Todesdrohungen und Anschläge

Journalisten in Pakistan im Visier

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Foto Journalisten protestieren in Multan.

Islambad - Journalisten in Pakistan werden immer wieder Opfer von Angriffen. Der Staat sieht meist tatenlos zu. Oder steckt vielleicht der Geheimdienst selbst hinter manchen Anschlägen?

Vor einigen Wochen eröffneten Schützen das Feuer auf das Auto von Raza Rumi. Der renommierte Fernsehjournalist steht auf einer Todesliste der pakistanischen Taliban. Rumi hatte schon mehrmals wegen seiner Arbeit Todesdrohungen erhalten. Doch nachdem er herausgefunden hatte, dass es die Taliban auf ihn abgesehen haben, kontaktierte er aus Sorge die Menschenrechtsgruppe Amnesty International.

Schon am nächsten Tag kam der Anschlag - sein Auto wurde auf dem Heimweg von seiner wöchentlichen TV-Sendung in der Stadt Lahore beschossen. Rumi überlebte nur knapp, doch sein Fahrer wurde getötet und sein Leibwächter schwer verletzt. Der fehlgeschlagene Anschlag habe sein Leben verändert, sagt Rumi der Nachrichtenagentur dpa am Telefon. „Es war gelinde gesagt traumatisch“. Regierung und Behörden hätten ihm nicht versichern können, dass es keine weiteren Anschläge auf sein Leben geben würde, erzählt er.

Deswegen habe er keine andere Wahl gehabt, als Pakistan zu verlassen. Rumi versteckt sich im Ausland. „Ich versuche, nicht den Verstand zu verlieren. Und ich will verhindern, dass noch jemand wegen mir sein Leben verliert.“ Die radikalislamischen Taliban, Separatisten in der Region Baluchistan, zunehmender sunnitischer Extremismus und die Gewalt im Nachbarland Afghanistan - das sind nur einige der Krisenherde in Pakistan. Viele Menschen wie etwa Richter oder Polizisten, die es wagten, gegen gewaltsame Kräfte anzugehen, seien ermordet worden, sagt Rumi. Journalisten stehen oft zwischen den Fronten, sie werden bedroht, entführt oder gefoltert. Gegenden wie Karachi oder Baluchistan seien vor allem deshalb gefährlich, weil die Staatsmacht praktisch abwesend sei, meint Rumi.

Pakistanische Medien befänden sich im Belagerungszustand, sagt David Griffiths von Amnesty International. Die Organisation listet in einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht Fälle von Angriffen auf Medien durch staatliche Institutionen, bewaffnete Gruppen und Parteien auf. Vor allem Journalisten, die über nationale Sicherheit und Menschenrechte berichteten, seien im Visier, sagt Griffiths. Aktivisten zufolge ist Pakistan eines der gefährlichsten Länder für Journalisten. Seit 2008 seien 34 Journalisten ermordet worden - und in nur einem Fall seien die Täter vor Gericht gelandet. 2013 allein wurden nach Angaben der pakistanischen Menschenrechtskommission elf Journalisten ermordet, viele mehr verletzt.Am 19. April wurde auch das Auto des Fernsehjournalisten Hamid Mir von Kugeln durchsiebt. Er gilt als Kritiker des pakistanischen Sicherheitsapparates - vor allem der Armee und des Militärgeheimdiensts ISI. Seine Familie machte den ISI für den Anschlag in Karachi verantwortlich, bei dem Mir nur knapp mit dem Leben davonkam. Sein Arbeitgeber, GEO TV, berichtete über die Anschuldigungen. Daraufhin versuchte die Armee, die Schließung des Privatsenders zu erreichen. Laut Amnesty gibt es in einigen Fällen „glaubhafte Befürchtungen“, dass Geheimdienstmitarbeiter bei Angriffen auf Journalisten die Finger im Spiel haben.

Reporter zu töten, sei seit Jahren ein Volkssport der Taliban, feudaler Landbesitzer und Extremisten in den Konfliktgebieten und den unwirtlichen Grenzregionen, sagt der Autor und Journalist Mohammed Hanif. „Doch in diesem Jahr hat diese Hatz die Städte erreicht.“ Es gab Bombenanschläge auf Fernsehstationen und Medienmanager trauen sich nur noch in gepanzerten Autos auf die Straße.

„Die Gefahr wird auch immer größer, weil der Staat nichts gegen diese Kultur der Straflosigkeit unternehmen will“, sagt Rumi. Doch im Exil will er nicht bleiben. Davor hat er Angst. Er wolle zurück, aber nicht ohne Sicherheitszusagen von offizieller Seite. „Es ist natürlich gut, dass ich am Leben bin, aber es ist für mich sehr verstörend, von meinem Land so getrennt zu sein.“

dpa

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