Lebensraum auf dem Wasser

Hannoveraner plant schwimmende Insel

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Der Künstler Joy Lohmann hat mit Architektur-Studenten der Universität Goa ein Reycling-Katamaranboot gebaut.

Hannover - Der Meeresspiegel steigt - und er wird es weiter tun, darin sind sich Forscher einig. Was bedeutet das für Menschen an der Küste? Darüber machen sich auch Künstler Gedanken. Joy Lohmann etwa entwirft Neuland auf dem Wasser: Große Inseln aus Plastikflaschen und Autoreifen.

Wenn der Meeresspiegel ansteigt, sind die Lebensräume von Millionen Menschen an Küsten gefährdet. Noch gibt es keinen Masterplan für ein Überleben auf dem Wasser, doch Künstler und Architekten machen sich darüber schon länger Gedanken. Sie entwerfen flexible Plattformen, die sich den Ozeanen anpassen - manch einer skizziert gar Unterwasserhotels. An der praktischen Umsetzung solcher Ideen arbeitet seit langem der Künstler Joy Lohmann aus Hannover. „Ich will eine schwimmende Insel konstruieren, die in verschiedenste Zusammenhänge übertragbar ist“, beschreibt er sein Pilotprojekt, die ASAP-Island („So schnell wie möglich-Insel“).

Vor kurzem berichtete die indische Presse über einen Erfolg des Deutschen in Goa. Der Künstler hatte es geschafft, dort nur aus Recyclingmaterial einen Katamaran in See stechen zu lassen - aus Plastikflaschen, Autoreifen, Bambus und einem recycelten Drachensegel für Containerschiffe. „Wichtig dabei waren die Hilfskräfte vor Ort. Vor allem Architekturstudenten haben uns fünf Tage bauen geholfen und ihr Wissen einfließen lassen“, berichtet Lohmann. Er schätzt die Haltbarkeit der Materialen seines Schiffs auf 400 Jahre.

Ständig tauscht sich der Künstler mit Kooperationspartnern über seine Ideen aus. „Die Plattformen sollen dauerhaft, umsonst oder sehr günstig und umweltverträglich sein“, beschreibt Lohmann die Grundlage des Projektes. „Das Geld ist in den Entwicklungsländern knapp.“ Während reichere Länder wie die Niederlande durch höhere Deiche und neue Technologien ihre Bewohner schützen könnten, blieben Menschen in Dritte-Welt-Ländern nicht viele Möglichkeiten. Deswegen konzentriert sich Lohmann vor allem auf vorhandene Materialien. „Ich glaube nicht an den Weg von Politik und Wirtschaft. Deswegen nutze ich die Kunst, um Lösungen zu finden.“ Der Künstler bezeichnet sich selbst als Aktivisten. „Ich liebe die Welt“, begründet er seinen Antrieb zu dem Projekt, „und es kann nie schaden, sich Gedanken zu machen.“

Wie hoch genau der Meeresspiegel in den nächsten Jahrzehnten ansteigen wird, darüber gibt es unterschiedliche Prognosen. Der Forscherverbund Club of Rome etwa zeichnete erst vor kurzem in einem Ausblick auf das Jahr 2052 ein düsteres Bild: Danach wird sich der Klimawandel in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts dramatisch verstärken. „Der Meeresspiegel wird um 0,5 Meter höher sein, das Arktiseis im Sommer verschwinden“, warnte der Autor des Club of Rome-Reports, der norwegische Zukunftsforscher Jorgen Randers. Auch der Weltklimarat IPCC, eine Organisation der UN, sagt bis 2100 einen Meeresspiegelanstieg von 0,4 Metern voraus.

Wie hoch das Wasser letztendlich wo steigen wird - darüber lassen sich aber nur schwer Aussagen machen. Nichtregierungsorganisation wie Population Action International (PIA) gehen aber davon aus, dass es Länder gibt, die darauf sehr viel hilfloser reagieren als andere. So werde es etwa für Afrika oder Indien sehr viel schwerer werden, mit dem Klimawandel umzugehen als für Europa oder Nordamerika.

Künstler Joy Lohmann aus Hannover treibt das Thema seit Jahren um. Nächstes Jahr plant der Künstler, bewohn- und belebbare Inseln in Indien in See stechen zu lassen - nutzbar zum Beispiel als Klassenzimmer. Den Aufwand bezahlt der Künstler aus eigener Tasche. „Dafür bin ich erst mal unabhängig und kann alles ausprobieren.“

Was Lohmann in großem Stil plant, hat Richie Sowa schon im Kleinen erreicht. Der Künstler und Zimmermann wanderte aus Großbritannien nach Mexiko aus und bauten dort in einer Lagune des Karibischen Meeres eine Insel auf 250 000 Plastikflaschen. Um eine Hütte herum gedeihen dort Mangroven und Zitronenbäume, auch Hühner, Hunde und Katzen leben auf der Insel. Ein kleiner Anfang für günstiges Überleben auf dem Wasser - und ein großes Vorbild für Joy Lohmann.

jhf/dpa

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