„Ein ganzes halbes Jahr"

Jojo Moyes erzählt von Liebe zwischen Behindertem und Pflegerin

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Jojo Moyes erzählt in ihrem Roman eine Geschichte, die an den Kinohit "Ziemlich beste Freunde" erinnert.

Hannover - Von der Liebe zwischen einem Behinderten und seiner Pflegerin erzählt Jojo Moyes in ihrem Roman "Ein ganzes halbes Jahr": Es ist eine berührende Geschichte, die ein bisschen an den Kinoerfolg "Ziemlich beste Freunde" erinnert.

Manchmal ziehen Gegensätze sich tatsächlich an - dann finden Arm und Reich oder Hässlich und Schön zusammen. In der Hochliteratur, etwa bei Charlotte Brontë, lernen sich die mittellose Jane Eyre und der wohlhabende Edward Rochester kennen und lieben. In Aberdutzenden von Hollywood-Komödien treffen der angespannte Kontrollfreak (das heißt meist: die Frau) und der eher lässige Typ (das heißt: der Mann) aufeinander, und nach 90 Minuten kriegen sie sich.

Vom Zusammenraufen eines ungleichen Paares erzählt auch einer der größten Film- und Bucherfolge der jüngeren Vergangenheit, „Ziemlich beste Freunde“. Die Geschichte des reichen Philippe, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, und seines unkonventionellen Pflegers Driss hat in der Verfilmung mit François Cluzet und Omar Sy im Entstehungsland Frankreich 20 Millionen Zuschauer in die Kinos gelockt. Der Film von Olivier Nakache und Éric Toledano ist eine der erfolgreichsten Produktionen der französischen Kinogeschichte überhaupt. In Deutschland haben rund neun Millionen Menschen „Ziemlich beste Freunde“ im Kino gesehen.

Die Geschichte beruht auf dem wahren Fall von Philippe Pozo di Borgo. Di Borgos Buch über seine Freundschaft mit seinem Pfleger stand lange auch in deutschen Bestsellerlisten.

Jetzt ist wieder so ein Buch erschienen, das von der Annäherung zwischen einem Mann im Rollstuhl und dem Pflegepersonal erzählt: „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes. Der britischen Autorin, Jahrgang 1969, ist mit diesem Buch ein großer Erfolg gelungen. Die Rechte an dem Roman wurden in rund 30 Länder verkauft, und er stand auch in den USA in den Bestsellerlisten.

Nur zu verständlich: Moyes ist ein warmherziger Roman gelungen, mit witzigen Dialoge - und einer großen Liebesgeschichte. Will ist Mitte 30, sieht gut aus und verdient als Anwalt in London einen Haufen Geld, als er einen Autounfall hat. Danach ist er vom Hals abwärts gelähmt. Er zieht in das Haus seiner Eltern, ist seines eingeschränkten Lebens überdrüssig. Da taucht die Mittzwanzigerin Louise auf: Diese Lou hat gerade ihren Job als Kellnerin verloren. Der Snob und die Unterschichtenfrau mit der großen Klappe und dem großen Herzen: Die beiden sind, auch wenn sie es lange nicht kapieren, wie füreinander gemacht.

Ähnlich wie in „Ziemlich beste Freunde“ oder dem schwedischen Kinofilm „Die Kunst, sich die Schuhe zu binden“ über einen Mann, der sich unversehens als Pfleger einer munteren Behindertentruppe wiederfindet, rührt Moyes’ Geschichte so an, weil die Hauptfiguren sich über zahlreiche Widerstände hinweg annähern. Das alte Muster von Literatur - der Held muss Prüfungen bestehen, bis er ans Ziel gelangt - taucht hier in einem modernen Gewand auf. Und auch bei „Ein ganzes halbes Jahr“ lernt die vermeintlich Starke vom Unfallopfer: Für Lou ist die Begegnung mit Will ein Glücksfall.

Moyes’ Roman ist ernster als die beiden Filme. Will hat sich bei einer Sterbehilfeorganisation angemeldet, und Lou bleiben nur ein paar Monate Zeit, ihn davon zu überzeugen, vielleicht doch besser am Leben zu bleiben.

Jojo Moyes hatte von dem Schicksal eines jungen Rugbyspielers erfahren, der nach einem Unfall bei einer Sterbehilfeorganisation den Tod suchte - und dabei von seinen Eltern unterstützt wurde. Zuerst, erzählt die Autorin bei einem Besuch in Hamburg, habe sie nicht verstanden, wie Eltern ihrem Kind beim Sterben helfen könnten. Doch wer habe letztlich das Recht, für einen anderen zu entscheiden, ob er sein Dasein lebenswert findet? „Ich könnte das Schicksal, komplett gelähmt und stets auf Hilfe angewiesen zu sein, nicht ertragen“, sagt Moyes.

Genau beschreibt die Autorin das Leben eines Tetraplegikers - also eines Gelähmten, der auch Arme und Beine nicht bewegen kann - und reflektiert, mit den Mitteln des Unterhaltungsromans, das Thema Sterbehilfe. Die Resonanz auf den Roman war denn auch überwältigend, sagt die Britin, die erzählt, dass sie „Ziemlich beste Freunde“ erst nach dem Schreiben ihres Manuskripts gesehen habe.

So wie „Ein ganzes halbes Jahr“ endet, kann man der Autorin das glauben.

Jojo Moyes: „Ein ganzes halbes Jahr“. Aus dem Englischen von Karolina Fell. Rowohlt Polaris. 528 Seiten, 14,99 Euro.

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