Die Wandlungskünstler

Kubanisches Duo Los Carpinteros stellt im Kunstverein aus

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Das kubanische Duo Los Carpinteros begeistert im hannoverschen Kunstverein.

Hannover - Den Auftakt macht das „Cuarteto Rebelde“, ein rebellisches Quartett. Kontrabass, Congas und Timbales, die typisch kubanischen Trommeln, scheinen wie unter Hitze zu schmelzen und bilden glänzende Lachen auf dem Boden des Kunstvereins.

Heiße Rhythmen, tropische Temperaturen: Hier kommen kubanische Klischees zusammen und werden doch konterkariert. Als führten die Instrumente ein Eigenleben, verweigern sie ihre Funktion. „Malas Noticias“, schlechte Nachrichten, heißt passend dazu eine großformatige Zeichnung von Lautsprechern. Wo die Trommeln schweigen, hat auch die politische Propaganda nichts Motivierendes mehr zu melden.

Schon einmal hat der Kunstverein Hannover unseren Blick für die lebendige Kunstszene Kubas geschärft. 2007, im Rahmen der Ausstellung „Made in Germany“, zeigte Diango Hernández eine poetisch-politische Installation aus havannatypischen Lautsprecherboxen. Jetzt hat das Künstlerduo Los Carpinteros einen fulminanten Auftritt. Marco Castillo und Dagoberto Rodríguez gehören wie Hernández zu den herausragenden Vertretern jener Künstlergeneration, deren Arbeiten von den Erfahrungen der neunziger Jahre geprägt sind. Sie hinterfragen die Versprechungen und Utopien kubanischer Politik und kommentieren einen Alltag, der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks von einer tiefgreifenden wirtschaftlichen und ideologischen Krise bestimmt ist.

Ihren Ruf als Los Carpinteros, die Schreiner, verdanken sie dem Umstand, dass sie zu Beginn ihrer Karriere – damals noch als Trio – in handwerklicher Tradition Holzobjekte schufen, die auf den ersten Blick wie Möbel wirken. Durch kluge Eingriffe jedoch sind sie ihrer Funktion beraubt. So unterlaufen Los Carpinteros die Zensur eines kommunistischen Staates, für den Kunst immer angewandte Kunst zu sein hat im Dienste der Gesellschaft. Materialien und Sujets werden mittlerweile variiert, doch die Strategie ist geblieben. Design, Architektur und Skulptur verschmelzen bei Los Carpinteros zu Metaphern einer widersprüchlichen Gegenwart.

Das Ensemble „Downtown“ (2002/03) etwa verwandelt die Silhouetten prägnanter Gebäude Havannas in luxuriöse Edelholzschränke mit vielen Schubladen. Begehen kann man die Installation, benutzen eher nicht. Zu monumental ragen die Kabinette wie Wolkenkratzer in die Höhe.

Geschrumpft werden die Maßstäbe dagegen in der Arbeit „Portaviones“ (2005). Das Modell eines Swimmingpools, Zeichen des Kapitalismus, nimmt hier die Form eines Flugzeugträgers an. Und „Cama“ (2007) verbindet die Form eines Metallbetts inklusive Matratze mit der ausladenden Schlaufe eines Autobahnkreuzes. Ein Loop wie in wildesten Träumen. Ruhe und Dynamik, Privates und Politisches gehen harmonische Verbindungen ein. „Die Synthese der Gegensätze“ identifiziert Kuratorin Ute Stuffer als untrügliches Qualitätsmerkmal der Werke.

Zugleich ist den Transformationen der Gegenstände ein provisorischer Charakter eigen, ein Stadium des Dazwischen, das die Möglichkeitsform der Dinge betont und die Phantasie des Betrachters aktiviert. In seinem spannenden Katalogbeitrag formuliert der Kunstwissenschaftler Roland Meyer die These, dass gerade darin die subversive politische Kraft der Arbeiten liege: Los Carpinteros setzen die Dinge frei. „Man könnte dies als eine spezifisch postkommunistische Haltung zu den Dingen verstehen.“

Dabei bleibt ihr Ansatz spielerisch. Am schönsten ist das in der Zeichnung „Tornado Amarillo Doble“ (2011) zu sehen. Zwei monumentale Wirbelstürme fegen über ein Niemandsland. Die zerstörerische Kraft der Naturgewalten wird aufgehoben in der Substanz, aus der die Wirbel bestehen. Senfgelbe Legosteine formen die Strudel, die surreal wie Ufos wirken.

Auch hier entsteht ein fragiler Hybrid: Auflösung und Erneuerung, Chaos und Regelwerk bedingen einander. Als sinnfälliges Bild einer Gegenwart, die sich global im Umbruch befindet und in ideologischen Turbulenzen, bleiben die „Tornado Doble“ in Erinnerung. Humorvoll, gefährlich und wunderschön.

„Los Carpinteros. Silence Your Eyes“ bis 3. Februar im Kunstverein Hannover. Eröffnung heute um 20 Uhr. Kuratorin Ute Stuffer führt am Sonnabend, 1. Dezember, um 17 Uhr ein Künstlergespräch mit Los Carpinteros. Katalog: 29 Euro.

Kristina Tieke

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