Jahresrückblick

Insolvenz und andere Trends

- Alle reden von Opel und Schweinegrippe, aber an Schiesser und Mary Roos denkt wieder keiner. Vielleicht waren wir einfach mit uns selbst beschäftigt in diesem 2009, das auch das Jahr des Gorillas war. Ein Rückblick.

Das geht ja gut los. Bei seinem ersten großen Heimspiel vor rund vier Millionen Zuschauern in Washington scheitert der mächtigste Mensch der Welt beim Nachsprechen von 42 Wörtern des Amtseids und wird nicht amerikanischer Präsident. Doch Barack Obama fordert den Videobeweis, erzwingt ein Wieder­holungsspiel und packt es im zweiten Versuch. Immerhin: Der Mann war mal in den Schlagzeilen.

Feierlichkeiten: Neben Obama hält die Welt auch das Comeback des 60-Jahre-Jubiläums in Atem. 60 Jahre Bundesrepublik, 60 Jahre Nato, 60 Jahre HAZ, 60 Jahre Currywurst, 60 Jahre Mary Roos, 60 Jahre Manni Burgsmüller und – natürlich – 60 Jahre Shin-Tung Yau, der berühmte chinesische Differenzialgeometriker, der, wie wir alle wissen, bereits 1977 bewiesen hat, dass Kähler-Mannigfaltigkeiten mit verschwindender erster Chernklasse Ricci-flache Metriken haben.

Wirtschaft: Deutschland feiert sein ­Jubiläum mit der Einführung des Alt­autoentsorgungsentgelts. Motto: Abwrackprämie essen Krise auf. 2500 Euro für die alte Gurke – beim Kauf einer neuen Gurke, die vermutlich nicht einmal alt wird. Schrotthändler tragen plötzlich teure schwarze Anzüge, nennen sich ­Junkyard Supervisor oder Death-Metal-Manager und kommen aus dem Feiern gar nicht wieder raus.

Politik: Auch in Hessen knallen die Korken. Nach anderthalb Jahren Chaos bleibt Roland Koch Ministerpräsident – nicht, weil er so gut ist, sondern weil alle anderen noch schlechter sind. Andrea Ypsilanti ist parteitechnisch nach allen Seiten paarungsbereit, man könnte von Koalitionsläufigkeit sprechen. Das kommt nicht gut, und so bleibt alles beim Alten. Beim alten Koch. 2012, sagen die Mayas, geht die Welt unter. Mag sein. Aber Roland Koch bleibt Ministerpräsident von Hessen.

Februar

Wirtschaft: In die Insolvenzpolonaise reihen sich weitere prominente Partygäste ein: Schiesser gibt das letzte Hemd, Saab fährt auf dem letzten Tropfen. Besonders dramatisch ist die Lage bei ­ ­Märklin. Das Unternehmen muss trotz heftiger Kritik der Gewerkschaft kleiner Lokführer fast 400 Zugführer und Schaffner entlassen. Viele versuchen bei Matchbox und Playmobil ihr Glück.

Opel dagegen stemmt sich gegen die Talfahrt. Die Marke ist am Ende, aber beliebt. Für die Übernahme bewerben sich der österreichisch-kanadische Zulieferer Magna, die russische Sberbank, Fiat, Haribo, Kind Hörgeräte, Schaeffler, Madeleine Schickedanz und die Eagles, die mit dem Song „Opel California“ schon ein Lied für den Aufschwung geschrieben haben.

Politik: Nach Sigmar Gabriel, Claudia Nolte und Heinz Riesenhuber präsentiert die deutsche Politik endlich wieder einen echten Popstar: Karl Theodor Maria ­Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz ­Joseph Sylvester Kevin Leon Murat ­Zlatko Freiherr von und zu Guttenberg. Der Mann ist keine 40 und in der CSU. Er fängt als Wirtschaftsminister an und lädt als Erstes sich und ein Dutzend Fotografen zum Antrittsbesuch bei Barack Obama ein. Er hält diesen Einsatz, wie er versichert, für angemessen.

Wolfenbüttel: In die Asse regnet es rein. Der ganze Atommüll wird nass. Die Atomlobby ist beunruhigt. Das Zeug ist wahrscheinlich nicht mehr zu gebrauchen. Es soll jetzt als sogenannter At-Home-Müll bei den Wolfenbüttelern zu Hause zum Trocknen zwischengelagert werden.

März

Politechnik: Das Bundesverfassungsgericht verbietet Wahlcomputer. Grund ist angeblich der dauernde Ausfall der SPD-Taste. Jetzt müssen die Kommunen die Dinger verkaufen. Ein paar Metzgereien experimentieren mit den Automaten, doch vielen Kunden ist es zu blöd, wegen einem halben Pfund Hack und zwei Scheiben Mortadella bis zur ersten Hochrechnung um 18 Uhr zu warten.

Fernverkehr: Hartmut Mehdorn geht. Wie alles bei der Bahn – zu spät. Er beweist, wie es klingt, wenn Uneinsichtige einsichtig werden: „Ich habe auch meine Fehler aus Überzeugung gemacht.“ Und dann: „In jedem anderen Land würde einer wie ich das Bundesverdienstkreuz kriegen.“ Geht doch. Die meisten Bundesverdienstkreuze, die man beispielsweise in Chile oder Burma bekommt, sind allerdings nicht echt, sondern Plastikschrott vom Touristenflohmarkt. Der Manager ist nun jedenfalls frei für neue Aufgaben. Märklin hat Interesse.

Hannover: Arnold Schwarzenegger besucht die CeBIT. Am spannendsten an der CeBIT findet Arnold Schwarzenegger einen Tabakwarenladen in der Luisenstraße, in dem er eine Zigarre mit seinem eingravierten Namen geschenkt bekommt. Zum Dank zeigt er, dass er nichts verlernt hat. Er liquidiert den Tabakwarenladen und die gesamte Luisenstraße und verabschiedet sich mit einem lässigen „Üstra La Vista Baby“.

April

Sport: Jürgen Klinsmann fährt letztmalig vom Gelände des echten FC Bayern München. Im Kofferraum: zwei Buddha-Figuren, viele gute Ideen und eine Autogrammkarte von Franz Beckenbauer. Nachfolger wird Häuptling Hochroter Kopf, Jupp Heynckes. Seinen Spitznamen „Osram“ muss er aus Klimaschutzgründen abgeben.

Krankheiten mit Tiernamen: Nach Vogelgrippe, Rinderwahn und Schafskälte versucht die Schweinegrippe in Deutschland einzureisen, bekommt aber vorerst kein Visum. Andere Länder wie Mexiko oder Peru zeigen sich aufnahmebereiter. Wer Schweinegrippe haben will, muss sie sich abholen. Das ist teuer und versaut die Ökobilanz. Man kann in Krisenzeiten halt nicht alles haben. Nicht mal Grippe.

Freizeit: Hamburg hat einen neuen Outdoor-Sport: Autos anzünden. Der Verdacht, es handele sich um eine städtische Maßnahme zur Ahndung von Parkvergehen, bestätigt sich nicht. Viele Autofahrer wollen ihren Wagen einfach fit machen für die Abwrackprämie.

Mai

Wirtschaft: Porsche und VW haben ein Problem, das Opel gerne hätte: Sie wollen sich gegenseitig übernehmen. Porsche legt Pläne für den 3,0-Liter-Sportwagen Lupo 911 vor. VW möchte Porsche in seine Nutzfahrzeugflotte integrieren, um seine rollenden Abstellkammern aus Hannover-Stöcken ein wenig aufzupeppen. Doch das Übernehmen der Unternehmen scheitert am gesetzlich verankerten Einspruchsrecht des Landes Niedersachsen. Neuer Plan: eine Fusion. Erstes Projekt: der VW Veto.

Archäologie: Auf der Schwäbischen Alb wird eine Skulptur gefunden, angeblich die älteste Darstellung eines Menschen. Es ist eine Frau. Sie hat einen kleinen Kopf und riesige Brüste, ist 35 000 Jahre alt, aber gut erhalten. Ihr Name: Dolly Buster.

Apropos Brüste: Beim Schlager-Grand-Prix macht sich Deutschland nach alter Tradition abermals lächerlich und schickt die Stripteasetänzerin Dita von Teese ins Rennen, die mit einem lächerlichen Tanzfrosch namens Oscar unter dem lächerlichen Namen „Alex Swings! Oscar Sings!“ den lächerlichen Titel „Miss Kiss Kiss Bang“ abliefert und mit verdienten null Punkten nach Hause fährt. Der nächste deutsche Teilnehmer, der in diesem Wettbewerb nicht Letzter wird, kann sich mit Hartmut Mehdorn das Bundesverdienstkreuz von Burma teilen.

Fußball: Der deutsche Rekordmeister FC Bayern gratuliert dem VfL Wolfsburg zur Deutschen Meisterschaft, Werder Bremen zum Deutschen Pokalsieg und dem FC Barcelona zum Champions-League-Sieg. Man ist sich in München einig: Allein mit ­Ribery, Toni, Klose, Lahm, Schweinsteiger, Borowski, van Bommel und Oddo geht es nicht. Die Mannschaft braucht endlich mal wieder Stars.

Seinen Titel verteidigen kann dagegen Bundespräsident Klaus Köhler. Zum Dank bekommt er von der ARD seinen alten Vornamen zurück. Und das alte Folklied der Gruppe America gesungen: „A Horst with no Name“.

Juni

Wirtschaft: Was heißt hier Krise? Firmenpleiten haben Hochkonjunktur! Ganz groß dabei: Opel-Mutter „GM“. Einer Umfrage zufolge ist bei Opel-Mitarbeitern das Bedrohungspotenzial von GM und Dschihad mittlerweile gleich groß. In deutschen Regierungskreisen diskutiert man derweil die Systemrelevanz von Opel. Angela Merkel, ansonsten mit Hilfspaketen nicht kleinlich, hat Zweifel. Auch der „Opel Angela“ mit geknöpfter Motorhaube kann die Kanzlerin nicht so recht überzeugen.

Krankheiten mit Tiernamen: Die Schweinegrippe wird zur Pandemie befördert. Das müsste auch für Deutschland reichen. Die Medien trommeln schon. Doch die Behörden stellen sich stur. Schon dieser Name! H1N1 – was soll das denn bitte sein? Nicht mal ne Ordnungsziffer! Wieso nicht gleich R2D2? Hörsäle heißen so, aber nicht anständige Pandemien.

Kultur: Dresden verliert trotz der Kleinen Hufeisennase, einer systemrelevanten Fledermausart, den Welterbetitel für das Elbtal. Um den freien Platz auf der Welterbeliste bewerben sich unter anderem das Schopflocher Torfmoor bei Stuttgart, das Smallland im Ikea-Markt Fürth-Poppenreuth, der De-­Häen-Platz in Hannover und Hartmut Mehdorn. Ernannt wird aber das Wattenmeer, es spielt nun mit dem Grand Canyon in einer Liga.

Juli

Wirtschaft: Es ist perfekt. VW übernimmt Porsche, schmeißt Wendelin Wiedeking raus und gliedert die Zuffenhausener zwischen Seat und Skoda in die Markenpalette ein. Porsche-Fahrer müssen sich erst noch dran gewöhnen, an der Ampel von Ibiza- und Octavia-Besitzern kollegial gegrüßt zu werden. Aber: alles eine große Familie.

Randsport: Bei der alljährlichen Apothekenrundfahrt durch Frankreich feiert Lance Armstrong sein Comeback. Alle freuen sich, es gibt vor Beginn ein großes, ausgelassenes Willkommensfest für den untadeligen Sportsmann. Zum Dank serviert er den Schluckspechten aus dem Fahrerlager epochale Cocktails nach dem Geheimrezept des berühmten spanischen Barkeepers Fuentes.

Politik: Ulla Schmidt kämpft wie eine Löwin für ihre SPD, auch da, wo es schwer ist, Wähler zu motivieren. Zum Beispiel im Ausland. Auch in gefährlichen Ecken. Wie auf Mallorca, der Bronx der Balearen. Aber Ulla Schmidt kennt keine Angst. Selbst der Diebstahl ihrer Dienstlimousine hält sie nicht von ihrer Arbeit ab. Aber in ihrer Luschenpartei wird ihr Einsatz kritisiert. Planloser, unangekündigter Stimmenzuwachs sei das Letzte, was die ohnehin tief verunsicherte SPD im Moment gebrauchen könne.

August

Sport: Der Jamaikaner Usain Bolt verbessert bei der Leichtathletik-WM in Berlin seine eigenen Fabelweltrekorde deutlich, seine 100-Meter-Zeit nähert sich langsam der Marke null an. Während seines 200-Meter-Laufs liest er die „Bild“-Zeitung komplett durch. Anschließend werden Gerüchte laut. Bolt soll exzessiven Sex mit dem WM-Maskottchen Berlino gehabt haben.

Auch die Politik ist fasziniert von dem Wunderläufer. Im Saarland wird nach den Landtagswahlen Bolt zu Ehren eine Jamaika-Koalition gebildet. Ministerpräsident Peter Müller wird noch am selben Abend auf dem Klo der CDU-Parteizentrale beim Kiffen erwischt.

Krankheiten mit Tiernamen: Die Schweinegrippe wird mittlerweile von der normalen Grippe als Schaumschlä­gerkrankheit und Pandeminchen gehänselt. H1N1 bittet daraufhin in einem Altenheim in der Lausitz um Asyl. Jetzt zählt jeder noch so kleine Erfolg.

September

Außenpolitik: Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi stellt im Vorfeld der UN-Vollversammlung formell den Antrag, die Schweiz aufzulösen und den Schurkenstaat an die umliegenden Länder zu verteilen.

Innenpolitik: Mit einer offenherzigen Wahlkampagne macht die unwichtige CDU-Politikerin Vera Lengsfeld bundesweit Schlagzeilen. Sie brüstet sich auf Plakaten mit dem Oslo-Dekolleté von Angela Merkel. Die Dinger hängen an Laternenpfählen.

Politik: Ende des Monats ist Bundestagswahl. Das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ist etwa so spannend wie „Das Wort zum Sonntag“ oder „Wetten, dass ...?“. Bei der Bundestagswahl Ende des Monats schließlich geht die SPD mit 23 Prozent unter. Immerhin: mehr Einwahl­quote als „Wetten, dass ...?“.

Oktober

Kultur: Jubel in Deutschland: Wir sind Herta! Herta Müller, die Lady Gaga unter den rumäniendeutschen Schriftstellerinnen, bekommt den Literaturnobelpreis. Automatisch ist sie auch Favoritin für den deutschen Buchpreis, den Büchnerpreis, den Grammy und die MTV-Awards. Ihr Roman „Atemschaukel“ soll noch vor Weihnachten als PC-Spiel auf den Markt kommen.

Politik: Auf dem Markt ist auch Guido Westerwelle. Er wird Außenminister, kann aber schon das nicht übersetzen. In keine Sprache. Das wird ein Spaß. Erstes Amtsziel: Deutsch muss Weltsprache werden.

Sport: Der MSV Duisburg trennt sich von Trainerlegende Peter Neururer. Es war Neururers 13. Trainerstation und selbstverständlich sein 13. Traumklub. Nachfolger in Duisburg soll Hartmut Mehdorn werden. Neururer übernimmt ab sofort die Betreuung der Schweinegrippe und will sie noch in dieser Saison in die erste pandemische Liga führen.

Sportpolitik: Die Sportwelt wird von einem Wettskandal erschüttert. Die Sonderermittlungsgruppe „Hoyzer II“ stellt fest, dass man sich in asiatischen Wett­büros intensiv mit Fußballspielen des SC Verl oder der Würzburger Kickers beschäftigt, Glamourvereinen also, die weltweite Aufmerksamkeit gewohnt sind. Doch die Wettenvorhersage fliegt auf, und die geschundene Wettmafia muss schon wieder ganz von vorn anfangen. Das kostet Zeit und Nerven, viele der Drahtzieher sind schon auf Schlecht­wettergeld.

November

Management: Während Peter Neururer die Schweinegrippe auf Vordermann bringt, entscheidet sich GM endgültig, Opel zu behalten, das Krisenmanagement sollen Madeleine Schickedanz und für den bargeldlosen Zahlungsverkehr Thilo Sarrazin übernehmen. Hartmut Mehdorn nimmt mit Herta Müller unter dem Namen „Hart & Herta“ eine Neufassung von „Yes Sir, I can Boogie“ auf.

Außenpolitik: Der Schurkenstaat Schweiz, von Muammar al-Gaddafi zur Auflösung freigegeben, schlägt zurück und verbietet Minarette im Alpenstaat. Muammar al-Gaddafi erklärt sich erstmals in seiner politischen Laufbahn zu Verhandlungen bereit. Die Schweiz lehnt ab. Gaddafi lässt 2000 Kriegskamele satteln und einen Scheinangriff auf Zürich reiten.

Dezember

Fußball: In einem Wettbüro in Braunschweig setzt ein angetrunkener Fußballfreund zehn Euro darauf, dass Hannover 96 in einem Spiel drei Eigentore schießt. Der Wettbüroleiter löst Alarm aus, der Mann wird festgenommen. Tags darauf beginnt ein außergewöhnliches Fußballspiel in Mönchengladbach.

Außenpolitik: Silvio Berlusconi bekommt von einem Fan eine Miniaturattrappe des Mailänder Doms geschenkt. Er ist enttäuscht. George W. Bush bekam vor Jahresfrist von einem irakischen Anhänger immerhin ein Paar Schuhe. Berlusconi weiß jetzt, dass er zwei Zähne zulegen muss.

Kultur: Hartmut Mehdorn und Herta Müller geben bekannt, dass sie unter dem Namen „Hartmut Sings! Herta Swings!“ Deutschland 2010 beim Eurovision Song Contest vertreten wollen.

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