Händel in der U-Boot-Halle

Klangschattenspiele im Stahlgewitter

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Foto: Im Rücken den Tod: Igor Durlovski.

Hannover - Das Schlossakkord Festival bespielt mit „Liebe und Krieg“ und viel Musik von Georg Friedrich Händel die Hanomag Halle in Hannover.

Musik am anderen Ort, der aber nicht zufällig gewählt ist: Wenn das Schlossakkord Festival von seinem Stammsitz Schloss Oelber (bei Salzgitter) aufbricht, um seine derzeit laufende Händel-Trilogie zu präsentieren, dann zu ungewöhnlichen, aber thematisch durchaus naheliegenden Schauplätzen.

Im vergangenen Sommer ging es um Eifersucht und ihre Folgen. Das war dann in einem Frauengefängnis und in mehreren Gerichtsgebäuden zu sehen: in Hannover im Amtsgericht.

In diesem Jahr heißt das Thema „Liebe und Krieg“ und war erst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Berlin und jetzt in der hiesigen Hanomag Halle 1 zu erleben. In der wurden tatsächlich Kriegsgeräte hergestellt, auch wenn der Beiname U-Boot-Halle in die Irre führt. U-Boote wurde hier nie gebaut (ist ja auch kein Wasser weit und breit), aber das Tragwerk der Halle war ursprünglich für eine Kriegsmarinewerft an der Küste vorgesehen gewesen. In der aktuellen Produktion spielt dieses Tragwerk tatsächlich eine, wenn auch nicht tragende Rolle: Ganz am Ende erweist sich eine Treppenkonstruktion als Himmelsleiter.

Regisseurin Olga Motta hat in eine Ecke der großen Halle eine schlichte Bühne bauen lassen. Links sitzt das Ensemble Musica Alta Ripa, im Hintergrund taugt eine Projektionswand auch als Spielfläche für Schattenrisse. Auf der Bühne steht eine Leiter, das ist es schon fast.

Auf dieser Leiter stimmen Ana Durlovski und ihr Ehemann Igor Durlovski ein sehr intimes, anrührendes Wiegenlied aus ihrer mazedonischen Heimat an. Dann aber ruft eine Battaglia zum Kampf: Diese Schlachtmusiken waren ein Musikgenre, das sich bis Beethoven und Tschaikowsky hinziehen sollte.

Hier weckt die Musik heroische Gefühle, nicht nur beim Mann, sondern auch bei der Frau, die ihren Helden anfeuert. Auch der Sohn soll zum Krieger werden.

Produzentin Danya Segal hat in Händels Opern und in seinen Oratorien treffliche Beispiele gefunden, die diesen tödlichen Weg illustrieren. Der Frieden spendende Schatten von „Ombra mai Fu“ wird dann eben zum Schatten des Todes.

Die Musik ist stellenweise (und dann sehr passend) zum Sterben schön, nicht nur, wenn Kai Wessels Countertenor und Ana Durlovskis Sopran verschmelzen. Gesungen wird hier sehr professionell und zugleich stimmungsstark.

Olga Mottas Regie ist angenehm zurückhaltend und hat ihre stärksten Momente in den ganz stillen Passagen: Wenn etwa ganz zum Schluss die Frau die Schuhe der Familie auf die Treppe stellt: Das ist alles, was bleibt. Denn der Schnitter Tod fährt in diesem Klangschattenspiel die ganze Ernte ein. Wenn Schlagzeuger Marcus Linke, dem geriebenen, nicht geschlagenen Gong ein Stahlgewitter entlockt, das zum Wetterleuchten draußen vor den Fenstern passt, dann tönt das bedrohlicher als jede Battaglia. Wenn Danya Segal (Blockflöte) und Hannes Rux (gestopfte Barocktrompete) den Trauermarsch aus „Saul“ intonieren, macht sich stille Beklommenheit breit. Nur die Hackbrettklänge des Salterio (Margit Übelacker) tönen versöhnlich. Bernward Lohr leitet die Musica Alta Ripa konzentriert, der Klang wirkt durch die Mikrofonverstärkung angemessen aggressiver als gewohnt.

Im Krieg kommt die Liebe unter die Räder. Da bleibt nach 80 Minuten nur der Traum vom Frieden. Ferdinand Kayser stimmt ganz unpathetisch John Lennons „Imagine“ an - im vergangen Jahr hatte der Weg von Händel zu Kate Bush („Wuthering Heights“) geführt. Die 800 Zuhörer folgen diesem Weg zum Frieden ganz versonnen und klatschen dann ganz unbesonnen: eifrig und begeistert.

Im nächsten Jahr geht es mit Händel um das Thema Ewigkeit. Wir vermuten: in einer Aussegnungshalle und mit dem Schlusssong „Eternal Flame“ (Bangles) oder „Eternity“ (Robbie Williams).

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