Neue ARD-Politsatire

„Kabarett macht unsterblich“

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Die Neuen: Maike KüŸhl, Hannes Ringlstetter und Sebastian Pufpaff (von links).

- Sie sind die neue ARD-Kabarett-WG: Sebastian Pufpaff, Maike Kühl und Hannes Ringlstetter. Im Interview sprechen sie über ihre neue Sendung „Dritter Stock links“.

Frau Kühl, Herr Pufpaff, Herr Ringlstetter – zunächst mal herzlichen Glückwunsch: Nach vielen Jahren eines prekären Kabarettistendaseins landen Sie in der öffentlich-rechtlichen Hängematte. Maike Kühl: Hängematte?! Hannes Ringlstetter: Geil!Sebastian Pufpaff: Also, ich hab ja schon viel zur Sendung gehört, aber das ist der Knaller.

An dem was dran ist? Pufpaff: Ein bisschen schon, oder? Kühl: Ich finde das, was ich bisher gemacht habe, auch schön. Ein großer Schritt ist das trotzdem.Ringlstetter: Wobei mir der Bohei ein wenig egal ist. Das Wichtigste ist doch, dass wir Spaß an dem haben und gute Arbeit abliefern.

Spüren Sie denn dieses kleine ­Damoklesschwert, dass der Sender nicht weniger erwartet als die Verjüngung und Aufwertung des politischen Kabaretts in der ARD? Kühl: Davon spüren wir gottseidank nicht so viel. Pufpaff: Gäbe es dieses Schwert, wäre es jedenfalls kein Grund, duckmäuserisch zu sein. Wenn man vermeintlich Jüngere bittet, Strukturen aufzubrechen, erhofft man sich von ihnen doch frischen Wind. So gesehen haben eigentlich wir ein Druckmittel, bei Kritik an mangelnder Konventionalität zu entgegnen: Ihr habt‘s doch nicht anders gewollt! Das sehe ich als Chance; Fernsehen kann ja nicht mehr daran vorbei, sich zu verändern. Gerade im Kabarett. Ringlstetter: Also, ich fühle mich für nichts zuständig, aber gerade das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinem Bildungsauftrag sollte offen sein und nicht nur Altes wiederkäuen. Aber ich hänge ehrlich gesagt noch beim Gedanken fest, mit 44 zu den Jüngeren zu zählen.Pufpaff: Das ist vom Publikum her gedacht; da bist du in deinem Alter ein Küken und musst dich so verhalten.

Wie verhalten Sie sich denn in dieser Kabarett-WG, was erwartet uns im „Dritten Stock links“? Pufpaff: Maike als CDU-Politikerin, ich als Kabarettist, Hannes als gescheiterter Musiker, die gemeinsam leben, aber auch verwandtschaftliche Beziehungen zueinander haben. Ringlstetter: Das private Umfeld bringt eine eigene Energie mit sich. Pufpaff: Und weicht ab vom üblichen Schlagzeilenkabarettismus, wo von der Bühnenkante mit hochgezogener Augenbraue über Pegida und den IS doziert wird. Ringlstetter: Anders als im Stand-up-Kabarett, wo die Komiker nacheinander auftreten, können hier also drei streitbare Individuen eine echte Debattenkultur entwickeln.Kühl: Als ungewohnte Mischung aus Sitcom und Kabarett.

Aber hat nicht genau dieser Mix 2009 zur Spaltung geführt, als Mathias Richling gegen Dieter Hildebrandts Willen Comedians zum „Scheibenwischer“ holen wollte, worauf das politische Kabarett im Ersten starb und im ZDF auferstand? Pufpaff: Das mag sein. Wir sehen uns jedoch nicht in irgendeiner Tradition sondern steigen wie Phoenix aus den Trümmern kritischen Fernsehhumors empor. Denn um den wäre es viel besser bestellt, gäbe es nicht diese unselige Einteilung in Kabarett und Comedy, Gut und Böse. Ringlstetter: Deshalb würde ich Comedy durch Unterhaltung ersetzen, der wir das Kabarett unterziehen wollen. Lustig sein mit Inhalt. Pufpaff: Die FDP hat den Begriff des Liberalismus ebenso zerstört wie Mario Barth den der Comedy.Ringlstetter: Oder wie Bayerns Gymnasien den des Humanismus. Ich spreche aus Erfahrung.

Gibt es phänotypische Marotten, Hüte, ulkige Hemden? Kühl: Um Gottes willen, nein! Pufpaff: Wir fangen nicht mit dicken Brillen an. Authentizität ist das A und O. Wie spielen uns im Rahmen des Realistischen ja auch selber. Wenn wir unsere Sache gut machen, können wir eine neue Debattenkultur befördern und die Welt zu einem besseren Ort machen. Kühl: Amen.Pufpaff: Und wenn wir sie noch ein bisschen besser machen wollen, dann entsagen wir diesen achtminütigen Monologen und ersetzen sie durch lebendige Interaktion. Das entspricht auch mehr den aktuellen Sehgewohnheiten.

Also denen Ihrer eigenen Generation. Sehen Sie sich noch als Nachwuchs? Ringlstetter: Maike? Kühl: Also, ich jetzt … Als Zuschauer mögen wir zu den jüngeren zählen, als Künstler gibt es bedeutend Jüngere. Ringlstetter: Seltsamerweise galt ich in Bayern, nachdem ich 15 Jahre auf der Bühne stand, plötzlich als Newcomer. Dann bin ich zum Fernsehen gegangen und war zehn Jahre später wieder einer. Im deutschen Kabarett kann man sich offenbar zu Lebzeiten wiedergebären. Pufpaff: Kabarett macht unsterblich!Ringlstetter: Na deshalb machen wir doch den Scheiß!

Die Sendung

Nach dem Ende des „Scheibenwischers“ war der politische Humor vom Ersten ins ZDF emigriert. Dann aber wanderte „extra 3“ in die ARD, und am Donnerstag legt der Sender nach: Um 22.45 Uhr gibt es die erste Ausgabe der sogenannten Kabarett-WG „Dritter Stock links“. Ihre Bewohner: Sebastian Pufpaff (r.), anarchischer Politik-Kabarettist aus Bonn, Hannes Ringlstetter (M.), Kabarettist, Musiker und Moderator aus München, sowie Maike Kühl, Ensemblestar des Düsseldorfer „Kommödchens“. In einem Mix aus realer Person und Kunstfigur diskutieren sie politische Ereignisse. Hauptautoren sind Thomas Lienenlüke und Sebastian Pufpaff.

Interview: Jan Freitag

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