Interview mit Architekt Francis Kéré


„Herrenhausen ist einzigartig“

- Francis Kéré
 ist Architekt des Operndorfes, das Regisseur Christoph Schlingensief in Afrika plant. Kéré, geboren in Burkina Faso, studierte Architektur in Deutschland. Für seine nachhaltigen Bauten wurde er mit dem „Global Award for Sustainable Architecture 2009“ ausgezeichnet.

Am Montag kündigte Schlingensief an, dass bereits im Januar mit dem Bau seines Operndorfes in Burkina Faso begonnen werden soll. Bei den Kunstfestspielen Herrenhausen soll Hannover im Juni zur Außenstelle des Operndorfes werden. Das Interview führte Ronald Meyer-Arlt.

Herr Kéré, wie wird man Architekt eines Operndorfes?

Ich war in Südafrika bei einem Workshop, in dem es um Zusammenführung einer zersplitterten Gesellschaft geht. Mein Konzept des Bauens ist: Man darf nicht blind bauen, sondern muss erst nachschauen und sich fragen, was man vor Ort für Ressourcen hat. Mein Baukonzept hat den dortigen Leiter des Goethe-Instituts so überzeugt, dass er der Meinung war, ich sei genau der Richtige für Christoph Schlingensiefs Projekt.

Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie
von Schlingensiefs Vision eines Festspiel­dorfes für Afrika gehört haben?

Ich habe gedacht, da spinnt einer rum. Deshalb hat es einige Zeit gedauert, bis ich mich bei Christoph gemeldet habe. Dann haben wir eine Stunde lang miteinander telefoniert, und da wusste ich, dass das eine große Vision ist. Richtig überzeugt von dem Projekt war ich, als er sagte: „Mach dir keinen Kopf, das wird kein Bayreuth sein.“ Es wird etwas für Afrika sein, das von Afrikanern gemacht wird. Christoph Schlingensief will, dass Europäer kommen und sich den afrikanischen Verhältnissen aussetzen. Das fand ich sehr spannend. Und von da an war ich Teil seiner Truppe.

Wie weit ist das Projekt jetzt?

Sehr weit. Wir haben ein Grundstück in Burkina Faso bekommen. Wenn in Herrenhausen die Kunstfestspiele beginnen, soll das Opernhaus unweit Burkina ­Fasos Hauptstadt Ouagadougou schon stehen. Wir planen heftig.

Aus welchem Material wird das Opernhaus gebaut? Beton?

Auf gar keinen Fall. Allerdings gibt es bestimmte Teile, die aus Beton hergestellt werden müssen. Hauptbaustoff soll aber Lehm sein.

Lehm ist für gutes Raumklima bekannt, aber wie sieht es mit der Akustik aus?

Das weiß ich noch nicht. Aber dafür arbeite ich mit Fachleuten wie hervorragenden Bühnenbildnern zusammen.

Sie werden frei stehende Lehmwände brauchen, die mehr als zehn Meter hoch sind. Gibt es so etwas schon?

Das gibt es meines Wissens nach noch nicht. Es ist alles eine Frage der Statik. Ich sehe da keine Probleme.

Lehmbauten sind sehr arbeitsintensiv.

Genau das interessiert mich daran. Wir werden die Steine vorher per Hand herstellen. Es ist Teil des Projektes, dass sich möglichst viele Menschen daran beteiligen. Wenn ich zum Beispiel eine Schule baue, dann rede ich zuerst mit der Dorfgemeinschaft. Ich überzeuge alle mitzumachen. So ähnlich wollen wir das auch beim Operndorf machen. Die Oper wird übrigens ohne Klimaanlage auskommen. Das Dach ist so gebaut, dass hier die warme Luft abziehen kann. Lehm ist dafür ein wunderbarer Werkstoff. Wir kopieren in Afrika oft Europa, aber meistens falsch. Das Projekt hier ist anders.

Wie nachhaltig ist das Projekt? Wird die Oper in Burkina Faso bleiben, auch wenn der Medienrummel vorbei sein wird?

Ja, davon bin ich überzeugt. Burkina Faso ist ein Schmelztiegel der Kulturen, und Ouagadougou ist eine Hauptstadt des Films und der Kunst in Afrika. Das Haus, das wir dort errichten wollen, hat die Chance zu bestehen.

Aber ein bisschen spielt Schlingensief doch auch mit dem „Fitzcarraldo“-Effekt. Wer im Dschungel ein Opernhaus errichten will, der muss der Kunst verfallen sein.

Nein, das ist nicht zu vergleichen. Wir planen ja kein reines Opernhaus, in dem dann Richard Wagner gespielt wird, sondern ein Operndorf. Es wird eine Plattform der Kultur aus Burkina Faso sein.

Aber Schlingensief handelt doch auch mit der Ware Aufmerksamkeit, die er für so ein Projekt zweifellos erhält.

Das hat nicht nur damit zu tun. Ich weiß, dass er schon seit Langem mit dem Gedanken spielt, in Afrika ein Festspielhaus zu bauen. Jetzt, angesichts seiner Krankheit, hat sich alles beschleunigt.

Was wird man in Herrenhausen sehen? Ein paar Zeichnungen? Eine Dia-Show?

Nein, nichts davon. Die Frage war: Wie bauen wir eine Oper? Gießen wir etwas in Beton und fertig? Christoph meinte nein, und jetzt machen wir es auf die afrikanische Weise: Erst mal provisorisch, damit man proben kann. Und wenn es funktioniert, dann machen wir weiter. Es entwickelt sich wie ein Organismus. Und das, was wir in Afrika gebaut haben, bringen wir hierher. Es werden Module sein, die wir auch in Afrika verwendet haben. Wenn wir da eine Stufe weiter sind, wird die vorige Stufe nach Hannover geschickt.

Aber singen wird in Herrenhausen niemand, oder?

Doch, das kann auch sein. Vielleicht kommt Christoph und macht hier eine Performance. Vielleicht gibt es in Burkina Faso ein Konzert, das man zeitgleich hier auf dem Beamer ansehen kann.

Wann soll das Opernhaus eröffnet werden?

Christoph hätte am liebsten gestern mit den Proben angefangen. Also: so schnell wie möglich. Wir hoffen, dass im März die ersten Proben beginnen. Christoph arbeitet an einer Performance. Aber wir wissen noch nicht, was genau es sein soll.

Gibt es noch andere Ableger dieses Operndorfes in Europa?

Nein, Herrenhausen ist einzigartig. Hier ist der Ort, an dem das zum ersten Mal gezeigt werden kann. Es gibt viele Anfragen. Aber Christoph will, dass es hier entsteht.

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