Leben am Nil

Hildesheimer Museum zeigt Ausstellung über Ägypter

- Hildesheims Roemer- und Pelizaeus-Museum präsentiert „Das Leben am Nil“ – und zeigt, dass die Ägypter auch ein Leben vor dem Tod kannten.

Klischees sind wohl unvermeidbar, wenn man sich Bilder von der Wirklichkeit machen will. Ein Blick ist nie ganz präzise, eine Annäherung an ein Thema bleibt immer grob. Doch kaum eine Kultur ist in der landläufigen Vorstellung so klischeebeladen wie das alte Ägypten. Folgt man den stereotypen Vorstellungen, beschäftigen sich die Ägypter vorwiegend mit Pyramidenbauen und Mumieneinwickeln. Eine ganz aufs Jenseits fixierte Kultur. Unser Ägypten-Bild wurde eben durch jene Artefakte geprägt, die bis heute überdauert haben: steinerne Grabbauten, ­Sarkophage, Götterstatuen. Alltagsgegenstände hingegen sind über die Jahrtausende oft den Weg alles Irdischen gegangen. Gemessen daran ist dem Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum jetzt fast ein kleines Kunststück gelungen: Es zeigt, dass die Ägypter sehr wohl ein Leben vor dem Tod kannten.

In drei Bauabschnitten erneuert das Haus derzeit für rund 500.000 Euro seine Ägypten-Dauerausstellung, die zu den wichtigsten der Welt zählt. Im vergangenen Jahr wurde „Das Alte Reich“ neu gestaltet, heute wird auf 600 Quadratmetern die Abteilung „Das Leben am Nil“ eröffnet. Im Frühjahr ist als letzter Abschnitt „Der Tod in der Wüste“ dran – genau 100 Jahre, nachdem der Kaufmann Wilhelm Pelizaeus seine Ägypten-Sammlung der Stadt stiftete.

Die zweite Abteilung widmet sich mit 636 Exponaten jetzt vor allem dem diesseitigen Ägypten. Sinnigerweise ist sie im Ostflügel untergebracht und somit jener Himmelsrichtung zugewandt, in der die Ägypter den Ursprung des Lebens wähnten. Die lange verhangenen Fensterfronten wurden geöffnet, Licht durchflutet die drei Räume zu den Themen „Horus und Heiland“, „Handel und Handwerk“ sowie „Haus und Hof“. Allerlei Alltägliches also, alliterierend aneinandergereiht.

Zu den religiösen Gepflogenheiten gehörte es, dass gewöhnliche Ägypter Tempel nicht betreten durften. Stattdessen verewigten sie sich in deren Vorhöfen, indem sie dort Stelen oder Statuen stifteten. Von Zeit zu Zeit mussten die Höfe wegen Überfüllung von diesen Votivgaben geräumt werden. Die Ausstellung erzählt solche Dinge aus Ägyptens Geschichte, allerdings ohne jede Chronologie, was nicht ganz unproblematisch ist: Immerhin umspannt der zeitliche Bogen, aus dem die Exponate stammen, Jahrtausende. Monumentale Granitstatuen aus dem Theben des 14. Jahrhunderts v. Chr. sind hier ebenso zu sehen wie Grabsteine christlich-koptischer Mönche aus dem 8. Jahrhundert.

Die beispielhaft gestaltete Ausstellungsarchitektur deutet mal das Portal ­eines Tempels an, mal eine enge Basarstraße mit kleinen Läden, in denen altägyptisches Glashandwerk oder Metallverarbeitung gezeigt werden. Besuchergruppen, die sich dort drängen, werden gewissermaßen als Marktgewusel selbst Teil des Ausstellungskonzepts.

Anders als heute gehörte zum ägyptischen Alltag damals eine florierende Viehwirtschaft. Als Grabbeigaben haben Modelle von Kornspeichern und hölzerne Kühe überdauert, die einen Eindruck vom agrarischen Alltagsleben vermitteln. Auch der Fernhandel blühte; Ägypter schätzten Lapislazuli aus Afghanistan und Gold aus Nubien. Dabei fußte die komplexe Gesellschaftsordnung allein auf bargeldlosem Tauschhandel: Münzen prägte man erst im 4. Jahrhundert v. Chr., um griechische Söldner zu bezahlen, die von daheim Bares gewohnt waren.

Als Modell ist ein Anwesen mitsamt Kornspeichern und Öfen aus der Zeit um 1350 v. Chr. zu sehen, das der Ägyptologe Ludwig Borchardt vor rund 100 Jahren in Amarna ausgrub. Das den Ägyptern eminent wichtige Familienleben spielte sich in Häusern aus luftgetrockneten Lehmziegeln (Format: 35 mal 17 mal 9 Zentimeter) ab. Diese Bauten wirkten wie Klimaanlagen: Die Ziegel gaben die gespeicherte Hitze des Tages in der Nacht ab, tagsüber hingegen blieben sie lange kühl.

Komplett begehbar ist die Rekonstruktion eines solchen Hauses. In Vitrinen sind hier prächtige Schmuckstücke zu sehen. Kosmetikartikel wie Rasiermesser, Haarnadeln und Schminktöpfe gibt es, in der Küche sind Amphoren, Geschirr und Schalen versammelt, daneben Möbel und Kinderkleidung, hölzerne Pferdewagen für kleine Jungen und Puppen für kleine Mädchen. Eben alles, was zu einem gepflegten Haushalt gehört. So bleibt die Erkenntnis, dass der Alltag der Pyramidenbauer von damals viel mit dem Alltag der Hochhausbauer von heute gemein hat. Jedenfalls mehr, als die meisten Hochhausbauer von heute vermuten.

Informationen unter (05121) 93690 und im Internet.

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