Baum schon konfiguriert?

Ein Klick auf Weihnachten im Internet

- Wir warten aufs
 Christkind – am liebsten analog mit echtem Kitsch und echten Kerzen. 
Wer Weihnachten dagegen im Computer feiern will, kann seinen Baum frei konfigurieren.

Hätten sie damals schon Internet gehabt, wäre die Sache in Bethlehem anders gelaufen. Vermutlich als Livestream direkt aus dem Stall, präsentiert von einem Windelhersteller. Und die Hirten hätten nicht von den Engeln Bescheid bekommen, sondern von Josef per SMS (Short Messias Service): „Jesus da, lg J.“ Aber sie hatten kein Internet damals. Sie waren total analog. Das ist es, was wir an Weihnachten so schön finden. Das Unfortschrittliche. Das Nichtdigitalisierte. Dieses Offlinefest. Baum, Kerze, selber singen. Auch in den Nullerjahren, die uns durchdigitalisiert und zu einer dot.com-Gesellschaft gemacht haben. Aber im Internet fühlt sich Weihnachten komisch an.

Das Internet tut immerhin, was es kann. www klingt ja auch ein bisschen nach Hohoho, und die Adresse www.weihnachten.de klingt fast wie ein kleines Gedicht. Aber nach Weihnachten klingt es nicht.

www.weihnachten.de, www.weihnachtenseite.de, www.weihnachten-im-web.de oder www.weihnachten.machtspass.com können helfen, Weihnachtsgeschenke zu organisieren – und hinterher wieder loszuwerden. Das Netz kann bei den Vorbereitungen Tipps geben. Beim Plätzchenbacken, beim Wohnung dekorieren. Beim Baum schmücken. Aber wenn das Internet selbst versucht, ein Baum zu sein, dann endet das beispielsweise beim „Online-Weihnachtsbaum-Konfigurations-Tool“ auf www.bingo-ev.de. Blaue Kugeln? Rote Kugeln? Ein Stern? Bitte Häkchen setzen! Als Ergebnis erscheint eine testbildbunte Baumzeichnung, die man auch selber malen könnte. Da konfiguriert man doch lieber eine krumme Nordmanntanne mit schiefer Spitze in einen wackeligen Christbaumständer und hängt die Strohsterne vom letzten Jahr dran. Auch mit Häkchen übrigens. Wer sich selbst als tanzenden Kobold konfigurieren will, lädt auf www.elf­yourself.com ein Foto von sich hoch und lässt zu „Jingle Bells“ im Diskosound die Hüften kreisen. Im Internet heißt so etwas „Fun“.

Egal, ob es spaßig ist oder nicht. Da greift man doch lieber zur handfesten Information. Auf dem „Themenportal Weihnachten“ bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia kann man Begriffe wie „Bescherung“, „Krippenspiel“ sowie assoziierte Begriffe wie „Weihnachtsgeld“ nachgucken – und den hilfreichen Text von „Es ist ein Ros’ entsprungen“, der für die meisten Einmalprojahrkirchgänger nach der ersten Zeile mit „hmhmhm“ weitergeht.

Wer über Weihnachten schon alles weiß, aber noch nicht alles hat, zum Beispiel Geschenke, kann sich auch auf den allerletzten Drücker auf www.presents4friends.com über das Thema Männergeschenke hilfreiche Anregungen holen: „Natürlich kann sich nicht jede Ehefrau leisten, ihrem Gatten ein nagelneues Traummobil zu überreichen. Doch es gibt Möglichkeiten, Weihnachtsgeschenke für Männer PS-lastig zu gestalten, ohne dabei den Geldbeutel zu stark zu strapazieren. Für jene, die es größer mögen, bieten Unternehmen an, große Schaufelbagger stundenweise zu mieten, auf denen sich der Mann seinen Kindheitstraum erfüllen kann.“ Am Ende steht die Einsicht: „Wer einfach total ratlos ist, liegt meistens mit Biergeschenken sehr gut.“ Für diese analoge Erkenntnis hätte man das Internet allerdings nicht extra erfinden müssen.

Man hätte dann aber vermutlich auch nicht erfahren, wo der Weihnachtsmann gerade ist. Den Weg und aktuellen Standort des hochwillkommenen Sackschleppers können ungeduldige Geschenkempfänger auf www.noradsanta.org verfolgen. Aber wozu? Ungeduld und Vorfreude gehören zur emotionalen Grundausstattung des Weihnachten feiernden Menschen. Aber das Internet ist nun mal kein Vorfreudemedium.

Ach, das Internet! Es bemüht sich. Irgendwie. Aber es wirkt hilflos. Ihm fehlen einfach ein paar Tools. Es riecht ja nicht mal. Weihnachten riecht. Nach Baum. Nach Gans. Nach Äpfelnussundmandelkern. Und nach warmer Stube mit vielen Menschen, ein Geruch, der mehr ein Gesamtgefühl ist. Weihnachtsgefühl, analoger geht’s nicht. Vielleicht sollte man in der Dot-com-Gesellschaft einfach mal einen Punkt machen. Zum Beispiel zwei Buchstaben vorher. Dann wird aus weihnachten.de weihnacht.ende. So sieht’s aus. Kerze an. Docht.com. Frohes Fest!

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