Hannoverscher Atelierspaziergang

Den Himmel durchschneiden

Die Acrylfarbstreifen auf den Bildern von Sabine Kinast sollen gut mit den Stromleitungen in Emmanuelle Tanaïs Aupests „Beau comme un camion“ harmonieren.
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Die Acrylfarbstreifen auf den Bildern von Sabine Kinast sollen gut mit den Stromleitungen in Emmanuelle Tanaïs Aupests „Beau comme un camion“ harmonieren.

Hannover - Ein Blick in die Kreativzellen: Künstler bereiten sich auf den traditionellen hannoverschen Atelierspaziergang am 31. Mai vor. Außer in Linden, der Südstadt, Badenstedt und der Calenberger Neustadt sind auch Künstlerwerkstätten in der Region zu besichtigen.

Aus der Glatze eines alten Mannes wächst eine große Banane. Ernst blickt er unter buschigen Augenbrauen hervor, die Banane ist sehr hell. Sie glänzt, weil sie oft angefasst wird - das Ganze ist eine der Bronzeskulpturen von Heiko Prodlik-Olbrich.

Bizarre Konstellationen sind eine Spezialität dieses Künstlers, der sich außer auf Skulpturen auch auf Zeichnen und Malerei versteht. Das ganze Spektrum seiner Arbeiten wird demnächst eine größere Wahrnehmung erlangen. Denn Prodlik-Olbrich ist einer von 20 Künstlern, die ihre Arbeitsstätten für Teilnehmer des traditionellen hannoverschen Atelierspaziergangs am Sonntag, 31. Mai, von 11 bis 18 Uhr öffnen. Außer in Linden, der Südstadt, Badenstedt und der Calenberger Neustadt sind auch Künstlerwerkstätten in der Region zu besichtigen - etwa im kleinen Haus des Künstlers Prodlik-Olbrich in Springe.

Im Winter zeichnet er in seinem Haus, das bis zur Decke voll ist mit Büchern und Kunstwerken, im Sommer werkelt er im „Sommeratelier“ draußen, wie er sagt. In einer Garage hinterm Haus liegen Gussformen von Köpfen, Armen und Beinen. Kunst sieht hier, inmitten verschiedener Werkzeuge, Holzplatten und Blechbottiche, mehr nach Handwerk aus, nach Schwielen an den Händen. Aus Gips formt der Künstler muskulöse Oberkörper und feine Gesichter nach antikem Ideal. Er hat sich der Renaissance verschrieben. „Der Vorstellung von etwas Universalem, wie es in der Renaissance im Mittelpunkt stand, eifere ich gern nach“, sagt er.

Das Ideal gibt der Künstler selbst vor

Ganz anders hält es Nigel Packham. In seinem Atelier in Badenstedt hängen bunte Acrylgemälde in eher expressionistischem Stil. Das Ideal gibt er selbst vor, er bringt Emotionen, gesellschaftspolitische Themen und Kindheitserinnerungen mit viel Farbe auf große Leinwände. Pinseln, träufeln, große Kringel aus der Farbtube quetschen: Die Umrisse eines Autos, eines Kamels oder einer Frau sind zu sehen, häufig haben sie dicke Farbränder. In jüngster Zeit arbeitet er auch Fotoabzüge in seine Bilder, die er oft als Themenserien anlegt, etwa zu „Schulbildung von Mädchen“. Einige Bilder sind in kleine Kästen unterteilt, fast comicartig soll man sich so eine Geschichte zusammenschauen. Packham hat lieber „Platz als Besitz“, sagt er von sich. Der Maler wohnt in seinem großen Atelier wie viele seiner kunstschaffenden Nachbarn in den Backsteinhäusern mit Industrieflair. Eine chaotische Umgebung gehört für ihn zum Schaffensprozess dazu. Überall stehen Tuben, Eimer und Fläschchen, auf dem Boden sind Farbkleckse, und seine Bilder lehnen an den Wänden.

Der Fotograf Uwe Stelter mag es in seinem Atelier in Linden lieber aufgeräumt. Der hohe Raum mit weißen Wänden war früher mal ein Imbiss. Vier großformatige Fotos vom Blau des Himmels über der Ostsee sind das Erste, was man sieht, wenn man eintritt. Auf dem Boden liegt ein Foto einer Pfütze. Stelter hat sich auf Collagen und Fotoserien spezialisiert. Sein umfassendstes und bekanntestes Werk ist eine Bilderreihe mit Hannover-Ansichten, die er Städten wie Barcelona oder Madrid zuordnet.

Gemeinsam Himmel durchschneiden

Der Blickfang im Atelier ist eine Anordnung von Fußballsammelkarten verschiedener Jahrzehnte, die Stelter arrangiert hat, „um die Typen und Klischees im Laufe der Zeit zu zeigen“. Wenn er nicht gerade selbst mit seiner Pentax-Kamera loszieht und Städte fotografiert, collagiert er Bilder anderer Fotografen.

In drei der „Spaziergang“-Ateliers stellen mehrere Künstler aus. Eines davon ist die Eisfabrik, das Atelier von Malerin Sabine Kinast. Dort präsentieren neben Kinast Pepa Salas Vilar und Emmanuelle Tanaïs Aupest ihre Kunst. Beide Gäste haben kein eigenes Atelier. „Beim Aufhängen der Bilder haben wir festgestellt, dass sich da zufällig gute Übereinstimmungen in den Werken von mir und Tanaïs finden lassen. Wir haben beide oft grafische Elemente im Bild, die den Himmel durchschneiden. Bei mir sind das Strahlen, bei ihr eher Stromleitungen. Tanaïs spannt auch noch Drähte im Atelier, um die Bilder aufzuhängen, die die Strahlen fast aus den Bildern heraus erweitern“, sagt Kinast.

Eine gemeinsame Ausstellung der teilnehmenden Künstler ist im Regionshaus, Hildesheimer Straße 20, bis zum 21. August zu sehen. Weitere Infos zum Spaziergang gibt es unter www.hannover.de.

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