Sonderausstellung

Indianische Meisterwerke im Landesmuseum Hannover

- Die Indianer haben Einzug ins Landesmuseum in Hannover gehalten. Ab diesem Sonntag zeigt das Museum – exklusiv in Europa – in der Ausstellung „Indianer Kanadas" 150 Meisterwerke der kanadischen Ureinwohner.

Eine eigenwillige Strategie verfolgen die Ausstellungsmacher des Niedersächsischen Landesmuseums in Hannover: Sie locken die Besucher (man hofft bis August auf 30.000) mit einem Ausstellungs-Titel, den die Ausstellung selbst der Unsinnigkeit überführen will. Die Kuratoren docken damit an die Vorstellungswelt, die Klischees und Projektionen an, die die Europäer Autoren wie Karl May oder James Fenimore Coopers „Lederstrumpf“ verdanken. Die Ausstellung will aber zeigen, dass es „die Indianer“ gar nicht gab. Dabei ist nicht (nur) gemeint, dass die europäischen Entdecker die Kontinente durcheinanderbrachten, als sie die Völker Amerikas für „Inder“ hielten, sondern, dass es sich bei den amerikanischen „Ureinwohnern“ keineswegs um ein einziges Volk oder eine einzige Kultur handelt.

Ein durchaus ehrgeiziges Ziel verfolgt die erste Ausstellung, die dem neuen Direktor Jaap Brakke zu verdanken ist. In nur vier Monaten wurde sie auf die Beine gestellt, mit großer Hilfe des „Canadian Museum of Civilization“ in Gatineau, Quebec, von dem die meisten der 150 Ausstellungsstücke, alles Originale, stammen. Die Erläuterungen sind auf ein deutsches Publikum abgestimmt, das dort abgeholt werden soll, wo es dank der europäischen Tradition steht.

Die kennt unter anderem die sogenannten „Völkerschauen“, mit der im 19. Jahrhundert „Ureinwohner“ als lebende Exoten ausgestellt wurden. Einer Irokesenschau, die 1879 in Hannover gastierte, verdankt das Museum beispielsweise original Mokassins, die mit anderen Gaben im Eingangsbereich ausgestellt werden.

Schließlich beginnt die eigentliche Ausstellung mit den ältesten Stücken, etwa einer 10.000 Jahre alten Speerspitze, die daran erinnert, dass Nichteuropäer den amerikanischen Kontinent um einiges früher für sich „entdeckten“.

Die Schau will, wie der Direktor des kanadischen Museums Victor Rabinovitch betont, zeigen, wie reichhaltig und vielgestaltig die „indianischen“ Kulturen waren und sind. So wird es auch deutlich, warum man heute in Kanada weniger von „Indianern“ als von „First Nations“ spricht. Schließlich leben auf kanadischem Gebiet heute noch viele kulturelle Gemeinschaften, die man diesen „ersten Nationen“ zurechnet: Sie sprechen in 53 Sprachen, die Linguisten in elf Sprachfamilien eingeteilt haben. Und sie sind heute anerkannter Teil der kanadischen Kultur und nicht nur ihre „primitive“ Vorgeschichte.

So ist neben jahrhundert- und jahrtausendealten Ausstellungsstücken auch ein Inuitparka aus unserem Jahrzehnt zu sehen, der auf die Lebendigkeit und die Kontinuität dieser Kulturen hinweisen soll. Dabei gab es schon immer auch Wechsel in den Moden und die Aufnahme von Fremdem in die eigene Tradition. So erfreuten sich seit drei Jahrhunderten Glas- oder Metallperlen großer Beliebtheit bei der Verzierung von Zeremonialgewändern, die nun nicht mehr nur mit gefärbten Borsten von Stachelschweinen verziert wurden.

Dieser Parka gehört zur ersten von vier Abteilungen, die jeweils einem Lebensraum und den damit verbundenen Lebens- und kulturellen Ausdrucksformen gewidmet sind. Dieser Teil zeigt, was die Inuit unter den harten Umweltbedingungen der Arktis geschaffen haben, von reich verzierter Kleidung und Schuhwerk bis zu Schneebrillen oder einem als Fisch gestalteten Fischköder, aber auch zweckfreie Schnitzereien eines Eisbären aus Walross-Elfenbein.

Am ehesten unserem Indianerbild entsprechen die Jäger und Krieger der nordamerikanischen Great Plains, die sich mit der Verzierung ihrer Leggings und Kriegerhemden, mit ihren Köchern, Pferdehalftern oder Flöten viel Mühe machten, wenn sie nicht gerade als Nomaden ihrer Nahrung, den Bisons, hinterherzogen.An der Nordwestküste entstand eine Überflussgesellschaft von Lachsfischern. Die konnten sich den Luxus künstlerischer Tätigkeit in besonderem Maße gönnen und bis heute sehr kunstvolle Holzschnitzereien, Kisten oder ausdrucksstarke Tanzmasken fertigen.

Wieder andere Stile pflegten die irokesischen Völker, Bodenbauern der Großen Seen, die 1500 Jahre Maisanbau betrieben und komplexe hierachische Gesellschaftsordnungen und ebensolche religiösen Vorstellungen entwickelten. Hier sind sie mit Keramiken oder kunstvoll gestalteten Pfeifen vertreten: Sie glaubten, dass Tabakrauchen Verstand und Geist erweitere – ein Glaube, den europäische Intellektuelle in ihrer Mehrheit bis vor ein, zwei Jahrzehnten teilten.

Künstler fühlten sich auch sonst den Ureinwohnern anderer Kontinente sehr nah – das dokumentiert eine kleine Ausstellung in der Landesgalerie, die zum ersten Mal ein europäisches Publikum mit dem Indiandermaler Nicholas de Grandmaison (1892–1978) bekannt macht. Die 21, vor allem in den Dreißigern und Vierzigern entstandenen Gemälde zeigen vor allem Porträts von Plains-Indianern, weshalb einem die Physiognomien und der Gestus der Porträtierten recht vertraut sind. Grandmaison verstand sich wohl auch als Ethnograf, was ein altertümliches Aufzeichnungsgerät unterstreicht. Der Künstler benutzte es, um Gespräche und Lieder direkt in Form von Vinylschallplatten aufzunehmen.

In vielen Formen versucht diese elegant designte Ausstellung, die „ersten Nationen“ Kanadas selbst sprechen zu lassen.

Die Ausstellung im Landesmuseum Hannover, Willy-Brandt-Allee 5, wird am 26. April eröffnet und bis zum 2. August gezeigt. Geöffnet ist sie dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, donnerstags 10 bis 19 Uhr, geschlossen am 1. Mai. Tageskarte 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Familien 15 Euro.

Der Katalog zur Ausstellung ist für 9,90 Euro, ein englischsprachiger Katalog zu den Gemälden von Nicholas de Grandmaison für 14,90 Euro zu haben.

Für Kinder wird ein „Entdeckerkoffer“ bereitgehalten. Zum Begleitprogramm gehören Vorträge, Workshops, aber auch ein „indianisches Tanzfest“ am 1. Juni.

Weitere Informationen: (05 11) 98 07-6 86 und unter www.landesmuseum-hannover.de

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