergab man der Stadt Hamburg ein Nutzungskonzept und warf damit mögliche Investoren aus dem Rennen. Manch einem Stadtverwalter blieb das Lachen da im Halse stecken.

Jan Sedelies

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