Gesprächsforum

Kunsthistoriker Beat Wyss über Timm Ulrich

- Der Kunsthistoriker Beat Wyss sprach am 29. Januar im Kunstverein über "Timm Ulrich im Lichte der Semiotik".

„Lesen Sie diesen Satz nicht zu Ende!“ Zu spät. Aber ärgern Sie sich nicht, Sie sind nur einem Kunstwerk aufgesessen. Dieser Satz steht auf einem weißen Schild am hannoverschen Georgsplatz, weitere elf sind in der Stadt verteilt. Geschaffen hat diese Sprach-Bilder der hannoversche Konzeptkünstler Timm Ulrichs, dessen Werke momentan anlässlich seines 70. Geburtstags im Sprengel Museum und im Kunstverein gezeigt werden.

Eine Vielzahl von Timm Ulrichs’ Arbeiten leben von Sprachspielen, von Doppelbedeutungen, von seinem Wortwitz. „Die Vieldeutigkeit der Sprache in seinen Werken unterscheidet ihn von amerikanischen Konzeptkünstlern“, betont der Kunsthistoriker Beat Wyss, der am Sonnabend im Kunstverein über „Timm Ulrichs im Lichte der Semiotik“ sprach. Am Rande der Ausstellung hatten sich Experten zu dem Gesprächsforum „Mythos Konzept“ zusammengefunden. Ulrichs sei, so Wyss weiter, mit seinem Verständnis von Sprache Dadaisten wie Kurt Schwitters näher als seinen amerikanischen Zeitgenossen Sol LeWitt und Joseph Kosuth (dessen strahlendes Leibniz-Zitat am Historischen Museum nachts für ein wenig Erleuchtung am Hohen Ufer sorgt). „Diese Künstler zeigen viel weniger Humor als Ulrichs.“

Wyss versuchte in seinem Referat, mit den drei zentralen Begriffen der Zeichentheorie von Charles S. Peirce – dem Ikon, dem Index und dem Symbol – einige Unterschiede zwischen Ulrichs, LeWitt und Kosuth zu erklären. In dieser semiotisch-ästhetischen Dreifaltigkeitslehre schreibt Wyss Timm Ulrichs das Symbolische zu – wegen seiner Sprachkunst. Das Ikonische, das Bildhafte, sei dagegen ein Merkmal Kosuths. „Die Amerikaner sind ästhetisch viel anspruchsvoller als Ulrichs.“ Dessen Werke wolle man sich schließlich nicht unbedingt ins Zimmer hängen.

Dass die amerikanischen Konzeptkünstler in den sechziger Jahren eher eine eindeutige Sprache ohne doppelten Boden bevorzugten, erklärt Wyss mit der Abkehr von Sigmund Freud. „Der amerikanische Kulturbetrieb wollte Schluss mit der Psychoanalyse machen.“ Für den Bremer Kunsthistoriker Thomas Deecke manifestiert sich darin sogar die endgültige Abnabelung Amerikas von der europäischen Kulturgeschichte. „Seitdem wissen wir, dass Amerika ein anderer Kontinent ist.“

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